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Sport-Stammtisch (9.April)

Um dem ZDF zu zeigen, dass Grundversorgung auch ohne Fußball möglich ist, kümmern wir uns heute ausschließlich um andere Dinge. Zunächst um Merkels Knie: Ein Meniskus ist ein halbmondförmiger Knorpel (daher der Name: mene = griech. Mond). Das Knie ist eine göttliche Fehlkonstruktion und die eigentliche Achillesferse des Menschen, denn in und an ihm zwicken Menisken, reißen Kreuz- und andere Bänder, und die bei Sportlern oft entzündete Patella-Sehne an der Kniescheibe schmerzt und reißt besonders gerne. Aber wir bleiben beim Meniskus, an dem die Kanzlerin operiert wurde, und stoßen auf ein Phänomen: Es gibt Menschen, die trotz im CT eindeutig erkennbarer schwerer Meniskusschäden schmerzfrei sind, andere wiederum klagen über große Beschwerden, obwohl der Kernspin ein tadelloses Knie zeigt. Viele Mediziner sind überzeugt, dass Eingriffe wie Arthroskopie oder Gelenkspiegelung zu oft vorgenommen werden und dass Medikamente und Krankengymnastik genauso gut wirken. Es gibt sogar eine medizinische Studie, in der einer Vergleichsgruppe Meniskusgeplagter eine Operation nur vorgetäuscht wurde. Eine andere Gruppe wurde operiert, einer dritten das Gelenk gespült – und nach einem Jahr litten alle drei Gruppen unter gleich starken Beschwerden. Also: OP oder nicht OP? Als Laie maße ich mir natürlich keine eigene Meinung an, vermute aber, dass nach Merkels OP – Nachahmungseffekt – die Zahl der Knieoperationen in Deutschland signifikant steigen wird.
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Das Knie die eigentliche Achillesferse? Da werden Ariane Friedrich und Fabian Hambüchen aber energisch widersprechen. Die beiden hessischen Paradesportler, denen die Achillessehne gerissen ist, geben in einem sehr interessanten Kicker-Interview Auskunft über den Stand ihrer Rekonvaleszenz und ihres Aufbautrainings. Beide arbeiten viele Stunden am Tag, Hambüchen aber deutlich länger als Friedrich, weil der Turner »viel auf Maximalkraft« trainiert, und »da musst du Pausen einhalten, sonst bringt es nichts«.
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Wie das? Keine Frage für gestandene »Anstoß«-Leser, denn sie wissen noch, was sie in unseren Muskel-Mini-Serien vergangener Jahre über »einen der größten Fehler, den man beim Training der Maximalkraft machen kann«, gelesen haben: Das Pausengesetz zu missachten. Denn je kürzer die Pausen zwischen den einzelnen Trainingsreizen sind, desto größer werden Müdigkeit und Verkürzungsrückstand im Muskel. Nur bei genügend großer Pause tritt kein Verkürzungsrückstand ein, und nur dann bleibt die Zuckungshöhe gleich und der Maximalkraft-Effekt für den Muskel optimal. Wobei man für notorische Faulpelze ergänzen muss: Das gilt nicht für das Ausdauertraining!
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Bevor’s zu fachlich langweilig wird: Kaum verschwindet der Reaktor in Japan aus den Top-Schlagzeilen, schon sucht uns wieder das Ozonloch heim. Aber Warnung an alle german-angst-Freunde: Eine von mir in Auftrag gegebene Studie einer von mir nicht unabhängigen Forschungsgesellschaft hat ergeben, dass Sonnencreme kontaminiert ist und man sich besser mit Feinstaub einpudern sollte.
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Oder mit Hasch. Ein litauischer Fußballer ist vom Zoll mit 162 Kilo Haschisch erwischt worden. Als sein Anwalt reklamiere ich für den armen Jungen Eigenbedarf. Hast du Haschisch in der Blutbahn, kannst dich sonnen wie ein Truthahn.
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Wieder ernsthaft: Die Öffnung des Sportwettenmarktes bringt den Profis ein paar hundert Millionen Euro mehr, den Amateuren ein paar Millionen weniger, und es wird mehr Betrug bei den Wetten und auf dem Fußballplatz geben. Wie’s euch gefällt.
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Das war eine Anleihe aus dem gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« (im Online-»Anstoß« vom Mittwoch). Erst später las ich im »Spiegel«, dass sich »vor den Beratungen der Ministerpräsidenten zum neuen Staatsvertrag wichtige Menschen in ein Luxushotel auf Sylt einladen« ließen. In der Einladung hieß es: »Gemeinsam mit Ihnen wollen wir in einem sehr exklusiven Kreis die Weichen für die Zeit eines politisch liberalisierten Marktes für Sportwetten und Online-Poker stellen.« Für die politischen »Entscheider« stand ein Grundsatzreferat von, kein Scherz, Boris Becker auf dem Programm, in dem er, so der »Spiegel«, über die »Potenziale von Online-Poker« und dessen, wie jeder weiß, Wandlung »vom Nischendasein zum Volkssport« referieren sollte.
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Hauptargument der Befürworter einer Liberalisierung des Wett-Marktes ist die scheinbar pädagogisch wertvolle Bemühung, die Wetterei legal zu machen, um die illegale Zockerei auszutrocknen. Logisch ins Extrem getrieben: Totschlag legalisieren, um die Mordquote zu senken.
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Worum geht’s wirklich? Nur ums Geld. Die einen wollen wettend gewinnen und verlieren ihr Geld, die anderen konkurrieren um den größten Anteil daran. Denn Homer wusste schon vor 2800 Jahren: »Mancher Menschen Weltanschauung ist nur eine Geldanschauung.«
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Wer glaubt, hier schreibt ein moralisierender Biedermann, der von Tuten und Blasen und Zocken keine Ahnung hat, dem sei ebenfalls der Online-»Anstoß« empfohlen (Link: »Sport-Leben«).
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Ziel verfehlt: Eine Kolumne ohne Fußball. Der hat sich durch die Hinterzimmerzockertür eingeschlichen, denn auf dem Wett-Markt geht es zwar nur um Geld, aber das wird vor allem mit, durch und für den Fußball verdient. Oder gibt es etwa auch eine Rhönrad-Wettmafia? (gw)

Baumhausbeichte - Novelle