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Sport-Stammtisch (vom 7. April)

Wunder kann man nicht erklären, sonst wären es keine Wunder. In Mailand geschah ein solches, und selbst Erklärungs-Emeritus Günter Netzer, den ich in seiner Studierstube belauscht habe, gibt nun endlich zu, seine(n) Faust ballend: »Habe nun, ach!, Fußball und leider auch Fernsehen durchaus studiert, mit heißem Bemühn. Da steh’ ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor. Heiße Experte, heiße Netzer gar, und ziehe schon an die zehn Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!«
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Der Physiologe Emil Heinrich du Bois-Reymond formulierte schon 1872 »mit männlicher Entsagung« den Ersten Hauptsatz über die Grenzen der Fußballerkenntnis: »Ignoramus, ignorabimus.« (Wir wissen nicht, wir werden nie wissen). Du Bois-Reymond, der wegen Noch-nicht-Erfindung des modernen Fußballs für diesen das Ersatzwort Naturerkenntnis einsetzte, lässt uns aber wenigstens die stille Hoffnung, ein wenig mehr als nichts wissen zu können.
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Versuchen wir’s mal. Inter Mailand wurde für eine sportliche Sünde bestraft, für die schon andere büßen mussten, (zum Beispiel Galaktische aus Madrid und Hallenkönige aus Hessen – lang ist’s her). Die Inter-Stars spielten seit dem letzten Champions-League-Finale so gut wie ununterbrochen Fußball, und wenn mal Zeit für Aufbau gewesen wäre, spielten sie dennoch weiter Fußball (Ende Dezember das Weltpokal-Turnier). Schon gegen die aus eigener Dummheit ausgeschiedenen Bayern waren sie klinisch tot, Lokalrivale Milan nutzte das zu einem 3:0-Triumph, und nun kam Schalke, wie erlöst von Magaths Joch … nein, auch all das hilft nicht, dieses epochale 5:2-Ereignis zu erklären. Ignoramus, ignorabimus.
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Paradox auch, dass Schalke den Bayernbezwinger mit in München karrieregeschädigten Spielern bezwang wie Ali Karimi oder gar Alexander Baumjohann, einem der Stärksten in Mailand und zuletzt in die Schalke-Reserve abgeschoben. Oder Edu: Unvergessen die skurrile Szene vom Bochumer UEFA-Pokalspiel gegen Standard Lüttich 2004, als Edu in der 92. Minute (!) im eigenen Strafraum unter den Ball in den Boden trat, Lüttich ausglich und Bochum ausschied. Und jetzt: Zwei Tore in San Siro! Unglaublich.
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Schön, dass das ZDF uns durch seine stolze Bietsumme (54 Millionen pro Jahr gegen popelige 40 von SAT.1) auch in Zukunft die Champions League auf den Fernseher bringt. Oder? Was ändert sich für den Zuschauer? Nichts, außer der Nummer, die auf der Fernbedienung gedrückt wird. Doch, etwas ändert sich, Erstverwerter Sky hat es schon stolz verkündet: »Noch mehr Exklusivität bei Spielen mit deutscher Beteiligung.« Also weniger frei empfangbare Spiele als bisher. Für mehr Geld. Aus einer unerschöpflichen Quelle.
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Mancher Bayern-Fan fragt bang: Und die Europaliga? Wer überträgt demnächst unsere Spiele? Scherz beiseite, denn in München versteht man zur Zeit keinen Spaß. Eine Fan-Gruppe, sie nennt sich »Schickeria«, prollt gegen Uli Hoeneß, der zwar auch gut austeilen kann, aber sehr dünnhäutig reagiert, wenn es gegen ihn selbst geht. Warum steht er nicht über diesen primitiven Dingen? In bester Adenauer-Manier sollte sie Hoeneß »erst gar nicht injorieren«. Dass die kleine Hilfe für die verhassten »Löwen« kein edler Selbstzweck ist, sondern einen großen Bayern-Verlust verhindern soll (42 Millionen bis 2025 bei 1860-Insolvenz/Quelle: SZ), scheint nicht in die Köpfe der »Schickeria«-Fans zu passen. Überhaupt sollte sich diese Gruppe in einen anderen Spider-Murphy-Titel umbenennen: »Skandal im Sperrbezirk.«
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Skandälchen im Sperrbezirk verhaltensauffälliger Torhüter: Lehmann sagt, Wiese hält schlecht. Wiese sagt, Lehmann ist doof (»Soll in die Muppet-Show gehen. Einweisen, am besten in die Geschlossene.«). Lehmann sagt: Ich bin nicht doof. (»Ich kann nicht hinnehmen, als geistesgestört hingestellt zu werden.«). Lehmann verklagt Wiese auf 20 000 Euro Schmerzensgeld, DFB-Boss Theo Zwanziger, Humor hat er, schlägt Olli Kahn als Richter vor, und selbst Lehmanns Freund Oliver Bierhoff reagiert mit leisem Spott: »Wer Jens und Tim kennt, weiß, dass man die Aussagen von beiden nach Spielen nicht allzu ernst nehmen sollte.« Wieso eigentlich nur »nach Spielen«?
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Schließen wir den Kreis, zurück zu Schalke: Wer stand beim letzten großen Triumph im Tor der Euro-Fighter? Hilfestellung: Nicht Ernie, nicht Bert – aber vielleicht doch einer von den Muppets? (gw)

Baumhausbeichte - Novelle