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Sport-Stammtisch (2. April)

Dänischer Nordseestrand. Schön kalt, schön windig. Draußen auf dem Horns Rev vor Blavand blinken die Rotoren des größten Offshore-Windparks der Welt. Auch die Gedanken kreisen. Um Windkraft, Kernenergie, die sehr deutschen Befindlichkeiten … beeb, beeb, eine SMS macht sich bemerkbar. Poch, poch, das Herz schlägt schneller, als der schnellste Rotor drehen kann. Diese Nummer kennen nur die engsten Familienangehörigen, und die simsen erst gar nicht, weil sie wissen, dass dieses Handy nur für Notfälle mitgeführt wird. Was ist bloß geschehen? »Hi Papa, Daum ist neuer Eintracht-Trainer. Ansonsten geht’s mir gut. Reg dich nicht auf.«
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Tu ich nicht. Denn ich glaub’s nicht. Ich weiß doch, wie Bruchhagen tickt. »Visionen sind für Menschen, die keine Informationen haben«, sagt er. Daum zur Eintracht? Schlechter Voraprilscherz, mein Junge. Tags darauf sehe und höre ich im Fernsehen, wie Daum behauptet: »Visionen schaffen Fakten«. Und: Er teile mit Bruchhagen viele Visionen. Der sitzt daneben. Daneben.
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Klar: Mit Skibbe schien die Eintracht in betulichem Kleinmut ergeben den sittsam geordneten Rückzug in die Zweite Bundesliga anzutreten. Bekannt war auch, dass Skibbe kein Trainingsweltmeister ist und seinen Mannschaften in der Rückrunde oft die Luft ausgeht. Aber Daum? Und sowieso: Erst alles schleifen lassen, dann schleifen – nach allen Regeln der Trainingslehre muss das schiefgehen. Hoffnungsschimmer: Ausnahmen wie der Fußball bestätigen die Regel.
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Zurück in Hessen. Beim Nachlesen der Kommentare still geschmunzelt. Wie Frankfurter Kollegen rum-eiern, von denen man weiß oder zumindest ahnt, was sie von der Daum-Lösung halten! Als ob sie sich zwei Hintertürchen offen halten wollten, das eine für den möglichen Fall des schnellen Erfolgs, das andere für den sicheren Fall des späteren und nicht Skibbe-harmonischen Abgangs. Jungs, kennt ihr euren Schiller nicht? Mut zeigt auch der Mameluck!
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Ich gehe tapfer voran: Sich auf Daum einzulassen, ist Selbstaufgabe und verstößt gegen die Empfehlung von Erich Kästner, nicht so tief zu sinken, den Kakao, durch den man gezogen wird, auch noch zu trinken. Einziger Vorteil: Es ertrinkt sich süßer.
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Frage an Radio Eriwan: Hat nicht jeder Mensch eine zweite Chance verdient? Antwort: Im Prinzip ja. Aber was ist mit … und nun sind diverse Namen der Zeitgeschichte einsetzbar. Nicht der von Daum. Er hat eine zweite Chance verdient. Allerdings nur, was die Kokserei angeht. Lässliche Sünde, Schnee von gestern. Es gibt andere Gründe, sich ihn nicht ins eigene Haus zu wünschen, und die haben mit Stil, Geschmack und, ja, vielleicht mit Würde zu tun.
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Erinnerungen. Frage an Daum, ob er noch einmal lügen würde. Daum: »Das schließe ich mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln rigoros aus.« Da zu den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln auch die Lüge gehörte, lässt uns diese Aussage ebenso ratlos zurück wie die berühmte sophistische Zwickmühle vom Kreter, der behauptet, dass alle Kreter lügen.
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Oder: Daum heiratet, im Stadion des 1. FC Köln. Der Bräutigam steht im Tor vor der Südtribüne, Braut Angelica im anderen. Dann gehen beide aufeinander zu und treffen sich im Mittelkreis, wo der Standesbeamte wartet. Grusel, grusel.
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Daum sagt, er habe seit 2003 Bescheid gewusst über Robert Enkes Probleme. Kommentar dazu von Enkes Freund und Berater Jörg Neblung: »Das ist sehr beschämend, denn die Fakten sind andere.«
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Es sind die scheinbar kleinen Dinge, nicht das Koksen. Anderes Thema. Länderspiele wie das viel kritisierte gegen Australien sind immer noch sinnvoller als diese Kasachbaidschanistan-Kickerei. Wenn Gerd Müller seine Tore gegen diese Gegner hätte schießen können, stünde sein Rekord weit jenseits von 100.
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Bayer und Bayern: Selbst bei ehrenwertester Gesinnung, und die wollen wir Jupp Heynckes unterstellen, ist es sportlich nicht zu akzeptieren, dass ein Trainer in der laufenden Saison seinen Wechsel zu einem Klub verkündet, gegen den er mit seinem Noch-Klub um wichtige Saisonziele konkurriert. Das ist keine Kritik an Heynckes, Bayer und Bayern, sondern an den Verhältnissen, die so etwas ermöglichen.
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Marcel Reif, Diskussion in Sport-Bild. Ist er der Beste oder arrogant? Wieso oder? Zweimal ja. Nebenbei: Niemandem scheint aufzufallen, dass Reif physiognomisch von Jahr zu Jahr mehr wie ein Klon von Joschka Fischer wirkt.
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Persönlich verstörendste Meldung: Viele Verletzte bei einer Autogrammstunde in Oberhausen. Fast 20 000 drängten sich um ihre Helden aus einer RTL-Sendung mit einer deutschlandweit bekannten, mir nicht geläufigen Abkürzung: DSDS. Bin ich aus der Zeit gefallen? Geht’s da nicht um bedauernswerte Menschen, deren unbehaltbare Namen nach Merowinger und Hottentotten klingen und die sich lustvoll von einem bösen Clown demütigen lassen?
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Es gibt eben Dinge und Menschen (siehe Daum), die hinzunehmen sind, denen man Erfolg und Popularität nicht neidet, die ihre Daseinsberechtigung haben, die in ihnen affinen Kreisen geliebt, verehrt, manchmal aber auch gehasst werden, die man selbst weder hasst noch liebt, sondern sich nur wünscht, im eigenen Bereich von ihnen verschont zu bleiben. Bei DSDS ist es einfach. Aber wer spricht von DSDS?
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Das Letzte: Das ZDF-Traumschiff hat seinen Kurs geändert, jetzt soll Bali statt Japan die Kulisse bilden. Sendetermin: Ende des Jahres. Was aber, wenn im Dezember auf Bali … nein, nicht unken.
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Hoffentlich nicht das wirklich Allerletzte: Am Sonntag (ab 17.15 Uhr) schreibe ich eine Art »Livestream« vom Spiel Wolfsburg gegen die Eintracht im Online-Anstoß. Bis dann? (gw)

Baumhausbeichte - Novelle