Archiv für April 2011

Sport-Stammtisch (30. April)

Die einen schwärmen von William und Kate, die anderen von Manu(el) und ManU. Ich schwärme für Messi.
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ManU mag ich nicht. Weder den Stil auf dem Platz noch den des »Sirs« auf der Bank. Ob Ferguson von der Queen geadelt wurde, weil er sein Kaugummi so unglaublich prollig zermalmt? Dagegen kaut Kahn fast vornehm!
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Wer ManU nicht mag, ist einsam. Selbst ein Freund rümpft die Nase, denn für ihn kommt Manchester gleich nach der Eintracht, und das will bei ihm was heißen. Ach ja, unser Henni: Hat einen zum Rumkugeln schönen Werbespot für die Frauen-WM gedreht (mit Charly Körbel; zu googeln: youtube und gkWiS) und dafür den Deutschen Onlinepreis gewonnen. Bravo!
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Ja, klar, nicht nur Messis, auch Neuers Leistung war zum Schwärmen. Vor allem den genialen Bogenball von Rooney gleich zu Beginn hätte wohl kein anderer Torwart gehalten. Dann schoss ManU Manu richtig warm, und solch ein Dauerbeschuss baut auf. Sogar Oka Nikolov – mit Verlaub: ein Durchschnittskeeper – hielt einst in München bei ähnlichem Verlauf, als käme er von einem anderen Fußball-Stern.
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Dennoch: Neuer und Messi, das ist schon keine Weltklasse mehr, sondern »hors categorie«. Außergewöhnliche Einzelkönner garantieren im Fußball aber noch keine Siege, vor allem, wenn man Spieler wie den armen Sarpei vor oder Trainer wie den bizarren Maradona hinter sich hat.
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Englands größter Horror: WM-Spiel gegen Deutschland, Elfmeterschießen – und im deutschen Tor steht … Neuer! Um England diesen Albtraum zu ersparen und um den Fairness-Gedanken zu stärken, setzt sich eine neue Gruppierung namens FGP für eine Regeländerung ein. FGP steht nicht für »Freie Germanische Partei«, sondern für »Fußball-Gleichberechtigungs-Projekt«. Einziger Satzungspunkt: Bei Elfmeterschießen zwischen England und Deutschland muss Neuer ins englische Tor.
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Die andere, noch nicht existierende FGP (aber wenn die Parteien so weitermachen…) würde mit unserem Eiskunst-Traumpaar fremdeln: Aljona Sawtschenko/Robin Szolkowy. Das lassen wir uns silbensanft auf der Zunge zergehen: Al-jo-na-Sawt-schen-ko-Ro-bin-Szol-ko-wy. Herrlich.
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Der ruhige, gelassene, mutterwitzige Szolkowy scheint gar nicht in das exaltierte Metier zu passen und ist, obwohl Sohn eines tansanischen Arztes, der einzige »richtige« Deutsche von den dreien: Seine Partnerin stammt aus der Ukraine (Einbürgerungsgrund: Eiskunstlauf), Trainer Steuer aus Stasiland.
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Das Paar lief eine Traumkür, perfekt synchron, wie am selben Tag DAX und Benzinpreis ihr Drei-Jahres-Hoch erreichten. Oder wie ARD und ZDF gestern ein und dasselbe Ereignis mit ein und demselben Bild übertrugen.
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Nicht so richtig synchron läuft’s dagegen bei den Bayern mit ihrem Kapitänchen Lahm und Co-Chefchen Schweinsteiger. Dem platzte jetzt in einer Pressekonferenz das Krägelchen: »Ich bin kein Chefchen. Jeder hört in der Kabine auf das, was ich sage.« So spricht leider nur ein … Chefchen.
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Und dann gibt es ja heute noch einen richtig schönen, runden Bundesliga-Spieltag, ohne den Sonntags-Nachschlag. Das verdanken wir den 1.-Mai-Chaoten beziehungsweise der Angst vor ihnen.
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Es gibt drei Formen von 1.-Mai-Exzessen: Gewalt gegen Sachen (gerne Autos), Menschen (am liebsten Polizisten) und gegen sich selbst (Koma-Saufen). Zu Nummer eins und zwei äußere ich mich lieber nicht, sonst wird mir noch die FGP-Mitgliedschaft angetragen. Zum Koma-Saufen: Das hat Tradition, schon Alexander der Große soff wie ein Loch. Bei einem Gelage an seinem Hof trank sein bester Kumpel zwischen zehn und 15 Liter Wein und gewann damit den Trinkwettbewerb – zu Ehren eines indischen Weisen! Warnung an alle Trinkwettkämpfer: Auf den Plätzen hinter dem Sieger lagen einige Inder. Sie lagen für immer. (gw)

Veröffentlicht von gw am 29. April 2011 .
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Ohne weitere Worte (28. April)

Weil ein Hamburger Fan jüngst (…) einen Plastikbecher voller Gerstensaft in die Welt warf und einen Linienrichter traf (…), gilt die Bierwerferei als übelste Hamburgensie gleich nach Autoanzünden. Aber war das so schlimm? Kann ein halber Liter wirklich schaden? Wirbt Astra nicht mit bulligen Türstehern und dem Spruch »An Tieren getestet«? (…) Auf dem Kiez sieht man die Sache gleichwohl eher trotzig: »Nich’ lang schnacken, Bier in’ Nacken!« (Zeit)
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Die Kandidaten, die bei »Deutschland sucht den Superstar« von der Jury heimgeschickt werden, reagieren wie Menschen, denen man soeben gesagt hat, dass sie alle Angehörigen bei einem Erdbeben verloren haben. Auch gefühlte Gefühle können maßlos sein. Vor allem, wenn das Leben so gradlinig verläuft wie die Wäscheleine in Omas Garten. (Henryk M. Broder in Literarische Welt)

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Der moderne Mann trägt Vollbart, Holzfällerhemd und kann sich nun auch eine schicke Designer-Axt passend zum Outfit kaufen. (…) Prinzipiell können Frauen alles, was Männer können, das meiste sogar besser – außer, sich einen gepflegten Bart wachsen lassen. (Christian Zaschke im Zeit-Magazin über mögliche Motive für einen neuen Männer-Trend)
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Als der Eishockeyspieler Stefan Ustorf mit mehr als 100 Stundenkilometern von einem Puck im Gesicht getroffen wurde, brach sein Kiefer, und er verlor acht Zähne. Ustorf sagt: »Ich hätte gerne weitergespielt, aber leider waren da keine Zähne mehr, die ich hätte zusammenbeißen können.« (Stern)
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Linda Zervakis könnte die erste 20-Uhr-»Tagesschau«-Sprecherin mit ausländischen Wurzeln werden. (…) Das richtige Leben lernte sie während ihrer Kindheit im elterlichen Kiosk in Hamburg kennen. »Doch ich wollte nicht mein Leben lang mit Leuten arbeiten, die zum Frühstück Kräuterschnaps bestellen. Ich wollte da raus.« (Spiegel)
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Ist das Ihre wichtigste Grundregel, die Sie einfordern: immer und überall mehr zu geben? – »Ja. Das Umschaltverhalten ist der ultimative Mittelpunkt allen Strebens.« (Jürgen Klopp im Sport-Bild-Interview)
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»Ich hab’ mehr als einmal weinen müssen«, sprudelte Maria Höfl-Riesch im Überschwang der Gefühle. Dagegen ihr Marcus, ganz der kühl kalkulierende Manager: »Wir haben beide fünfmal geweint.« (SZ zur Hochzeit Riesch/Höfl)
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Man muss wahrscheinlich die FDP sein, um auf die Idee zu kommen, ausgerechnet junge Männer könnten eine Krise lösen. Junge Männer bauen die meisten Autounfälle, denken dauernd an Geschlechtsverkehr und ziehen sich an, als seien sie Markenbotschafter für den Wertstoffhof der Gemeinde. (…) Junge Männer finden Mario Barth witzig, und wenn sie ältere Männer werden, dann sehen sie entweder aus wie Dirk Bach oder Thilo Sarrazin. (Kurt Kisters »Deutscher Alltag« im SZ-Wochenende)
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Anscheinend wissen nur die wenigsten, welche Vorteile ihnen das Bildungspaket bringt, was verständlich ist, weil ihnen ja Bildung fehlt. (…) Man kann davon Reitunterricht finanzieren, und zwar auf Karussell- und Brauereipferden. Das Bildungspaket berechtigt auch zum Zoobesuch, wo man dem Vater beim Ein-Euro-Jobben in der Elefantenrüsselreinigungsanlage zuschauen kann. (»Zippert zappt« in der Welt) (gw)

Veröffentlicht von gw am 27. April 2011 .
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Montagsthemen (26. April)

Montagsthemen gibt’s nach Ostern immer dienstags, das klingt zwar nach Widerspruch – aber so sind wir sturen Hessen, und einer von ihnen leitet seine Oster-Kolumne seit zehn Jahren unverdrossen mit dem gleichen Satz ein.
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Noch viel länger ist es her, als ein anderes »Anstoß«-Mantra angemurmelt wurde: Das Anabolika-Problem werde nicht verantwortungsethisch angegangen, sondern von gesinnungsethischen, aber meist nur profilneurotischen Pharisäern zerredet und zerschrieben, mit dem Ergebnis, dass das Ansehen des Sports weiteren Schaden nehmen und die Muskelpille auch unter hellhörig gewordenen Sport-Abiturienten, Sportstudenten, Hobbysportlern und mühelosen Erfolg suchenden Fitness-Freunden beliebt und verbreitet werde.
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Das ist über 30 Jahre her, und wie damals prognostiziert: »Kein Ende abzusehen, keine Besserung in Sicht.« Dazu die aktuelle Oster-Nachricht: Der deutsche Zoll hat im Jahr 2010 14,5 Millionen Anabolika-Ampullen (für intramuskuläre Injektionen / 2006: 65 000) und 3,2 Millionen Tabletten (für orale Einnahme / 2006: 403 000) beschlagnahmt – wenn man realistisch von einer üblichen Aufklärungsquote ausgeht, lagen in den Osterkörbchen deutscher Freizeit- und Fitnesssportler deutlich mehr Anabolika- als Schokoladeneier. Denn, und das ist der böse Clou: Dopingwillige Spitzensportler versorgen sich aus besseren, weniger gesundheitsschädlichen und sportmedizinisch kontrollierten Quellen als jenen trüben, überwiegend in China, Pakistan und Ägypten sprudelnden, aus denen der Zoll nur gelegentlich etwas abschöpfen kann.
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Dieser »Anstoß«-Ansatz ist zwar koa neuer, aber wenn der Fußball-Schalk den Bayern weiter im Nacken sitzt, kriegen sie oa Neuer und koa Champions League (und krieg’ ich für diesen Übergang den Monty-Python-Gedächtnispreis?). Ohne Kalauer weiter: Warum eigentlich gilt es selbst bei den größten Schalke-Fans als Naturgesetz, dass ein je besserer Fußballer um so eher zu den Bayern wechseln muss? Mir scheint, das ist weniger ein Phänomen des Fußballs als ein gesamtgesellschaftliches. Doch das Thema ist zu komplex, um es in unserem nachösterlichen Spaziergang en passant anzugehen.
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Zu schlechter Letzt daher zurück zu den anabolen Ostereiern und zu einer exklusiven »Anstoß«-Empfehlung für alle, denen der Zoll das Naschwerk vorenthält: Der – zugegeben: ziemlich durchgeknallte – Kaiser Nero nahm höchstpersönlich an seinen spätrömischen Dekadenz-Sportspielen teil, und obwohl ihm niemand das Siegen streitig zu machen wagte, trainierte er fleißig mit Bleigewichten und trank, da die Pharmazie noch keine Anabolika auf den Markt geworfen hatte, zum Zwecke des Muskelaufbaus den verdünnten Kot von Keilern.
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Na ja, vielleicht sollte man sich dann doch lieber an einen Nachfolger von Nero halten, an Marc Aurel: »Hüte dich, dass du nicht verkaiserst.« Koa Anabolika, koa Keiler-Kot! (gw)

Veröffentlicht von gw am 25. April 2011 .
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Sport-Stammtisch (23. April)

Es muss nicht immer Fußball sein. Auch nicht am Tag des Bayern-Gastspiels. Wir kümmern uns heute um anderen Sport, also auch nicht um Daums Ankündigung, die manchen in die Zwickmühle bringt. Wofür die Daumen drücken?
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Marathonlauf: Diese ihm fernstliegende aller leichtathletischen Disziplinen fasziniert auch den Dauerlaufhasser. Unfassbar, dass Geoffrey Mutai bei seiner Weltbestzeit einen Schnitt von über 20 km/h lief – unter uns Oster-Radlern: Dafür müssten wir zwei Stunden lang tüchtig strampeln!
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In manchen Meldungen hieß es, Mutais 2:03:02 Stunden in Boston würden wegen zu starken Rückenwindes nicht anerkannt. Stimmt nicht. Dass die Strecke kein Rundkurs war, spielt ebenfalls keine Rolle, sondern, so die Regel: Wenn Start und Ziel nicht identisch sind, darf die Luftlinien-Entfernung zwischen ihnen nicht mehr als 50 Prozent der Laufstrecke betragen. Beim Marathon also 21 Kilometer, damit nicht größtenteils in eine einzige Richtung gelaufen wird.
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Und da kommt nun doch der Rückenwind ins Spiel, der in Boston so kräftig und stetig blies, dass auch der Zweitplatzierte den offiziellen Rekord von Haile Gebrselassie (2:03:59) noch weit unterbot. Was Gegenwind und Rückenwind bedeuten, fühlen Spaziergänger kaum. Aber ein 100-m-Sprinter wird von gerade noch erlaubten 2,0 m/sec Rückenwind, die der Spaziergänger allenfalls als leichte Brise wahrnimmt, um mehr als eine Zehntelsekunde schneller sein als bei Windstille.
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Nichtsprinter müssten sich schon aufs Rad setzen und mächtig treten, um bei knapp 40 km/h (schaffen Sprinter ohne Rad) zu spüren, wie die »leichte Brise« beflügelt oder bremst. Auch gemütlichere 20-km/h-Radler wissen die Vorzüge des Rückenwindes zu schätzen (und Gegenwind zu hassen). Wobei sich die scheinbar irrationale Erfahrung, beim Radfahren öfter Gegen- als Rückenwind zu erleben, objektivieren lässt: Bei Gegenwind kommt man deutlich langsamer voran, braucht also mehr Zeit, um ans Ziel zu kommen. Im Laufe eines Radfahrer-Lebens verbringt man daher viel mehr Zeit im Sattel bei Gegen- als bei Rückenwind.
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Da darf das alte Rätsel nicht fehlen: Mit Tempo 30 braucht ein Radler eine Stunde, um zu einem 15 Kilometer entfernten Ort und wieder zurück zu kommen. Wenn er bei starkem Gegenwind nur Tempo 15 schafft, wie schnell muss er dann auf der Rückfahrt bei gleich starkem Rückenwind sein, um die verlorene Zeit wieder aufzuholen? Auflösung, gleichzeitig Seins-Erkenntnis: Die Zeit ist uneinholbar.
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Den Läufern in Boston kam also der Rückenwind entgegen, ein Paradoxon, das mir als Wortspielratz vor vielen Jahren so gut gefiel, dass ich es in eine Schlagzeile packte. Der »entgegenkommende« Rückenwind wurde dann in einem Fachmagazin zur »Überschrift des Jahres« gekürt, worauf ich aber nicht übermäßig stolz war, denn der Gag wurde nicht ver-, sondern als dümmliche Stilblüte missverstanden und nur deshalb »ausgezeichnet«.
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Wer ist der bekannteste Deutsche, der jemals Marathon lief? Klar: Joschka Fischer. Der trug schon Turnschuhe, als er noch nicht an Marathon dachte, sondern an Sprints und Verfolgungsrennen am Frankfurter Pflasterstrand. Fischer in Turnschuhen bei der Vereidigung durch Holger Börner, das wurde später eines der berühmtesten Fotos der neueren deutschen Geschichte. Wie wir heute wissen: Nur ein PR-Gag. Fischer selbst notierte am 11. Dezember 1985 in seinem Tagebuch: »Turnschuhe müssen her, denn meine alten sind hinüber. Gesagt, gekauft. Mit prächtigem Weiß beschuht werde ich also morgen den Eid ableisten im Landtag zu Wiesbaden und dann: Nie wieder Turnschuhe!«
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Und damit zum Lieblingsthema von Fischers Partei, mittlerweile auch das aller Deutschen. Fast aller. Mich nehme ich aus, da auch in Sachen AKW parteilos. Dr. Klaus Güttner nimmt sich ebenfalls aus und schreibt zur Kolumne vom Donnerstag: »Ich gehöre zu den 1% ›Nicht-AKW-Widerstandskämpfern‹ und habe in den vergangenen Jahren häufig für die Firma ›Areva‹ (nicht mit dem Schreibfehler Aveva!) im Schulungsbereich in den deutschen Anlagen gearbeitet. Warum sollte der 1. FC Nürnberg eigentlich nicht diese Firma als Sponsor nehmen? Immerhin ist diese mit dafür verantwortlich, dass die deutschen Kernkraftwerke zu den zuverlässigsten KKW in der Welt gehören und kontinuierlich Strom liefern, damit die Millionen Fernsehgeräte an windstillen Abenden nicht dunkel bleiben, sondern die Fußballbegeisterten den Spielen unter Flutlicht zuschauen können. Herzliche Grüße und Dank für Ihre stets von mir zuerst in der Zeitung gelesene Kolumne.«
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Letzten Samstag fragte ich nach den Gründen für die in Frankreich und Spanien seit den achtziger Jahren im Vergleich zu anderen Europäern gestiegene Lebenserwartung und fand keine – »es sei denn, man bringt sie mit dem zeitgleich beginnenden Ausbau der Atomenergie in den beiden besonders AKW-freundlichen Ländern in Verbindung. Mutation!« Dazu stellt Michael Franz aus Gießen richtig: »Ihre Befürchtungen sind unangebracht. Richtig ist vielmehr, dass sie deshalb länger leben, weil sie schon viel länger als wir Biokraftstoffe in ihr Benzin und Diesel mischen … (vielleicht liegt es auch nur daran, dass die sich – nicht nur über obige Themen – weniger aufregen als wir Deutsche).«
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Falls gesellschaftspolitisch den guten Ton angebende Kreise sich von unseren beiden Lesern und mir verhohnepiepelt fühlen, bitte ich um Verzeihung und um ein letztes Thema: Die NRW-Emanzipationsministerin Barbara Steffens von den Grünen kämpft gegen das sportliche Reglement, das Badminton-Spielerinnen Röckchen und Beachvolleyballerinnen Bikinis als Wettkampfkleidung vorschreibt. Ist die Frau »balla-balla«, wie Bild meint und sie zum »Verlierer« des Tages kürt? Kommt mir wie gerufen und mag manchen überraschen: Die Ministerin, behaupte ich, ist im Recht, und die alten Funktionärssäcke, die neben ihren neoliberalen PR-Verbandsstrategen den jungen Sportlerinnen unter Androhung von Disqualifikation vorschreiben, sich »sexy« an- bzw. auszuziehen, müssten zur Strafe im Borat-Tanga die Siegerehrungen vornehmen, live im Fernsehen. Die Quote würde steil steigen. Und das ist schließlich die Hauptsache. (gw)

Veröffentlicht von gw am 22. April 2011 .
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Sport-Stammtisch (21. April)

Ein Griff ins eigene Archiv, auf den ich mich genau ein Jahr lang vorgefreut habe: »Der Sport-Informationsdienst (sid) meldet: ›Hoeneß will Neuner zu Bayern lotsen.‹ Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) meldet: ›Bayern hat Werben um Neuer eingestellt‹ – beide Meldungen haben keinerlei nachrichtlichen Nutzwert, es sei denn, man vertauscht das ›n‹: Nie wird Neuner bei Bayern in die Lehre gehen, bald wird Neuer bei Bayern im Tor stehen. Wetten, dass?!«
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Und heute: Magdalena Neuner hat das nie ernst gemeinte, aber von Tamtam und Schlagzeilen begleitete Angebot längst abgelehnt, bei den Bayern eine PR-Ausbildung zu absolvieren, und Manuel Neuer gibt nun halbwegs zu, was eh klar war, denn sowohl die Bayern als auch Neuner, Neuer und alle Journalisten (wenn sie diesen Namen verdienen) wussten, dass die Schlagzeilen ehrlicherweise hätten lauten müssen: »Hoeneß lotst Neuer zu Bayern« und »Bayern wirbt nicht um Neuner«.
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Aber Ehrlichkeit ist geschäftsschädigend, im Bundesliga- wie im Schlagzeilengewerbe. Nehmen wir nur die Trikotwerbung: Der 1. FC Nürnberg wird von »Aveva« gesponsort, einer Großfirma, die Atomkraftwerke mit den dort benötigten Gerätschaften versorgt. Glaubt man Wahlergebnissen und hektischen Parteienschwenks, besteht Deutschland derzeit zu 99 Prozent aus AKW-Widerstandskämpfern. Kündigt der »Club« den Vertrag? Oder verkündet er wenigstens ein merkelsches Moratorium? Blöde Frage. Oder die Arenen vom »EasyCredit Stadion« bis zu jenem in Hamburg, wo selbst HSV-Fans nicht immer wissen, wie ihr Stadion momentan heißt: Der vorletzte Namensgeber war eine Bank, die in der Krise besonders viel Geld verbrannt hat. Allerdings mit einem speziellen Energierückgewinnungssystem, denn das Geldverbrennen wärmt dort wie andersbankwo die Villen der verantwortlichen Manager noch bis zum St. Nimmerleinstag.
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Leider hat ausgerechnet Martin Suter, der nette Autor gepflegt-relaxter Krimis für die Mittelschicht, in seinem früheren Leben als Werbetexter den Slogan erfunden: »Lassen Sie Ihr Geld für sich arbeiten. Sie arbeiten schließlich auch für Ihr Geld.« Immerhin: Suter bereut heute. Er kennt den wahren Text: Lassen Sie Ihr Geld für mich arbeiten, wir teilen ehrlich: Gewinn für mich, Verlust für Sie.
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Bevor ich in den Ruf des Villenstürmers gerate, verrate ich lieber mein Ein-Drittel-Büchner-Credo: Frieden den Hütten, Frieden den Palästen, Krieg den Heuchlern! Noch ein Beitrag zum Pfui!-Proporz, die Karriere einer Erfolgs-Frau: Als NRW-Gesundheitsministerin kämpft sie gegen die Krankenkassen, wechselt dann zu einer der größten (mit besten Referenzen; dieses Knowhow!, diese Beziehungen!), kämpft als Kassen-Chefin gegen die Pharmaindustrie, wechselt nun erneut über und wird Leiterin des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller. Eine Karriere, die jeden Kabarettisten verstummen lässt – gegen so viel Realsatire käme nicht einmal unser alter Freund Matthias Beltz an.
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Apart auch, dass unter den Sponsoren des VfL Wolfsburg erstaunlich viele Zulieferer des KdF- .., sorry, des VfL-Großsponsors VW auftauchen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt? Dazu müsste man wissen, was der Schelm denkt. Vielleicht: Wer so viele Stars so teuer bezahlen muss, greift schon mal mit kapitalistischer Hand in die kommunistische Kiste und zwangsenteignet Abhängige? Oder greift er, chronologisch ein paar Kistchen früher, in die Feudalherrenkiste und lässt sich Tribut zahlen? Egal, Hauptsache Abstieg.
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Aber auch die da unten kommen an Millionen, mit Arminen-Chuzpe, die einem Rudi Völler vor Ärger Korkenzieher-Locken in den Schnauzbart dreht: Bielefeld, sicherer Absteiger aus der 2. Liga, nimmt 1,2 Millionen Euro aus dem DFL-Sicherungsfonds mit in die 3. Liga und leise lächelnd den irrelevanten Drei-Punkte-Abzug in Kauf und kann damit in seinem neuen fußballerischen Wirkungsfeld den Wettbewerb verzerren. Den raschen Wiederaufstieg werden sich die Arminen aber verkneifen müssen, denn nach fünf Jahren in der 3. Liga erlischt die Rückzahlungspflicht (mit fünf Prozent Zinsen), und die 1,2 Millionen sind … geschenkt!
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Dafür würde Neuer allerdings nicht mal einen Daumen in den Torhüterhandschuh stecken. Zum Wechsel des – gewiss großartigen und vielleicht weltweit besten – Torhüters der abschließende Kommentar von Cato. Der große Römer klagte einst über den »Wandel zum Schlechteren« in der Gesellschaft, wenn »hübsche Knaben für einen höheren Preis verkauft werden als Äcker kosten«. – Und die Moral von der Geschicht’: Mein Mann der Woche heißt … Frank Schaefer! (gw)

Veröffentlicht von gw am 20. April 2011 .
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Baumhausbeichte - Novelle