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Anstoß (Gescheiterte)

»Wäre das Spiel gegen Mailand früher abgepfiffen worden, hätten die Experten von bester Saisonleistung geredet. Simple Wahrheit: Aufgetrumpft, Sack nicht zugemacht, nachlässig geworden, Gegentor-Schock, Spiel geht Bach runter. Aus.«
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Diese Kurzanalyse stand wörtlich in einem schon vier Jahre alten Anstoß, ebenfalls nach einem Champions-League-Spiel der Bayern gegen Mailand. Dort hieß es weiter: »Dass unabhängig davon Transferstrategie und Spielanlage ebenso phantasielos sind wie die Trainer-Politik und dass die Misere einen bzw. zwei Namen hat (Hoeneß/Rummenigge), das steht auf einem ganz anderen Blatt.«
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Geändert hat sich seitdem bei den Bayern nur, dass mit van Gaal erstmals ein Trainer verpflichtet wurde, der Stars nicht verwalten, sondern machen will (bestes Beispiel: Müller) und der ein erkennbares System spielen lässt. Van Gaal bevorzugt dominante Offensive und nimmt dafür Schwächen in der Defensive in Kauf. Doch das Van-Gaal-System passt nicht mehr in den modernen Fußball, in dem Defensive und Offensive keine Gegensätze darstellen, sondern eine Symbiose eingehen und fast schon Synonyme sind.
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Breno, in den »Montagsthemen« kürzlich »wandelnde Schlaftablette« geschmäht, sah in der entscheidenden Szene tatsächlich wie ein unbeholfen Schlafwandelnder aus, doch der arme Breno ist nur ein Symptom des Übels: Van Gaals Prinzipien sind in München zur Prinzipienreiterei eines starrsinnigen, beratungsfeindlichen Autokraten verkommen. Sein sichtlich interesseloses Jonglieren mit allen möglichen und unmöglichen Innenverteidiger-Pärchen belegt stures Dominanz-Denken, das nicht in der eigenen Abwehr, sondern erst in der Hälfte des Gegners beginnt (die ein Robben oder Ribery selten verlässt). Das Dienstags-Paar Van Buyten/Breno hat nicht nur kein internationales Format, sondern stellt selbst national kaum Durchschnitt dar.
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Trotz des einstündigen großartigen Erlebnisfußballs: Wer zu Hause drei Tore kassiert, zwei davon, nachdem der Gegner so gut wie geschlagen war, scheidet zwar auch mit Pech, vor allem aber mit Recht aus. Wer das nicht einsieht und nun, deprimiert und arrogant zugleich, als Minimal-Saisonziel die Champions-League-Teilnahme vorgibt, der ist nicht nur tief enttäuscht, sondern auch immer noch zu sehr von sich überzeugt. Die Champions League kann von einem aller seiner ursprünglichen Saisonziele verlustig gegangenen Klub nicht als nebenbei zu erfüllende Ersatzpflicht erreicht werden, sondern nur mit höchstem Engagement – sonst droht nicht nur die Europa League, sondern sogar das internationale Nichts.
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Bei Schalke dagegen stehen die internationalen Türen offen, zwei Titel sind theoretisch möglich, einer davon sehr praktisch. Magath hat die Türen geöffnet, aber er wird nun ausgesperrt, entlassen mit einem konstruierten Grund, der Anwälte und Gerichte noch beschäftigen wird. Magath gilt als ähnlicher Typ wie van Gaal, doch man muss kein Psychologe sein, um gravierende Unterschiede zu ahnen. Van Gaals selbstgerechte, starrsinnige und verletzende Anmaßung dürfte in seinem von keinem Selbstzweifel getrübten Charakter begründet liegen, wogegen Magaths süffisantes und scheinbar wissendes Lächeln sowie seine Unnahbarkeit nur wie eine Attitüde wirken, mit der ein tiefsitzender Minderwertigkeitskomplex kaschiert und kompensiert wird. Wenn Magath geht, auch von seinen scheinbar getreuen und von ihm geförderten Begleitern Eichkorn und Held verlassen, trifft ihn das mehr als einen von Selbstzweifeln nicht angekränkelten van Gaal. Gemeinsamkeit aber: Beide sind gescheitert. Zwar aus unterschiedlichen Gründen. Aber: gescheitert.
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Krachender gescheitert sind aber Rummenigge und Hoeneß dort und Tönnies hier. Die einen leben sportfachlich vom Nimbus ihrer vergangenen aktiven Tage, was aber auch im Fußball nicht mehr als gute und schon gar nicht als alleinige Referenz gilt. Und Clemens Tönnies, der einmal als deutscher Zerlegemeister eigenhändig sechs Schweineschultern in 65 Sekunden ausgebeint hat, muss aufpassen, dass er nicht als Schalker Zerlegemeister in die Vereinsgeschichte eingeht. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle