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Ohne weitere Worte

Statistisch gesehen haben 57 Prozent der SZ-Leser und 83 Prozent der FAZ-Leser das Gefühl, dass früher vieles besser war. In derselben Umfrage, deren Ergebnisse der Autor dieser Zeilen in der Nacht zum Mittwoch geträumt hat, wünschten sich 64 Prozent der Befragten Willy Brandt als Kanzler zurück, und immerhin 17 Prozent wären bereit, die Linkspartei zu wählen, wenn dies verhindern würde, dass Joachim Löw Trainer beim FC Bayern wird. (Kurt Kisters »Deutscher Alltag«/12. März in der SZ)
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In seinen majestätischen Auftritten und bizarren Interviews verschmelzen Königsdrama und Farce zu einer Gattung, werden der ohnmächtige Mächtige und der bittere Narr zu einer einzigen, faszinierenden Figur. (SZ-»Streiflicht«/8. März zu L. v. Gaal)
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Es gibt keine erfolgreichere und zugleich kindischere Organisation als den FC Bayern. (…) So wie manche Künstler im 19. Jahrhundert – Stichwort: L’art pour l’art – versucht haben, die Autonomie der Kunst selbst zu malen, so scheint hier ein Verein den Fußball selbst verkörpern zu wollen: kindisch, größenwahnsinnig, unterhaltsam, ungeduldig, gedächtnisschwach, jederzeit rot anlaufende Köpfe hervorbringend. (SZ-Feuilleton am 9. März)
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»In Brasilien spielen sehr viele Kinder Fußball in der Halle. Ich habe das bis zu meinem 14. Lebensjahr auch gemacht. Als ich zum besten Spieler Brasiliens gewählt worden bin, haben mich Freunde überredet, es draußen auf dem Rasen mit Fußball zu probieren. (…) Am ersten Tag hat mich mein Trainer gefragt, welche Position ich denn spielen würde. Ich habe gesagt, dass ich das nicht weiß. Denn in der Halle waren Positionen kein Thema. Weil sowieso nur ein Platz im offensiven Mittelfeld frei war, habe ich dort angefangen zu spielen.« (Bayer Leverkusens offensiver Mittelfeldspieler Renato Augusto im WamS-Interview)
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Schweine schlachten lässt Clemens Tönnies hierzulande wie kein Zweiter. Mehr als zehn Millionen Säue lassen in den Betrieben des Schalker Aufsichtsratschefs jedes Jahr ihr Leben. (…) Es war vorher bekannt (…), dass es sich bei Magath um einen ebenso fleißigen wie unbarmherzigen Zuchtmeister handelt (…), bei dem leistungsschwache Fußballprofis sich zuweilen ähnlich wohl fühlen wie Spanferkel überm Rost. (…) Seinerzeit ist er (Anm.: Tönnies) vor Stolz fast geplatzt wie eine zu stark aufgepumpte Schweinsblase, als er Magath (…) vom VfL Wolfsburg loseiste. (Frankfurter Rundschau)
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Staunend und ungläubig nehmen sie zur Kenntnis (Anm.: die Deutschen, dass sie laut Umfrage weltweit das höchste Ansehen genießen), dass sie gemocht werden. Und fragen sich: Wie kann das sein? Haben wir das verdient? Was machen wir falsch? (…) Das Verschwinden des hässlichen Deutschen hatte sich schon eine Weile angekündigt. Die ersten Anzeichen waren Bundesbahn-Schaffner, die lange Haare und Ohrringe trugen. (…) Sogar in Berlin, wo die Uhren langsamer gehen, wird man nur mit Mühe einen Busfahrer finden, der einem die Tür vor der Nase zumacht und dabei schadenfroh grinst. (Henryk M. Broder in der WamS)
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Ihre prägendste Erinnerung an den Vater? – »Ein Versprechen, das er mir abnahm. Im Krankenhaus, nachdem er im KZ fast zu Tode gefoltert worden war und ich ihn nur noch an seinen Augen erkannte. ›Was auch geschehen mag‹, sagte er, ›es berechtigt dich nicht, einen Menschen zu töten. Bleib lieber ein Opfer als ein Täter.‹ Daran habe ich mich ein Leben lang gehalten.« (Schauspieler und Autor Michael Degen im BamS-Interview) (gw)

Baumhausbeichte - Novelle