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Sport-Stammtisch

»Ohne Erbitterung und Begeisterung« (»sine ira et studio«) schauen wir auf eine außergewöhnliche Trainer-Woche zurück, wobei das Wort des alten Römers Tacitus auch bei außersportlichen Außergewöhnlichkeiten zwischen Guttenberg und Nordafrika zu empfehlen wäre, aber das nur am Rande. Also: Van Gaal und Magath haben eine Gemeinsamkeit, die ein noch älterer weiser Mann als Tacitus beschrieben hat: »Strenge, denn er hatte einen finsteren Blick, war in der Rede barsch, strafte hart, auch bisweilen im Zorn, so dass es manchmal ihn selbst reute. Er strafte nämlich aus Grundsatz, denn er war der Überzeugung, dass ein zügelloser Haufen durchaus unbrauchbar sei.« Der alte Grieche Xenophon bezog sich auf den Spartaner-Führer Klearchos, und sein »Haufen« war das Heer und keine Fußballmannschaft, aber sonst passt alles. Womöglich muss bei van Gaal und Magath auch die berüchtigte schwarze Blutsuppe der Spartaner gegessen werden. Was tut man nicht alles für den totalen Erfolg! Erst wenn der ausbleibt, fällt dem Haufen auf: Erfolg ist nicht alles, und weniger Erfolg als der totale ist gar nichts, jedenfalls nichts, was lohnt, weiter Blutsuppe zu löffeln.
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Beide Noch-Trainer stehen mit ihren Mannschaften noch im Champions-League-Geschäft, während die Protagonisten der neudeutschen Jugend-forsch-Euphorie in der klassentieferen Europa League schon längst ausgeschieden sind (BVB) oder drauf und dran sind auszuscheiden (Bayer), aber beider Trainer stehen auf der Beliebtheitsskala ihrer Spieler und Fußball-Deutschlands ganz oben. Zu Recht. Um Klopp reißen sich alle, und der ehemalige Betonkopf Heynckes hat soviel dazugelernt, dass er auf seine alten Tage die Qual der Wahl hat zwischen Bayer, Bayern und dem Ruhestand, und wenn er auf Schalke den Finger heben würde, hätte er auch diesen Job in der Tasche.
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Wie Heynckes mit Ballack umgeht, ist nicht schofelig, sondern aller Ehren wert, denn: sine ira et studio. Die Erbitterung bringt nur Ballack mit, der nicht einsehen will, dass er trotz seines früheren Könnens und seiner großen Verdienste im Moment nicht in die Bayer-Elf (und in die Nationalmannschaft) passt, wahrscheinlich sogar nie mehr. Heynckes legatisiert nicht mehr die Okochas, wie bei seinem Frankfurter Desaster, sondern vermeidet jetzt die Ballackisierung der Vidals.
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Ach ja, Frankfurt. Skibbe. Die bekannte Schwäche seiner Teams in der zweiten Saisonhälfte, der aussortierte Tosun, der in der Türkei Tor auf Tor schießt, das eigene Torlos-System, dazu Bruchhagens kalte Rache für frühere Unbotmäßigkeiten des Trainers, außerdem eine gehörige Prise Pech, alles geköchelt auf hessischem Emotionsherd und abgeschmeckt von Panikern – schon steht schwarzrot hessisch Blutsupp auf dem Tisch.
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Und sonst? In Freiburg steht ein hochrangiger Uni-Professor unter Plagiatsverdacht, ausgerechnet jener Mann, der die Dopingvorwürfe gegen die Uni Freiburg (in Zusammenhang mit Ullrich und Telekom) aufklären soll. Er war ein Schüler von Prof. Keul und ist sein Nachfolger, darüber feixten Insider schon lange. Warum? Das wird dem ausdauernden Leser deutlich, wenn er im Online-Anstoß dem Link »Sport-Leben« folgt.
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Apropos Plagiat. Täuscht der Eindruck, oder wirkte der Ex-Verteidigungsminister beim Zapfenstreich so locker, gelöst und authentisch wie nie zuvor in seiner Medien-Karriere? Als ob eine Last von ihm abgefallen sei. Lässt sich von der Bundeswehr mit »Smoke on the Water« den Marsch blasen und grinst entspannt zu diesem aparten Arrangement. »Smoke on the water, fire in the sky, they burned down the gambling house, it died with an awfull sound« – Selbstironie vom Feinsten. Oder kannte er auch diesen Text nicht?
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Songtexte sind sowieso Glückssache. Erst durch den neuen »Kicker« weiß ich, dass mit »Alex« aus »Hier kommt Alex« Aleksandar Ristic gemeint war, damals Trainer von Fortuna Düsseldorf, deutscher Lieblingsklub der »Toten Hosen«. Als 1997 Katrina and the Waves mit »Walking on Sunshine« den Grand Prix d’Eurovision gewannen, konnte keiner ahnen, dass der Wirbelsturm Katrina mit seinen Waves acht Jahre später New Orleans heimsuchen würde, nicht gerade mit Sonnenschein, und trotz der düsteren Historie begleiten Katrina and the Waves noch heute das ZDF-Wetter nach dem Heute-Journal. Warum die Stürme überhaupt weibliche Namen erhielten, daran ist auch die Musik schuld: Im 2. Weltkrieg warnte ein Funker ein US-Flugzeug vor einem Hurrikan und pfiff dabei das Lied: »Every little breeze seems to whisper Louise.« Da ich schon mal berechtigte Kritik wegen zu vieler englischer Texte einstecken musste, hier die Übersetzung, die sich sogar kongenial mit dem Originaltext reimt: Jede kleine Brise scheint zu wispern Luise.
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Einst gab es den Hit einer hessischen Band (»Snap«), in dem unaufhörlich, also als und als das Wort »Hölderlin« vorkam. Ich fand’s saublöd, dass es scheinbar eine neue deutsche Welle gab, die wahllos deutsche Wörter in englische Texte einstreute. Ausgerechnet »Hölderlin«! Irritierte jüngere Familienangehörige behaupteten dann aber, es heiße nicht »Hölderlin«, sondern »Eternity«. Aus den gleichen Kreisen erfahre ich jetzt, dass es eine Website gibt, die voll solcher Song-Missverständnisse ist: »Agathe Bauer.« Auch auf die Gefahr hin, für einige Leser einen Uralt-Gag aufzubereiten (ja, ja, schon gut, liebe Netzgemeinde), für mich war’s das erste Mal, und das war zum Michwegwerfen, denn Agathe Bauer ist sozusagen die Schwester von Hölderlin, und ihr »Eternity« heißt: I got the Power. Übrigens ebenfalls von »Snap«. Und nun muss ich aufhören. Aga-the Bauer wartet. Fehlt nur noch der letzte große Paukenschlag: KT-Outing als beschummelter Schummler. Aber das ist ein ganz anderes Thema und … sie wissen schon. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle