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Anstoß (Das Van-Gaal-Experiment)

Diese Kolumne ist ein Experiment. Im Fußball ist man immer hinterher schlauer (das Netzer-Phänomen), denn man kümmert sich einfach nicht um sein Geschwätz von gestern (Adenauer-Methode). So lassen sich feine Van-Gaal-Verrisse auch von denen schreiben, die ihn zuvor schriftlich verehrt hatten (Guttenberg-Methode). Wir machen’s heute umgekehrt: Es gilt nur das geschriebene Wort von gestern, ungefiltert chronologisch aus den elektronischen Tiefen des Archivs geholt, eine spannende Geschichte für den Kolumnisten, der in Echtzeit schreibt und sich überraschen lässt.
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Ein (holländischer) Leser kennt van Gaal persönlich: »Geradlinig, eigensinnig, recht durchs Meer und schwer zu Kompromissen bereit« – »Recht durchs Meer«, ein wunderbarer holländischer Ausdruck (Original: »recht door zee«). / 23. Mai 2009. / Der aus der Not geborene Coup mit van Gaal bringt die Münchner wieder zurück in das Zentrum des Fußballs. Wenn der Holländer das hält, was er verspricht, vereint er in sich die positiven Eigenschaften von Hitzfeld, Magath und Klinsmann. / 25. Mai 2009 / Geht ja gut los: Vorab-Eloge auf den neuen Bayern-Trainer.
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»Ich frage mich, was wir in der Vorbereitung falsch gemacht haben«, sagt Bayern-Trainer van Gaal und stellt damit das Musterexemplar einer rhetorischen Frage in den Raum: Er will keine Antwort hören, denn er kennt sie selbst am besten. Alles haben die Bayern falsch gemacht. Van Gaal ist klug und hart genug, das Versäumte während der Vorrunde zu kompensieren, um in Rückrunde und Champions League erfolgreich zu bestehen. / 24. August 2009 / Ha! Während der ersten Van-Gaal-Krise voll gegen den Medien-Trend … Moment bitte, das Telefon klingelt.
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Mittwoch, 12.30 Uhr. Er wird es bestätigen können, dass diese Kolumne in Echtzeit geschrieben wird: Am Apparat war Michael Beltz, Bruder unseres unvergessenen Matthias Beltz und bekennender Kommunist, interessierter Leser unserer Kolumne, obwohl »ich weiß, dass Sie bekennender Antikommunist sind«. Beltz kritisiert den Ausdruck »Schlaudraff-System« in den letzten »Montagsthemen«, denn diese Bayern-Methode habe bereits 1980 mit einem anderen Aachener begonnen, Calle Del’Haye (damals von Gladbach zu den Bayern). Außerdem bietet Michael Beltz an, mir von ihm persönlich beglaubigte Stasi-Unterlagen zukommen zu lassen, aus denen hervorgeht, dass van Gaal ein IM sei, angesetzt auf den großkapitalistischen Klub, um ihn endgültig zu zerstören. – Weiter im Text, nächstes Archiv-Stück:
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Das Dementi von Louis van Gaal ist sehr viel peinlicher als der damit dementierte Satz. »Ich bin Gott«, das könnte ansatzweise ironisch oder sogar gesellschaftskritisch gemeint sein (siehe John Lennons »die Beatles sind populärer als Jesus«), aber ernsthaft zu betonen, nicht Gott zu sein, impliziert die Annahme, eine gewisse Gottgleichheit nicht für völlig unwahrscheinlich zu halten. / 31. Oktober 2009 / Aha! Van Gaal ist nicht Gott – also vielleicht wirklich IM der Stasi?!
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Jener Trainer, der einen 32-jährigen Spieler (Toni) beim Mittagessen wegen schlechter Haltung tadelt, ihn rüde am Schlafittchen packt und handgreiflich buchstäblich gerade rückt, und der seinen 67-jährigen Teamarzt (Müller-Wohlfahrt) brüsk auffordert, zum Training wie die Spieler gefälligst in kurzen Hosen zu erscheinen. / 7. November 2009 / Wieder keine fachliche Kritik, sondern menschliche Inkompatibilität mit diesem Typus Mensch (ich könnte es auch derber ausdrücken).
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Es folgen Monate ohne Van-Gaal-Funde im gw-Archiv, Monate, in denen die Sätze vom 24. August bestätigt werden und alle deutsche Fußballwelt dem Holländer zu Füßen liegt. Bis Uli Hoeneß mit der Demontage beginnt.
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Beide trennt menschlich eine Welt, Zugang ebnet nur, und das notdürftig, der sportliche Erfolg. Hoeneß ist, bei aller Impulsivität und Poltrigkeit, eine Seele von Mensch, bei van Gaal dagegen wirken menschliche Regungen bemüht, aufgesetzt und bestenfalls »schräg«. Bei den Bayern wird sich van Gaal nur als »Feierbiest« (ein Wort, das die verspannte Schrägheit des Holländers widerspiegelt) halten können, mit großen Siegen also. Hoeneß’ Attacke kann man daher auf einen Nenner bringen: Entweder Feierbiest, oder das Biest wird gefeuert. / 2. November 2010 / Kann unkommentiert so stehen bleiben.
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Dass die Bayern in der vergangenen Saison begeisternden Fußball spielten, ist nicht nur, aber vor allem Louis van Gaal zu verdanken. Selbst die WM trug ja ein bisschen seinen Stempel (»Louis-van-Löw-Fußball«/Thomas Müller). Die Attacke von Uli Hoeneß hat daher rein fachlich wenig Überzeugungskraft. (…) Wer die Romane des Holländers Maarten ’t Hart kennt, findet in der »ungewöhnlichen Persönlichkeit« van Gaals den Urtyp aller ’t Hart-Charaktere wieder, jene dominanten, verbohrten und sogar grausamen Vater- und Onkelfiguren, unter denen der jeweilige junge Protagonist leidet, fürchterlich leidet, ohne sie jedoch hassen zu können oder zu wollen. Es ist die bizarre Welt selbstgerecht gottgläubiger holländischer Sektierer. / 4. November 2010 / Immer noch keine fachliche Kritik an van Gaal, obwohl diese sich im deutschen Medienland mit ausbleibenden Siegen häuft.
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Klar, van Gaal ist im Radio-Eriwan-Prinzip ein sehr guter Trainer. Aber: auch ein sturer Dogmatiker. Dieser Typus wirkt immer dann hilf- und ratlos, wenn es nicht so läuft, wie es nach seinem Willen laufen müsste. Klar ist dennoch: Van Gaal hat in München ein funktionierendes System entwickelt, dort, wo vorher die Erfolgsmethode überwiegend darin bestand, Fußballer, die gegen Bayern gut spielten, ihren Klubs wegzukaufen (das Schlaudraff-System). Aber van Gaals Plan kann eben nur »A« sagen und nicht »B«. / 7. März 2011 / Da haben wir es ja, das Schlaudraff-System. Oder besser: das Del’Haye-Prinzip. Ein doch sehr später Hinweis auf fachliche Auswirkungen menschlicher Problematik. Unter dem Strich aber nicht so peinlich, wie befürchtet, dieses Archiv-Experiment. Schlusswort eines weiteren Holländers, des Schriftstellers Leon de Winter, leider arg strapaziert, da schon fünf Mal im »Anstoß« untergebracht:
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Vielleicht versteht man sowohl Hoeneß als auch van Gaal besser, wenn man de Winters durchaus huldigend gemeinten Satz liest: »Menschen mit der Persönlichkeitsstruktur eines Louis van Gaal begegnet man normalerweise in geschlossenen Anstalten.« Oder in der bizarren Welt von ’t Hart. Und gottlob nicht bei uns zu Hause. Auf Dauer aber auch nicht im München des Uli Hoeneß. (4. November 2010) (gw)

Baumhausbeichte - Novelle