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Sport-Stammtisch

Ob die Freunde der Eintracht und die von Bayern München einen Trost darin finden, dass ihr Leid, wenn schon nicht die Nerven der Fans, dann wenigstens die Vereinskasse schont? In München wurde vor der Saison festgelegt, dass Siegprämien nur noch für Spieltage fällig werden, an denen die Bayern auf Platz eins oder Platz zwei liegen. Oder die Eintracht: Ein findiger Kopf hat ausgerechnet, dass Bruchhagen 120 000 Euro pro verlorenem Punkt an Prämien spart. Ideal also für die Bayern: Erst am letzten Spieltag den Champions-League-Platz sichern. Für die Eintracht: 50 Punkte wären Geldverbrennung, 40 auch noch zu viel, 37, 38 tun’s auch und lassen ein Milliönchen in der Kasse. Ist das ein Trost? Nein.
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Nur Siege trösten. München hat in Hannover die kniffligere Aufgabe als Frankfurt gegen die Lauterer, zumal »96« auf dem Papier (von »Sport-Bild«) besonders gefährlich erscheint. Trainer Slomka gibt dort sein Erfolgsgeheimnis preis: »Wir schulen die Handlungsschnelligkeit« durch »Gegenangriffe, die im Training nur zehn Sekunden dauern dürfen«. »Im Prinzip sind es nur zehn Grundsituationen, die wir im Training wiederholen. So wissen wir, welche Laufwege zu machen sind, um eine Großchance zu erarbeiten.« Beeindruckend. Ist ja fast halb so anspruchsvoll wie im Football oder Basketball!
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Die Fußballer vertrauen noch anderen Erfolgsgaranten. Wie Manuel Neuer, der in München für seine »titanische Präsenz« Bestnoten erhielt. Neuer fletscht nicht mit den Zähnen wie der Original-Titan, bei ihm macht’s die Power-Stange. Um keine peinlichen Assoziationen zu wecken: Eine Zahnspange, die buchstäblich für mehr Biss sorgen soll, sogar für »optimalere Koordinationsfähigkeit« (wobei mir persönlich schon optimale Koordination genügen würde). Dieser »Dental Power Splint« (DPS) lüftet auch das BVB-Geheimnis, denn dort tragen Schmelzer und Hummels die »Power-Stange«.
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Andere Sportstars bevorzugen »Power-Balance«-Bänder, das »Sportprodukt des Jahres 2010« (laut US-Sender CNBC), zu dessen prominentesten Trägern Cristiano Ronaldo und Arjen Robben gehören. Die billigen Plastikbänder (Herstellungspreis: 1 Euro) werden teuer verkauft (40 Euro) und sollen magische Kräfte übertragen. Wer’s glaubt, wird selig? Nein, dem hilft’s, denn all dieser Hokuspokus und Kokolores wirkt tatsächlich bei denen, die daran glauben – erst kürzlich fand eine Studie heraus, dass Placebos sogar messbare Wirkung haben, wenn die Probanden vorher wissen, dass es Placebos sind. Placebo (lat.) wörtlich: »Ich werde dir einen Gefallen tun.« Den Gefallen wirkungsloser Wirksamkeit. Oder so.
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Welches Placebo wirkt bei Claudia Pechstein? Ihr Fall ist für alle diejenigen eine harte Nuss, die nicht nur bedenkenlos niedermachen oder kritiklos hochjubeln. Pechstein läuft im hohen Sportleralter und als bislang wohl gläsernste Athletin überhaupt Zeiten, die mit ihren früheren auf dem gleichen Niveau sind, als sie angeblich gedopt war. Logische Folgerung. Entweder dopt sie auch heute, oder Doping bringt nichts. Beides nach Lage der Dinge nicht vorstellbar. Oder sie hat schon früher nicht gedopt. Na ja. Wer’s glaubt …
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In all den Diskussionen über sündhaftes Verhalten von KT bis CP führen die Moralisten das große Wort. Unterschied zwischen Moralismus und Moral: Wer Moralist ist, weiß immer, wie sich andere zu verhalten haben. Wer Moral hat, fragt sich immer: Wie soll ICH mich verhalten?
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Unter anderem für selbstgerechte Moralisten hat Platon seinen »Ring des Gyges« geschrieben, die Geschichte des Hirten, der einen Zauberring findet, mit dem er sich unsichtbar machen kann. Gyges, zuvor eine unbescholtene, ehrliche Haut, wird zum Verbrecher und Mörder, da er seinen Trieben folgen kann, ohne Angst haben zu müssen, erwischt zu werden. Ein Moralist wird behaupten, selbst niemals wie Gyges zu handeln. Andere gehen in sich und überlegen, was sie alles täten, wenn sie nicht dabei erwischt würden. Der Ring des Gyges ist ihr Prüfstein für Moral.
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Selbstgerechte Moralisten sind sub omni canone, was viel schlaumeierischer klingt als die Verballhornung »unter aller Kanone«. Das lateinische Original bedeutet »unter allem Maßstab« und steht statt des oberoptimaleren »summa cum lauda« unter ungenügenden Dissertationen …
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Zurück zu Platon und damit zur zweiten Rätselfrage der »Stammtisch«-Woche, nachdem Sie, liebe Leser, bei der ersten kläglich versagt und im Torberg-Gedicht auf Beckenbauer statt Sindelar getippt haben (geben Sie’s zu! Hätt’ ich doch auch!). Also: »Sokrates, Aristoteles, Platon und diese Leute haben sich vor 2000 Jahren Gedanken gemacht, da sind wir noch auf den Bäumen gesessen und haben uns vor den Wildschweinen gefürchtet. Seitdem haben sich nur ganz wenige weiterentwickelt. Ich gehöre leider auch zum großen anderen Teil. Wenn ich zum Beispiel Schopenhauer lese – ich verstehe ihn nicht.«
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Wer hat’s gesagt? Diesmal wirklich der »Kaiser«! Sein Bekenntnis erhellt auch, warum er Liebling der Götter und der Sterblichen ist und bleibt, ohne Gefahr, aus hochgeschwurbelter eigener Fallhöhe brutal abzustürzen. »Ich gehöre leider auch zum anderen Teil« und »Schopenhauer verstehe ich nicht« – wir, die wir ihm zustimmen, sehen in diesem Kaiser trotz all seines bisweiligen Quatschquatschens keinen Märchenprinzen, der seine Nacktheit unter scheinbar prächtigen Gewändern verbirgt, sondern den »Kaiser« Franz, der sich nur die Kleider anzieht, die ihm passen. Und das ist wirklich prächtig. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle