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Sport-Stammtisch

Gedicht für einen Fußballer, der als Fußballer ein Gedicht war: »Er spielte Fußball wie kein zweiter, / Er stak voll Witz und Phantasie. / Er spielte lässig, leicht und heiter, / Er spielte stets und kämpfte nie.« Wer ist’s? Zu leicht? Abwarten.
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Noch’n Gedicht, zum Spiel gestern und zum Torhüter-Duell Kraft/Neuer, in der ungnädigen Unwissenheit der zu frühen Geburt dieser Kolumne, also lange vor dem Anpfiff in München: »Du Runder, der das Warme aus zwei Händen im Fliegen, oben, fortgiebt …« Rilkes »Der Ball« beginnt offenbar mit einem weiten Abwurf des Torwarts. Der Ball fliegt und fliegt (»Du zwischen Fall und Flug noch Unentschlossener«), bis er »sich neigt und einhält und den Spielenden von oben auf einmal eine neue Stelle zeigt.« So muss ein Abwurf sein! Eine Spieleröffnung, ein Quasi-Pass, der dem Mitspielenden eine neue Qualität aufzeigt. Pech nur, wenn auch im anderen Tor ein Könner steht: »Und dann (…) rasch, einfach, kunstlos, ganz Natur, dem Becher hoher Hände zuzufallen.« Wessen hoher Hände Becher die meisten Bälle fing und bei wem das Runde öfter im Eckigen landete, lesen Sie neben dieser Kolumne.
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Es wäre ein Stockfehler des Kolumnisten, wenn seine Leser nach diesem Ball(a)-Ball(a)-Einstieg absprängen, ein »Stockfehler« wie der von Schweinsteiger im BVB-Spiel (Montagsthemen). Nette Worte, aber auch eine augenzwinkernde Rüge dazu von Hartmut Kuehn aus Bad Nauheim lagere ich in den gw-Blog aus (www.anstoss-gw.de). Dort ist auch eine Korrektur von »Kid Klappergass« zu finden, des besten Eintracht-Bloggers überhaupt (zu einem Statistik-Fehler im gw-Blog), sowie die ausführliche, ungekürzte Mail von Thorsten Düringer, die ebenfalls sehr schmeichelhaft beginnt, sich aber enttäuscht über den auch im »Anstoß« kritischen Umgang mit »KT« zeigt. Statt einer lahmen Rechtfertigung ein Rückgriff auf den gw-Blog vom Montag: »Unterschiede der drei Top-Schlagzeilenlieferanten dieser Tage, aufgefallen beim Sehen von Gaddafi und beim Lesen über den Stand eines deutschen Gerichtsprozesses. Wer ist schuldig und ein Schwein? Wer ist unschuldig und ein Schwein? Wer ist schuldig und kein Schwein, sondern immer noch ein ehrenwerter Mann mit allerdings schwerem Eitelkeits-Makel? Gebildet, wie er ist, hört man ihn murmeln: Vanitas vanitatum et omnia vanitas. Eitelkeit ist nichtig.«
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Schlimmer, als in ein eitles Gesicht zu schauen, ist der Anblick von lustverzerrter Häme in den Gesichtern der KT-Feinde. Auch für ihre Empörung sollten manche Uni-Kreise die Adressaten zunächst intern suchen, denn hochbenotetes Blendwerk hat sicher nicht das Guttenberg-Alleinstellungsmerkmal. Auch dazu ist etwas im gw-Blog zu lesen.
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Jan Ullrich beteuerte stets, nicht betrogen zu haben. Der Baron tut dies ebenfalls. Beiden glaubt kaum jemand. Ich schon. Bei Ulle ist es eine Sache der Logik (da alle Konkurrenten das Gleiche taten, hat er keinen von ihnen betrogen). Beim Baron … nein, aus juristischer Vorsicht eine allgemeine Folgerung: Burgherren lassen seit Jahrhunderten alle niederen Arbeiten unterhalb von Regieren, Kriegführen und Repräsentieren von Bediensteten erledigen. Dass ein Hofschranze oder ein Knecht dabei betrügt oder ein Schlossgeist als Ghostwriter aus Faulheit oder aus Rachsucht zum Ghostrider wird, zum Reinreiter des Burgherren – einfach unvorstellbar. Zurück zu KT: Unvorstellbar, dass er selbst bewusst Zitate betrügerisch abgekupfert hat.
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Zurück zu Beckenbauer. Der ist’s doch, sagt der Leser. Oder? Hätte ich auch gesagt, wenn ich nicht weitergelesen hätte: »Er war gewohnt zu kombinieren, / Und kombinierte manchen Tag. / Sein Überblick ließ ihn erspüren, / Dass seine Chance im Gashahn lag. / Das Tor, durch das er dann geschritten, / Lag stumm und dunkel ganz und gar. / Er war ein Kind aus Favoriten / und hieß Mathias Sindelar.«
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Das Gedicht ist eine Hommage an den aus dem Wiener Arbeiterbezirk Favoriten stammenden Starspieler des österreichischen »Wunderteams«, der sich nach dem »Anschluss« weigerte, in Sepp Herbergers reichsdeutscher Nationalmannschaft zu spielen und der im Winter 1939 zusammen mit seiner jüdischen Freundin tot aufgefunden wurde. Todesursache: Kohlenmonoxidvergiftung. Das Gedicht »Auf den Tod eines Fußballspielers« schrieb Friedrich Torberg, den mancher etwas ältere Leser noch aus seiner Jugendzeit kennen dürfte – als Autor des tragisch endenden Romans »Der Schüler Gerber«, in dem sich Generationen sensibler Schüler wiedererkannten. Aber das ist ein ganz anderes Thema.  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle