Archiv für März 2011

Sport-Stammtisch

Hübsche Pointe: Durch das Ausscheiden der Bayern kassiert Schalke ein paar Millionen Euro mehr von der UEFA. Ob Magath was abkriegt? Dumme Frage. Wenn’s nach dem Schalker Zerlegemeister Tönnies geht, kriegt Magath zwar was ab, aber nur sein Fett weg. Wegen »Kompetenzüberschreitung«. Dieser Kündigungsgrund ist aber ein schwacher Schachzug, weil zu durchsichtig. Als ob Magath auf ein Schäfermatt hereinfiele! Er grinst sich eins und spielt simultan. Matt gesetzt wird Hoeneß, und das trifft diesmal einen wirklich Verantwortlichen.
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Magath wieder in Wolfsburg, Rangnick wieder auf Schalke. Alle Volten, Ränke und Wechselspiele der Woche mag ernsthaft kommentieren wer mag. Ich mag nicht. Leid kann einem nur Littbarski tun, der ewige Litti. Ein wenig auch, falls er doch ein Sportlerherz hat, sogar Magath, denn ihm wird ein sicher scheinender Titel (Pokal) geklaut sowie der Ritterschlag einer Mitwirkung an der Champions-League-Endphase verwehrt. Das alles bekommt Rangnick geschenkt, der nach seiner legendären Ehrenrunde mit Schimpf und Schande verjagt worden war und nun zur nächsten Ehrenrunde gebeten wird.
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»Sehr interessiert ›Gescheiterte‹ gelesen und mich dabei gefragt, warum eigentlich immer wieder die gleichen Gescheiterten immer wieder an führender Stelle auftauchen«, wundert sich unser alter »Anstoß«-Freund Walther Roeber. »Irgendetwas läuft da schief; ist es einfach nur eine Frage des Geldes? Oder doch der Moral?«
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Stichwort Moral: In einer der letzten Kolumnen war von Platons »Ring des Gyges« die Rede (der Zauberring, mit dem sich der zuvor brave und ehrliche Gyges unsichtbar machen konnte und zum Mörder wurde, weil er keine Angst haben musste, erwischt zu werden). These: »Wer Moralist ist, weiß immer, wie sich andere zu verhalten haben. Wer Moral hat, fragt sich immer: Wie soll ICH mich verhalten?« Dazu schreibt Christel Kämper: »Herrliche Zeilen zum Thema Moral und Moralismus: Feststellung meinerseits: Ich bin Moralist und besitze Moral. P. S: Und wenn ich den ›Ring des Gyges‹ hätte, würde die Menschheit noch mehr schrumpfen.«
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Anlass war ein heiß diskutierter Fall, von dem jetzt, angesichts doch etwas wichtigerer Dinge, kaum noch jemand spricht. Von und zu Guttenberg also. Wir sprechen noch einmal davon, denn es gab Leser-Kritik, und die wird nie unterschlagen. Beanstandeter Zapfenstreich-Satz aus dem Sport-Stammtisch«: »Smoke on the water, fire in the sky, they burned down the gambling house, it died with an awful sound – Selbstironie vom Feinsten. Oder kannte er auch diesen Text nicht?«. Dazu Gerd Gundlach: »Ist dieser Text nicht auch decouvrierend für Sie selbst? Wie wäre es gewesen, wenn Sie – in dubio pro reo – zitiert hätten: ›When it all was over / We had to find another place / But Swiss time was running out / It seemed like we would lose the race’ – Ironie von Feinsten. Oder kannten Sie auch diesen Text nicht?« – Stimmt, kannte ich nicht. Auch hat mich der parteipolitische Streit um KT nie interessiert, da ich davon grundsätzlich weiter entfernt bin als die Erde vom Mond. Aber das seltsame Gehabe des KT … na ja, zu meinen bösironischen Anmerkungen dazu gab’s ebenfalls Kritik, sogar aus mir sehr nahe stehenden Kreisen, die tatsächlich behaupten, das seien doch nur die Minderwertigkeitskomplexe eines halbproletarischen Kleinstbürgers. Und was sage ich dazu? Wau! Der getroffene Straßenköter bellt.
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Noch ’ne Selbstkritik, und damit noch einmal zu den »Gescheiterten« vom Donnerstag: »Mit Ihrem heutigen Anstoß hatten Sie in vielem Recht. Aber einen Uli Hoeneß als krachend gescheitert zu bezeichnen, ist doch völlig daneben.« – Stimmt, was Raimo Biere (Bad Vilbel) schreibt. Kleinlaute Korrektur: Hoeneß ist zwar krachend gescheitert. Aber Dieter, nicht Uli.
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Wenn wir schon einmal dabei sind: »Der wievielte bin ich, der Sie darauf hinweist, dass Katrina and the Waves den Grand Prix 97 mit ›Love shine a light‹ gewann? Das viel erfolgreichere ›Walking on sunshine‹ stammt aus dem Jahr 1985. Viele Grüße, Wilfried Hausmann.« – Antwort: »Lieber Herr Hausmann, Sie sind der erste und bis jetzt der einzige.« Doch dann folgten noch weitere in der Pop-Historie Kundigere (zum Beispiel Torsten Schmidt aus Florstadt). Da fragt sich und mich Christian Schwarzer aus Bad Vilbel: »Ich möchte auf keinen Fall besserwisserisch erscheinen, aber im Zeitalter von Wikipedia erstaunen mich solche journalistischen ›Fehler‹ immer wieder.« – Mich nicht! Ich kenn mich doch.
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»Welcher Watz« uns »gebissen« habe, dass regelmäßig XY erscheine, fragt Heinz Pebler: »Wird dieser Schwachsinn wirklich gelesen?« Da in dieser Kolumne nur einer bloßgestellt wird, nämlich »gw«, bleibt XY unaufgelöst, aber die Frage wird beantwortet: Ja, es wird gelesen, und zwar nachprüfbar von deutlich mehr Online-Lesern als alle »gw«-Kolumnen.
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Mal schauen, was die Mailbox noch so alles an Kritik hergibt. »Betreff: Rammeln wie der Osterhase« … o nein. Entschuldigung, das war’s dann wohl, jetzt gibt’s nur noch Spam. Da muss ich mit der Kritik wohl alleine weitermachen. Also: In der Kolumne »Gescheiterte« stand auch, dass in München »mit van Gaal ein Trainer verpflichtet wurde, der ….« Welcher Trainer wurde denn (zusammen) mit van Gaal verpflichtet? Ein Fehler, über den ich oft gelästert habe. Ist mir erst beim Korrektur-Lesen aufgefallen. Habe ihn aber nicht korrigiert, denn »in van Gaal« klang mir zu bürokratisch, und außerdem hätte ich mich gerne von Lesern belästern lassen, ich gönn’ mir ja sonst kaum was bis nix.
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Der hübscheste meiner Fehler ist nur einem Kollegen aufgefallen: »betröppelt« (in den »Montagsthemen«). So schreibt der Hesse, der »bedröbbeld« sagt, bedröppelt, weil ihm betröppelt viel hochdeutscher vorkommt als bedröppelt. Demnächst schreibt der Tropf betröpfelt, damit ist er fein raus, piekfein sogar. Bis dahin hat er zwei Wochen Bedenkzeit. (gw)

Veröffentlicht von gw am 18. März 2011 .
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Anstoß (Gescheiterte)

»Wäre das Spiel gegen Mailand früher abgepfiffen worden, hätten die Experten von bester Saisonleistung geredet. Simple Wahrheit: Aufgetrumpft, Sack nicht zugemacht, nachlässig geworden, Gegentor-Schock, Spiel geht Bach runter. Aus.«
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Diese Kurzanalyse stand wörtlich in einem schon vier Jahre alten Anstoß, ebenfalls nach einem Champions-League-Spiel der Bayern gegen Mailand. Dort hieß es weiter: »Dass unabhängig davon Transferstrategie und Spielanlage ebenso phantasielos sind wie die Trainer-Politik und dass die Misere einen bzw. zwei Namen hat (Hoeneß/Rummenigge), das steht auf einem ganz anderen Blatt.«
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Geändert hat sich seitdem bei den Bayern nur, dass mit van Gaal erstmals ein Trainer verpflichtet wurde, der Stars nicht verwalten, sondern machen will (bestes Beispiel: Müller) und der ein erkennbares System spielen lässt. Van Gaal bevorzugt dominante Offensive und nimmt dafür Schwächen in der Defensive in Kauf. Doch das Van-Gaal-System passt nicht mehr in den modernen Fußball, in dem Defensive und Offensive keine Gegensätze darstellen, sondern eine Symbiose eingehen und fast schon Synonyme sind.
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Breno, in den »Montagsthemen« kürzlich »wandelnde Schlaftablette« geschmäht, sah in der entscheidenden Szene tatsächlich wie ein unbeholfen Schlafwandelnder aus, doch der arme Breno ist nur ein Symptom des Übels: Van Gaals Prinzipien sind in München zur Prinzipienreiterei eines starrsinnigen, beratungsfeindlichen Autokraten verkommen. Sein sichtlich interesseloses Jonglieren mit allen möglichen und unmöglichen Innenverteidiger-Pärchen belegt stures Dominanz-Denken, das nicht in der eigenen Abwehr, sondern erst in der Hälfte des Gegners beginnt (die ein Robben oder Ribery selten verlässt). Das Dienstags-Paar Van Buyten/Breno hat nicht nur kein internationales Format, sondern stellt selbst national kaum Durchschnitt dar.
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Trotz des einstündigen großartigen Erlebnisfußballs: Wer zu Hause drei Tore kassiert, zwei davon, nachdem der Gegner so gut wie geschlagen war, scheidet zwar auch mit Pech, vor allem aber mit Recht aus. Wer das nicht einsieht und nun, deprimiert und arrogant zugleich, als Minimal-Saisonziel die Champions-League-Teilnahme vorgibt, der ist nicht nur tief enttäuscht, sondern auch immer noch zu sehr von sich überzeugt. Die Champions League kann von einem aller seiner ursprünglichen Saisonziele verlustig gegangenen Klub nicht als nebenbei zu erfüllende Ersatzpflicht erreicht werden, sondern nur mit höchstem Engagement – sonst droht nicht nur die Europa League, sondern sogar das internationale Nichts.
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Bei Schalke dagegen stehen die internationalen Türen offen, zwei Titel sind theoretisch möglich, einer davon sehr praktisch. Magath hat die Türen geöffnet, aber er wird nun ausgesperrt, entlassen mit einem konstruierten Grund, der Anwälte und Gerichte noch beschäftigen wird. Magath gilt als ähnlicher Typ wie van Gaal, doch man muss kein Psychologe sein, um gravierende Unterschiede zu ahnen. Van Gaals selbstgerechte, starrsinnige und verletzende Anmaßung dürfte in seinem von keinem Selbstzweifel getrübten Charakter begründet liegen, wogegen Magaths süffisantes und scheinbar wissendes Lächeln sowie seine Unnahbarkeit nur wie eine Attitüde wirken, mit der ein tiefsitzender Minderwertigkeitskomplex kaschiert und kompensiert wird. Wenn Magath geht, auch von seinen scheinbar getreuen und von ihm geförderten Begleitern Eichkorn und Held verlassen, trifft ihn das mehr als einen von Selbstzweifeln nicht angekränkelten van Gaal. Gemeinsamkeit aber: Beide sind gescheitert. Zwar aus unterschiedlichen Gründen. Aber: gescheitert.
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Krachender gescheitert sind aber Rummenigge und Hoeneß dort und Tönnies hier. Die einen leben sportfachlich vom Nimbus ihrer vergangenen aktiven Tage, was aber auch im Fußball nicht mehr als gute und schon gar nicht als alleinige Referenz gilt. Und Clemens Tönnies, der einmal als deutscher Zerlegemeister eigenhändig sechs Schweineschultern in 65 Sekunden ausgebeint hat, muss aufpassen, dass er nicht als Schalker Zerlegemeister in die Vereinsgeschichte eingeht. (gw)

Veröffentlicht von gw am 16. März 2011 .
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Ohne weitere Worte

Statistisch gesehen haben 57 Prozent der SZ-Leser und 83 Prozent der FAZ-Leser das Gefühl, dass früher vieles besser war. In derselben Umfrage, deren Ergebnisse der Autor dieser Zeilen in der Nacht zum Mittwoch geträumt hat, wünschten sich 64 Prozent der Befragten Willy Brandt als Kanzler zurück, und immerhin 17 Prozent wären bereit, die Linkspartei zu wählen, wenn dies verhindern würde, dass Joachim Löw Trainer beim FC Bayern wird. (Kurt Kisters »Deutscher Alltag«/12. März in der SZ)
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In seinen majestätischen Auftritten und bizarren Interviews verschmelzen Königsdrama und Farce zu einer Gattung, werden der ohnmächtige Mächtige und der bittere Narr zu einer einzigen, faszinierenden Figur. (SZ-»Streiflicht«/8. März zu L. v. Gaal)
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Es gibt keine erfolgreichere und zugleich kindischere Organisation als den FC Bayern. (…) So wie manche Künstler im 19. Jahrhundert – Stichwort: L’art pour l’art – versucht haben, die Autonomie der Kunst selbst zu malen, so scheint hier ein Verein den Fußball selbst verkörpern zu wollen: kindisch, größenwahnsinnig, unterhaltsam, ungeduldig, gedächtnisschwach, jederzeit rot anlaufende Köpfe hervorbringend. (SZ-Feuilleton am 9. März)
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»In Brasilien spielen sehr viele Kinder Fußball in der Halle. Ich habe das bis zu meinem 14. Lebensjahr auch gemacht. Als ich zum besten Spieler Brasiliens gewählt worden bin, haben mich Freunde überredet, es draußen auf dem Rasen mit Fußball zu probieren. (…) Am ersten Tag hat mich mein Trainer gefragt, welche Position ich denn spielen würde. Ich habe gesagt, dass ich das nicht weiß. Denn in der Halle waren Positionen kein Thema. Weil sowieso nur ein Platz im offensiven Mittelfeld frei war, habe ich dort angefangen zu spielen.« (Bayer Leverkusens offensiver Mittelfeldspieler Renato Augusto im WamS-Interview)
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Schweine schlachten lässt Clemens Tönnies hierzulande wie kein Zweiter. Mehr als zehn Millionen Säue lassen in den Betrieben des Schalker Aufsichtsratschefs jedes Jahr ihr Leben. (…) Es war vorher bekannt (…), dass es sich bei Magath um einen ebenso fleißigen wie unbarmherzigen Zuchtmeister handelt (…), bei dem leistungsschwache Fußballprofis sich zuweilen ähnlich wohl fühlen wie Spanferkel überm Rost. (…) Seinerzeit ist er (Anm.: Tönnies) vor Stolz fast geplatzt wie eine zu stark aufgepumpte Schweinsblase, als er Magath (…) vom VfL Wolfsburg loseiste. (Frankfurter Rundschau)
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Staunend und ungläubig nehmen sie zur Kenntnis (Anm.: die Deutschen, dass sie laut Umfrage weltweit das höchste Ansehen genießen), dass sie gemocht werden. Und fragen sich: Wie kann das sein? Haben wir das verdient? Was machen wir falsch? (…) Das Verschwinden des hässlichen Deutschen hatte sich schon eine Weile angekündigt. Die ersten Anzeichen waren Bundesbahn-Schaffner, die lange Haare und Ohrringe trugen. (…) Sogar in Berlin, wo die Uhren langsamer gehen, wird man nur mit Mühe einen Busfahrer finden, der einem die Tür vor der Nase zumacht und dabei schadenfroh grinst. (Henryk M. Broder in der WamS)
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Ihre prägendste Erinnerung an den Vater? – »Ein Versprechen, das er mir abnahm. Im Krankenhaus, nachdem er im KZ fast zu Tode gefoltert worden war und ich ihn nur noch an seinen Augen erkannte. ›Was auch geschehen mag‹, sagte er, ›es berechtigt dich nicht, einen Menschen zu töten. Bleib lieber ein Opfer als ein Täter.‹ Daran habe ich mich ein Leben lang gehalten.« (Schauspieler und Autor Michael Degen im BamS-Interview) (gw)

Veröffentlicht von gw am 14. März 2011 .
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Montagsthemen

Am Samstag Theater. Graf Öderland von Frisch. Das hilflose Wüten gegen Einerlei und Reglement, der Amoklauf nach jahrzehntelangem Trott, klar, kennt man noch als Schul-Lektüre. Damals aber eher das gegensätzliche Gefühl als lonely wolf, der vom Wald her neidisch auf das geordnete Treiben schaut. Eindrucksvollste Leistung im Öderland: Ein Darsteller steht, warum auch immer, als lebender Kleiderständer geschätzte 15 Minuten mit hoch erhobenem Arm (der einen Hut trägt). Versuchen Sie’s mal. Beeindruckende Halteausdauerleistung. Kaum zu glauben. Absolut unmöglich für einen Athleten in Sportarten, in denen es auf Explosivleistung ankommt. Aber ich hätte es auch nie für möglich gehalten, dass Claudia Pechstein nach zwei Jahren Pause mit 39 und nun unter gläsernsten Bedingungen eine WM-Medaille in einer Sportart gewinnt, die wegen ihrer doppelten Ausdauer-Beanspruchung (Herz/Kreislauf und muskulär/Oberschenkel!) doppelt anfällig für Doping ist.
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Ich kann mir keinen Reim darauf machen und auch nicht auf den Fußball. Andere reimen ihn sich aber nach Gusto zurecht: Bayern spielt nach drei Pleiten groß auf – für van Gaal (um ihn zu halten), gegen ihn (um zu zeigen, wie befreit sie nun aufspielen können)? Wie’s euch gefällt. Gleiche Lage beim HSV. Spielen so schwach, weil Veh »lame duck« ist? Doch von den beiden Trainern dieses Spiels sieht nur einer nach einer duck aus. Nein, nach einer »goose« (Gans). Und wenn er die Champions League gewinnt, verwandelt sich der Franz Gans aus Holland noch wie im Märchen zum strahlenden Schwan.
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Bildhafte Vergleiche sind Glückssache. Zwar fällt Entenhausen-Kennern die physiognomische Ähnlichkeit van Gaals mit dem Lebensgefährten von Oma Duck auf, doch der ist eben (Franz) Gans und nicht Ente, außerdem ein stinkfauler Sack, und was auch immer Louis van Gaal sein mag, faul ist er gewiss nicht.
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Vermutung: Nur in sehr seltenen Ausnahmefällen spielt eine Mannschaft für oder gegen den Trainer. Auch in Frankfurt gibt es diesen Ausnahmefall nicht. Nur andere. Der erste ist abgehakt, Rekord-Torlosigkeit beendet. Aber wie! Der zuletzt zum absoluten Megasuperbestkeeper aller Zeiten hochgejubelte (in Wahrheit aber »nur« großartige) Manuel Neuer sieht beim Rekord-Tor eines Griechen (Tzavellas) aus zweihundert Metern durch die Irritation eines anderen Griechen (Gekas) aus wie ein Fliegenfänger im Slapstick. Danach zeigt er seine spezielle Klasse in der »Spieleröffnung« (neues Liga-Zauberwort), indem er einen Vierhundertmeterpass zu einem dritten Griechen (Charisteas) schlägt. Noch ein Rekord: Dazu kamen zwei weitere Griechen (Papadopoulos, Amanatidis), insgesamt also »pende ellines« (fünf Griechen) auf dem Platz, das gab’s außerhalb Hellas’ noch nie.
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Weit außerhalb Japans, also bei uns, ziehen Politiker den scheinbar wichtigsten Schluss, ohne den keine Stellungnahme auskommt: Keine Gefahr für uns. Soll beruhigen, wirkt seltsam fehl am Platz. Ehelicher Dialog, Sie: »Die armen Menschen.«. Er: »Das gibt leider fünf Prozent mehr für die Grünen.« Sie: »Ist das jetzt männliche Abgeklärtheit oder fehlende Empathie?« Er: (schweigt betröppelt).
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Echt erlebt (von ihr), am Donnerstag: Einkauf im Supermarkt. Abgepackte Sushi-Variationen. Sie überlegt, kauft aber nicht. Nicht, weil er bei kaltem Fisch speien muss, sondern weil die Packung den Namen »Tsunami« trägt. Wer kommt nur auf so etwas? Sie ist wegen des letzten großen Tsunami unangenehm berührt. Einen Tag später dann die neue große Katastrophe. Und was geschieht mit dem Tsunami-Sushi? Wird es überall aus den Regalen genommen?
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Warum immer das Scharwenzeln um die »liebste Zielgruppe«? Weil ich ein echter Germane bin. Noch einmal der schon am Samstag strapazierte Tacitus: »Die Germanen glauben sogar, dass den Frauen etwas Heiliges und Voraussehendes innewohne, und weder verschmähen sie ihren Ratschlag noch gehen sie über ihren Bescheid hinweg.« – Siehste!
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Zurück zum Sport: Neuer sieht unterhalb der Hüfte Kahn ähnlich, beide Mannstrumms wirken dort mit ihren weichen, etwas voluminösen Oberschenkeln gar nicht brutaltitanenhaft, sondern eher mädchenhaft weich. Und wann gewöhnt wer dem Mädchenfußballer Caio endlich die sinnfreien Übersteiger ab?
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Ach so, ja, beinahe vergessen: Der »Lebensgefährte« von Oma Duck ist eine gezielte Provokation für alle Donaldisten und geeignet, mit Schimpf und Schande aus Entenhausen vertrieben zu werden. dafür entschuldigt sich der Untermieter von Donald Duck: (gw)

Veröffentlicht von gw am 13. März 2011 .
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Sport-Stammtisch

»Ohne Erbitterung und Begeisterung« (»sine ira et studio«) schauen wir auf eine außergewöhnliche Trainer-Woche zurück, wobei das Wort des alten Römers Tacitus auch bei außersportlichen Außergewöhnlichkeiten zwischen Guttenberg und Nordafrika zu empfehlen wäre, aber das nur am Rande. Also: Van Gaal und Magath haben eine Gemeinsamkeit, die ein noch älterer weiser Mann als Tacitus beschrieben hat: »Strenge, denn er hatte einen finsteren Blick, war in der Rede barsch, strafte hart, auch bisweilen im Zorn, so dass es manchmal ihn selbst reute. Er strafte nämlich aus Grundsatz, denn er war der Überzeugung, dass ein zügelloser Haufen durchaus unbrauchbar sei.« Der alte Grieche Xenophon bezog sich auf den Spartaner-Führer Klearchos, und sein »Haufen« war das Heer und keine Fußballmannschaft, aber sonst passt alles. Womöglich muss bei van Gaal und Magath auch die berüchtigte schwarze Blutsuppe der Spartaner gegessen werden. Was tut man nicht alles für den totalen Erfolg! Erst wenn der ausbleibt, fällt dem Haufen auf: Erfolg ist nicht alles, und weniger Erfolg als der totale ist gar nichts, jedenfalls nichts, was lohnt, weiter Blutsuppe zu löffeln.
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Beide Noch-Trainer stehen mit ihren Mannschaften noch im Champions-League-Geschäft, während die Protagonisten der neudeutschen Jugend-forsch-Euphorie in der klassentieferen Europa League schon längst ausgeschieden sind (BVB) oder drauf und dran sind auszuscheiden (Bayer), aber beider Trainer stehen auf der Beliebtheitsskala ihrer Spieler und Fußball-Deutschlands ganz oben. Zu Recht. Um Klopp reißen sich alle, und der ehemalige Betonkopf Heynckes hat soviel dazugelernt, dass er auf seine alten Tage die Qual der Wahl hat zwischen Bayer, Bayern und dem Ruhestand, und wenn er auf Schalke den Finger heben würde, hätte er auch diesen Job in der Tasche.
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Wie Heynckes mit Ballack umgeht, ist nicht schofelig, sondern aller Ehren wert, denn: sine ira et studio. Die Erbitterung bringt nur Ballack mit, der nicht einsehen will, dass er trotz seines früheren Könnens und seiner großen Verdienste im Moment nicht in die Bayer-Elf (und in die Nationalmannschaft) passt, wahrscheinlich sogar nie mehr. Heynckes legatisiert nicht mehr die Okochas, wie bei seinem Frankfurter Desaster, sondern vermeidet jetzt die Ballackisierung der Vidals.
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Ach ja, Frankfurt. Skibbe. Die bekannte Schwäche seiner Teams in der zweiten Saisonhälfte, der aussortierte Tosun, der in der Türkei Tor auf Tor schießt, das eigene Torlos-System, dazu Bruchhagens kalte Rache für frühere Unbotmäßigkeiten des Trainers, außerdem eine gehörige Prise Pech, alles geköchelt auf hessischem Emotionsherd und abgeschmeckt von Panikern – schon steht schwarzrot hessisch Blutsupp auf dem Tisch.
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Und sonst? In Freiburg steht ein hochrangiger Uni-Professor unter Plagiatsverdacht, ausgerechnet jener Mann, der die Dopingvorwürfe gegen die Uni Freiburg (in Zusammenhang mit Ullrich und Telekom) aufklären soll. Er war ein Schüler von Prof. Keul und ist sein Nachfolger, darüber feixten Insider schon lange. Warum? Das wird dem ausdauernden Leser deutlich, wenn er im Online-Anstoß dem Link »Sport-Leben« folgt.
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Apropos Plagiat. Täuscht der Eindruck, oder wirkte der Ex-Verteidigungsminister beim Zapfenstreich so locker, gelöst und authentisch wie nie zuvor in seiner Medien-Karriere? Als ob eine Last von ihm abgefallen sei. Lässt sich von der Bundeswehr mit »Smoke on the Water« den Marsch blasen und grinst entspannt zu diesem aparten Arrangement. »Smoke on the water, fire in the sky, they burned down the gambling house, it died with an awfull sound« – Selbstironie vom Feinsten. Oder kannte er auch diesen Text nicht?
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Songtexte sind sowieso Glückssache. Erst durch den neuen »Kicker« weiß ich, dass mit »Alex« aus »Hier kommt Alex« Aleksandar Ristic gemeint war, damals Trainer von Fortuna Düsseldorf, deutscher Lieblingsklub der »Toten Hosen«. Als 1997 Katrina and the Waves mit »Walking on Sunshine« den Grand Prix d’Eurovision gewannen, konnte keiner ahnen, dass der Wirbelsturm Katrina mit seinen Waves acht Jahre später New Orleans heimsuchen würde, nicht gerade mit Sonnenschein, und trotz der düsteren Historie begleiten Katrina and the Waves noch heute das ZDF-Wetter nach dem Heute-Journal. Warum die Stürme überhaupt weibliche Namen erhielten, daran ist auch die Musik schuld: Im 2. Weltkrieg warnte ein Funker ein US-Flugzeug vor einem Hurrikan und pfiff dabei das Lied: »Every little breeze seems to whisper Louise.« Da ich schon mal berechtigte Kritik wegen zu vieler englischer Texte einstecken musste, hier die Übersetzung, die sich sogar kongenial mit dem Originaltext reimt: Jede kleine Brise scheint zu wispern Luise.
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Einst gab es den Hit einer hessischen Band (»Snap«), in dem unaufhörlich, also als und als das Wort »Hölderlin« vorkam. Ich fand’s saublöd, dass es scheinbar eine neue deutsche Welle gab, die wahllos deutsche Wörter in englische Texte einstreute. Ausgerechnet »Hölderlin«! Irritierte jüngere Familienangehörige behaupteten dann aber, es heiße nicht »Hölderlin«, sondern »Eternity«. Aus den gleichen Kreisen erfahre ich jetzt, dass es eine Website gibt, die voll solcher Song-Missverständnisse ist: »Agathe Bauer.« Auch auf die Gefahr hin, für einige Leser einen Uralt-Gag aufzubereiten (ja, ja, schon gut, liebe Netzgemeinde), für mich war’s das erste Mal, und das war zum Michwegwerfen, denn Agathe Bauer ist sozusagen die Schwester von Hölderlin, und ihr »Eternity« heißt: I got the Power. Übrigens ebenfalls von »Snap«. Und nun muss ich aufhören. Aga-the Bauer wartet. Fehlt nur noch der letzte große Paukenschlag: KT-Outing als beschummelter Schummler. Aber das ist ein ganz anderes Thema und … sie wissen schon. (gw)

Veröffentlicht von gw am 11. März 2011 .
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Baumhausbeichte - Novelle