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Sport-Stammtisch

Unsere drei Top-Themen der Woche: Der große Bayern-Sieg mit dem späten Tor von »Jay Jay« Gomez, die krachende Widerlegung der alten Basketballer-Weisheit von den weißen Jungs, die nicht springen können, sowie die schier unglaubliche Wendung in der Doping-Diskussion.
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Thesen: 1. Bayern München ist die mit Abstand beste deutsche Fußballmannschaft. 2. Borussia Dortmund ist die mit Abstand beste deutsche Bundesliga-Mannschaft. 3. These 1 und These 2 widersprechen sich nicht. Folgerung: Morgen Abend ist alles möglich.
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Wäre nicht die erste Halbzeit von Barcelona bei Arsenal noch in frischester Erinnerung, könnte man geneigt sein, die Bayern-Partie vom Mittwoch nahe eines fußballerischen Non plus ultra einzuordnen. Doch das verbietet sich nicht nur wegen Messi & Co. Das geflügelte Wort geht auf Pindar zurück, für den die Säulen des Herakles bei Gibraltar die Grenzen der bewohnten Welt bedeuteten, über die »nichts mehr hinaus geht«. Den Gegenbeweis aber hat schon Kaiser Karl V. im 16. Jahrhundert angetreten mit seinem Wahlspruch: »Plus ultra!« Das wäre dann auch das richtige Münchner Motto im Traumfinale gegen Barca, das Non-plus-ultra-Team aus der Stadt nicht allzu weit von Gibraltar, wo die Säulen kleiner als von Herakles sind, aber ebenfalls beeindruckend und dazu zahlreicher: Messi, Xavi, Iniesta …
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Na ja, vielleicht ein klein wenig zu weit vorgegriffen. Zurück in die Gegenwart: Mario Gomez hat sich nicht nur um seine Kopfform gekümmert, sondern auch um seinen Torjubel: bessere Frisur, netteres Ritual. Von Jay Jay Okocha, seinem früheren Idol, hat er sie abgeschaut, diese wippende Pseudo-Dehnübung, eine der Kreationen unseres GRÖKAZ (größter Kolumnen-Liebling aller Zeiten), die allesamt den sympathischen Vorzug hatten, keinen aggressiven Triumph darzustellen, sondern verspielte sinnfreie Albernheit.
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Ein zweites geflügeltes Wort wird widerlegt: »White boys can’t jump.« Wer bei youtube noch einmal Jay Jays unbändige Spiellust genießen will, sollte dort auch anschließend den Namen »Blake Griffin« eingeben. Der 2,08 m große und 114 Kilo schwere neue Held im NBA-Basketball spielt für die Los Angeles Clippers, und Lakers-Superfan Jack Nicholson spielt dem Vernehmen nach mit dem Gedanken, wegen Griffin seine Dauerkarte gegen eine der Clippers zu wechseln. Blake Griffin ist ein Jay-Jay-Kontrastprogramm mit unbändiger körperlicher Gewaltausübung, zum Glück nicht gegen Menschen, sondern nur gegen Sachen wie Ball und Korb. Beim Allstar-Game gewann er den Dunking-Wettbewerb, und wer sich’s anschaut, weiß warum. Unfassbar! In Deutschland war es, wenn die Erinnerung nicht trügt, »Pollo« Urmitzer, der in einem Spiel den ersten Dunk zeigte, später liebte Gießen seinen »Stopfer«-Spezialisten Tony Koski, in der Neuzeit war Michael Jordan das, nun ja, Non plus ultra, aber was Blake Griffin veranstaltet, das ist … Plus ultra! Und das Verblüffendste: White boys can doch jump! Denn Griffin ist so weiß wie Schnee.
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Das dritte Top-Thema der Woche verblüfft aber noch mehr, denn es signalisiert einen Paradigmenwechsel in der Doping-Diskussion. Jan Ullrich wurde trotz sehr dünner Beweislage vom deutschen Helden zum verachteten »Sünder«, Contadors Ausflüchte und wundersame spanische Reinwaschung wurden hämisch verlacht, aber nun kommt einer daher, der seine Eigenleistung mit verbotener Fremdhilfe verbessert, was ihm nicht nur einmal, sondern weit über hundert Mal nachgewiesen wird, und dennoch bleibt er ein deutscher Held. Ullrich hat »keinen Konkurrenten betrogen«, was ihm niemand glaubt (obwohl es stimmt), Contador will in Spanien unbewusst einmal clenbuterolverseuchtes Fleisch gegessen haben, was ihm aus gutem Grund niemand glaubt, im dritten Fall aber soll der hundertfache Missbrauch von Fremdhilfe ein unabsichtliches Versehen gewesen sein, und schon schart sich das Volk um seinen zu Unrecht geschmähten Helden. Vermutung: Dopingmentalität – Synonym: mehr Schein als Sein – ist ein mittlerweile gesellschaftlich anerkanntes Phänomen, greift immer mehr um sich und gilt als erlaubtes, angemessenes Mittel, um sich im gewünschten Sinne selbst zu verwirklichen, also mehr aus sich herauszuholen, als in einem steckt. Und wem das unbewusste Über-Ich sündhaftes Tun einflüstern will, der überhört es geflissentlich und deutet mit seinem moralischen Zeigefinger auf die bösen, bösen Doper im Sport, diese bequeme »bad Bank« des schlechten Gewissens. – »Die weltt die will betrogen syn«, sagte Sebastian Brant schon 1494 in seinem berühmten Werk, dessen Titel eine Metapher für die Lebensreise des Menschen auf dieser Welt ist: »Stultifera navis« – das »Narrenschiff«.
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Um nicht zu hochgestochen und auch nicht zu tief pessimistisch ins trübnasskalte Wochenende zu gehen, springen wir noch einmal zu den springenden (whow, fast schon wauwau, welch ein Übergang!) Basketballern. Früher, als nur ein Ausländer pro Team erlaubt war, lautete das Anforderungsprofil: Schwarz muss er sein, un hüppe muss er könne! Blake Griffin hat den Schwarzen auch noch dieses vorletzte Alleinstellungsmerkmal geklaut. Jetzt haben sie nur noch eines, und das halten sie fest. Wie Michael Jackson. Denn warum griff er sich so oft in den Schritt? Weil die Weißen den Schwarzen alles weggenommen haben und die Schwarzen daher immer nachprüfen müssen, ob wenigstens DAS noch da ist. Alter Witz, ich weiß. Außerdem ein ganz anderes Thema, und das hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle