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Sport-Stammtisch

Gaddafi mit dem Regenschirm – ein lehrreiches Bild. Geografisch die Überraschung: Selbst in Libyen kann’s regnen. Politisch die Diagnose: Potentaten sind am Ende, wenn sie den Schirm nicht mehr halten lassen, sondern selbst halten müssen. Juristisch die Erwartung: Wenn Gaddafi nicht mehr den Schutzschirm über seine Söhne spannt, zieht auch unsere Justiz ihre furchtsam schützende Hand zurück. Dass Gaddafi die Schweiz buchstäblich in und auf die Knie zwang, als Sohn Hannibal verhaftet wurde, ist eine bekannte, dass der in München »studierende« Saif in Bayern Narrenfreiheit hatte, eine weniger bekannte Geschichte. Damit zum Fußball: Saadi, ebenfalls Sohn, der in Bengasi den Einsatz gegen die Demonstranten leiten soll, hatte zuvor ein harmloseres Hobby – als libyscher Nationalspieler, Profi beim italienischen Erstligisten Perugia und Mitbesitzer von Juventus Turin.
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Nationalspieler wurde Saadi al-Gaddafi, indem er Nationaltrainer Scoglio feuerte, der ihn nicht aufstellen wollte (»Saadi ist eine totale Null«). Dennoch wurde die Null libyscher Torschützenkönig: König im majestätischen Sinne des Wortes, denn die Untertanen in der Mannschaft hatten ihm die Bälle zuzuspielen, und nur der König schoss aufs Tor. In dem stand beziehungsweise lag der Torwart schon vor dem Schuss in der falschen Ecke. Sein Debüt in Perugia musste Saadi wegen Nandrolon-Dopings um ein paar Monate verschieben (er hatte Ben Johnson als persönlichen Fitnesstrainer verpflichtet, wirklich!), als er dann endlich erstmals eingewechselt wurde, schenkte er allen 25 Perugia-Profis je einen Smart.
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Schluss mit lustig, denn lustig ist’s sowieso nicht. Jedes dieser Fußball-Anekdötchen hat seinen Urgrund in Mord, Terror und Despotismus. Dagegen wirkt unser hessisches Drama wie die Schäferidylle in einer arkadischen Traumlandschaft: In Frankfurt spukt das Abstiegsgespenst. Unser Hausmurmeltierchen ergänzt sein altes Eintracht-Mantra (Wenn Tore nicht mehr sprechen, beginnen erst die Toren zu sprechen, dann wird gepanikt, und wer panikt, steigt ab) mit seinem neuen täglichen Gruß: Wenn’s abstiegsspukt, muss gespuckt werden, und zwar in die Hände.
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Leider spielt der in unserer Kolumne oft genug hoch gelobte Heribert Bruchhagen diesmal eine recht unrühmliche Rolle. Wenn ein Spieler seinen Trainer öffentlich derart massiv angreift, muss der Trainer handeln, wie Skibbe gehandelt hat. Und wenn der Boss den Trainer postwendend derart peinlich zurückpfeift wie Bruchhagen, beschämt und demontiert er den Trainer auf eine Weise, die sich auch negativ auf die Mannschaftsleistung auswirken muss. Hat er Skibbe schon im Geiste entlassen und einen positiv spektakulären Nachfolger in der Hinterhand?
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Aber noch einmal: Im Vergleich zu anderen Problemen ist das der Eintracht ein idyllisches. Und da Fußball Fußball ist, unberechenbar und ungerecht, wird es wahrscheinlich ausgerechnet Amanatidis sein, der die entscheidenden Tore gegen den Abstieg schießt.
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Anderes Thema: Frühere und aktuelle Leichtathletik-Asse protestieren gegen ARD und ZDF, die aus finanziellen Gründen auf die WM-Senderechte verzichten. Der zu hohe Preis ist natürlich nur ein vorgeschobenes Argument, denn wenn’s Quote bringt, ist den Öffentlich-Rechtlichen kein Preis zu hoch. Tatsächlich geht es um die angeblich werberelevante Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen, die mit Leichtathletik nicht mehr von den Privaten zu ARD und ZDF zurückgelockt werden können. Heißt es. Doch diese Zielgruppe ist weder werberelevant noch überhaupt eine wichtige Zielgruppe, denn ihr Erfinder, der damalige RTL-Boss Helmut Thoma, hat längst zugegeben (2008 in einem Spiegel-Interview), dass »die Grenzziehung reine Willkür« war, die Werberelevanz nur für das RTL-Programm der frühen 90er Jahre galt und längst überholt ist, da »angesichts des demographischen Wandels« selbst die RTL-Zuschauer mittlerweile 50 Jahre und älter sind. Thoma: »Wer hat denn heute das Geld? Die 50- bis 65-Jährigen.«
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Und überhaupt: Die öffentliche-rechtliche Daseinsberechtigung verlangt keine Werbestrategie, sondern Erfüllung des Versorgungs-Grundauftrags. Zu dem gehört auch eine Leichtathletik-WM. Wer das anders sieht, sollte sich selbst abschaffen, auf Gebühren verzichten und Privatsender werden.
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Alea iacta est. Aus unserer Rubrik »Latein für Besserwisser«: Das heißt nicht, der Würfel ist gefallen, sondern er ist geworfen. Gilt nicht nur für die Leichtathletik, ARD und ZDF, sondern auch für die Eintracht und sogar für ganz Nordafrika. Wie er letztlich fällt, der Würfel, weiß noch niemand. Aber wir werden es erleben, schon bald. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle