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Montagsthemen

Im Vorwort einer gewissen Doktorarbeit, die hier nur aus rein sportlichen Gründen eine Rolle spielt, ist vom »Kairos« die Rede, was niedere Stände beeindrucken könnte, wenn sie nicht wüssten, dass damit lediglich der »richtige Moment« gemeint ist, den der Volksmund trotz altgriechischer Unkenntnis schon längst in einer synonymen Redensart verdeutscht hat: Die Gelegenheit beim Schopf packen. Neudeutsch auch: gutes timing.
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Ioannis Amanatidis hat sehr viel Schopf und sich an ihm gut »getimt« von der Ersatzbank erst in die Schlagzeilen und dann ins Team gezogen. Dieses wiederum hat in Nürnberg ganz eindeutig den »kairos« verpasst, was ein putziges Tierchen aus dem Winterschlaf weckt, auf dessen tägliche Grüße wir zuletzt dankbar verzichten durften. Nun ist das Murmeltier wieder da und holt in einer Grußorgie alles nach, was es in den letzten Jahren versäumt hat: »Abstieg, Abstieg, Abstieg«… halts …!

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Gegen dieses Murmeltier kommt nur unser eigenes an, das besorgt Warnlaut gebende Montagsthemen-Hausmantramurmeltierchen: Wenn Tore nicht mehr sprechen, beginnen die Toren zu sprechen, dann wird gepanikt, und wer panikt, steigt ab (mehr zur Eintracht im gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« mit zwei Leser-Beiträgen).

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Noch läuft unsere Wette, dass sich Skibbe vor Gottschalk verabschieden wird. Ich erhöhe auf: … und auch vor dem Baron. Der hat zwar mit dem Eintracht-Trainer ein aktuelles Desaster und den chronisch gestelzt-gedrechselten Jargon der Uneigentlichkeit gemeinsam, aber während jenem die mächtige Bild-Zeitung den Rücken stärkt, sitzt diesem ein grimmiger Bruchhagen im Nacken. Für hessische Schlagzeilenmacher eine schöne Zeit, denn von »Kibbt Skibbe?« bis »Skibbe kibbt!« bieten sich griffige, sprachlich aparte (lassen Sie mal das »S« weg!) und vor allem selbst in Übergröße in jede Zeile passende Überschriften an.
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Dortmund hat den »Kairos« erwischt, die spielerische Gala gegen St. Pauli beseitigt letzte Zweifel am Sturmlauf zum Titel. Ja, der BVB hat ihn nicht nur erwischt, sondern ihn sich auch einverleibt, er ist quasi Kairos selbst, der griechische Gott des richtigen Augenblicks, des einen Moments, in dem, und nur in dem, möglich wird, was danach nie mehr möglich sein wird. Denn Kairos läuft mit Flügeln an den Füßen, einer Stirnlocke vorn und mit kahlgeschorenem Hinterkopf so schnell vorüber, dass man ihn nur von vorn am Schopf packen kann. Und obwohl Kevin Großkreutz, um der Konkurrenz eine kleine Chance zu geben, seinen Irokesenschnitt abgelegt hat und die Haare nun auch hinten lang trägt – dieser BVB ist nicht mehr zu packen. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle