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Sport-Stammtisch

Alles hängt mit allem zusammen. Mit Messi geht’s los. In der ersten Halbzeit in London kam Barcelona der Fußball-Vollkommenheit nahe, weil die Spanier spielten und die Engländer sie spielen ließen und mitspielen wollten, wie es eben Arsenal-Art ist. Dass danach das Spiel kippte, lag an dem aberkannten regulären Messi-Tor, einem Zufallstreffer des Gegners und der sich danach bestätigenden Chaos-Theorie des Fußballs, in dem Winzigkeiten entscheidende Wenden einleiten können. Aber das nur am Rande. Es geht um Messi, der wieder sein unvergleichliches Können demonstrierte. Zweifellos der beste Fußballer der Welt. Auch, weil er (nach korrekter Auslegung der Regeln) gedopt war.
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Messi kam als klein gewachsener Bub aus einem einzigen Grund nach Barcelona: Weil die Spanier ihm eine Wachstumshormon-Kur bezahlten, eine Manipulation mit dem Ziel, die sportliche Leistung des mickrig-schwächlichen Lionel zu steigern (seitdem »verordnen« argentinische Eltern ihren Kindern Wachstumshormone, damit aus ihnen kleine Messis werden, aber auch das nur am Rande). Kaum jemand brachte das mit Doping in Verbindung, denn im Fußball gelten eigene Regeln, in Spanien allemal, siehe zaubergleiches Verschwinden berühmter Namen von der Fuentes-Liste. Auch Contador tauchte dort auf und schnell wieder ab – ein Vorbote für seinen Clenbuterol-Freispruch, zu dem allerdings nicht nur höchste Stellen dort, sondern auch wir hierzulande beigetragen haben. Der Clenbuterol-Fall des deutschen Tischtennisspielers Ovtcharov ist in der Doping-Analyse identisch mit dem von Contador, aber bei uns gilt der Spanier als Bösewicht, der Deutsche als Opfer. Beides stimmt wahrscheinlich sogar, was Folgerungen nahelegen, die hier aber zu weit führen, denn Faktum ist nur: Beide hätten gesperrt werden müssen, weil sie Regeln verletzt haben, egal ob absichtlich oder nicht.
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Deutsche Gutsherrenart: Wir entscheiden nach Sympathie, wer gut oder böse ist. Unsere Gegensatzpaare begannen beim bösen Finsterling Ben Johnson und der guten Gazelle Carl Lewis (was schon damals falsch war) und enden heute bei Contador und Ovtcharov. Damit lösen wir keine Doping-Probleme, damit schaffen wir neue – und liefern Spanien willkommene Argumentationshilfe in Sachen »bigotte deutsche Heuchler«.
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Stichwort Gutsherrenart. Auch der aktuell heiß diskutierte Fall »Dr. Guttenberg« erfüllt die klassische Definition von Doping: Leistungssteigerung mit Hilfe verbotener Fremdmittel. Doch wie im Sport dominieren hier nicht nüchterne Fakten die Diskussion, sondern Freund-Feind-Denken mit Sympathie oder Antipathie als die entscheidenden Kriterien.
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Nun gibt es sicher viel mehr noch abgeschriebenere Doktorarbeiten als die des Barons, auch abgefahrenere wie jene eines Tierarztes, der das Pferd eines Professors kurierte und beim dankbaren Reitersmann eine Doktorarbeit schreiben durfte, einen sehr kurzen, aber zu Herzen gehenden Erlebnisbericht über die Heilung des Pferdes. Seitdem ist der Tierarzt Doktor. Nicht Dr. med. vet., sondern Dr. phil., denn der Doktorvater war kein Veterinärmediziner. Oder die Klitschkos: Wer ihre Doktorarbeiten gelesen hat, berichtet von rührenden Besinnungsaufsätzen. Hauptsache Doktor.
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Wer dem Baron böse will, könnte folgern, dass bei einem Menschen, der in seinen Reden einen solch manierierten Wort- und Satzbau pflegt, es vom Geschwurbel zum Geschummel nicht weit sein müsse. Aus Proporzgründen stelle ich aber einen anderen Plagiator aus der Politik an den Pranger. Einst kritisierte ich zu Heynckes-Zeiten die »Legatisierung der Okochas«. Der Gag musste gegen wohlmeinende Korrektoren verteidigt werden, die aus der Legatisierung eine Legalisierung machen wollten. Dann gab’s Ärger mit den Heynckes-Freunden, der damals übergroßen Mehrheit. Erst als Heynckes scheiterte, bekam meine Legatisierung plötzlich viele Väter. Ein Hörer gewann mit ihr sogar einen HR-Preis für »seine« Wortschöpfung. Ein bisschen Säuernis kam aber erst auf, als ein dreister Plagiator in einem Interview die »Legatisierung der Okochas« als seine eigene Kreation verkaufte. Diese Legatisierung war nicht legalisiert, Herr Cohn-Bendit!  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle