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Sport-Stammtisch

Es gibt viel zu schreiben, packen wir’s an. Um Amanatidis kommen wir nicht herum, denn er liefert die Eintracht-Schlagzeile der Woche. Unabhängig vom Sportlichen (in Bestform gehört er ins Team): So viel Verständnis für Skibbe war nie. In der ewigen deutschen Weltbestenliste der Vieldrauflosquassler liegt Amanatidis auf Platz zwei hinter dem unangefochten Führenden, einem gewissen Loddar. Das nervt den Trainer, zumal Amanatidis punktgenau in der Torlos-Krise losledert und in gewissen Frankfurter Medienkreisen willige Helfer findet. Die lieben ihren »Ama«, der im Gegensatz zu manchem wortfaulen Profi immer und überall Wortschwälle absondert, sogar druckreife, denn beredt ist er, kritisch auch, er hinterfragt alles und jeden. Nur sich selbst nicht.
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Landsmann, Sturmrivale und Gegenmodell: Gekas. Er lässt nur Tore sprechen. Derzeit ist er also völlig verstummt. Was fatal ist, denn wenn Tore nicht mehr sprechen, beginnen die Toren zu sprechen. Gilt nicht nur bei der Eintracht, sondern ist das 1. Medien-Gesetz des Fußballs
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Wie heißt der dritte Grieche der Eintracht? Selbst wer ihn kennt, muss erst einmal überlegen. Savallas? Nein, das war der mit dem Kojak-Lolli. Canellas? Nein, das war der mit dem Tonband. Tzavellas? Richtig! Der beste Grieche im Team. Und der unbekannteste.
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Griechen sind also nicht über einen Kamm zu scheren oder in einen Tsatsiki-Topf zu stecken. Effiziente Arbeiter wie Tzavellas passen nicht in unser geliebtes Klischee, sondern jener zu hundert Prozent erwerbsunfähige Blinde, der eine Schubkarre über eine Baustelle schiebt – einer von »zehntausenden Griechen«, die »Invalidenrente kassieren, obwohl sie kerngesund sind«, (Griechenland-Zeitung). Aber wer sich in seiner näheren deutschen Umgebung umschaut, sieht der nicht ähnliche Fälle? Am besten, man sieht sich lieber in Griechenland um. Dort herrschen zur Zeit die »alkyonischen Tage«, eine typische Schönwetterperiode im Winter mit Sonne und bis zu 20 Grad. Persönlicher Tipp: Ab nach Athen, mit Bus 96 vom Flughafen nach Piräus, ins Fährschiff nach Naxos steigen, dort fünf Minuten zu Fuß die Hafenstraße entlang zum Hotel gehen, dessen Nomen Omen sein soll: »Alkyoni«.
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So, das war der Beitrag zur Völkerversöhnung. Anderes Thema, hübsche Formulierung in einer dpa-Meldung: »Hobby- und Leistungssportler gefährden ihre Gesundheit, wenn sie auf eigene Faust Wachstumshormone zur Leistungssteigerung einsetzen.« Also scheinbar das Fazit der Doping-Debatte: Nicht auf eigene Faust, immer erst schön den Arzt fragen!
Hat zwar damit nichts zu tun, aber in einem Bericht über die Diskus-Olympiasiegerin Ilke Wyludda (»Schmerzensfrau der Leichtathletik«/FAS), der nach OP-Komplikationen ein Bein amputiert werden musste, erfährt man nebenbei, dass sie bei der Doping-Kontrolle einmal die gleichzeitige Einnahme von 63 Medikamenten angegeben hatte – allesamt medizinisch »angezeigt«, also erlaubt.
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Das Thema vertiefen wir lieber nicht, es vertreibt sonst noch die letzten Leser (von denen rund die Hälfte momentan, schnief, zu den bösen Doping-Sündern gehört, ich sage nur: Otriven, Wick-Medinait & Co!). Auch die allerliebste Zielgruppe gehört dazu, und mann wundert sich, wie tapfer sie leidet, ohne zu klagen. Selbst hält man sich ja beim kleinsten Zipperlein an seine heimliche Devise: Lerne klagen ohne zu leiden.
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In diesem Zielgruppen-Zusammenhang sei stolz erwähnt, dass die aktuell wieder heiß diskutierte Frauen-Quote für uns kein Thema ist: Diese Kolumne kann sich mit Fug und Recht des höchsten Frauenanteils rühmen, den jemals eine Sportkolumne vorweisen konnte.
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Ansonsten halte ich mich in Sachen Gleichberechtigung entschieden raus. Ich heiße ja nicht Tolstoi, der verlangt, dass sich »in den Ansichten über Welt und Leben derjenige, der weniger darüber nachgedacht hat, dem unterordnet, der mehr darüber nachgedacht hat. Wie glücklich wäre ich, mich Sonja unterordnen zu können, aber das ist ja ebenso undenkbar wie eine Gans, die in ihr Ei kriecht.«
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Der alte Chauvi! Im 19. Jahrhundert gab es aber auch schon Softies wie den Dichter Stendahl, der 1817 im Tagebuch notierte, »um zur Gleichheit zu gelangen, dieser Quelle des Glücks für beide Geschlechter, müsste es den Frauen erlaubt sein, sich zu duellieren. Jeder Frau, die freiwillig zwei Jahre ins Gefängnis geht, müsste es gestattet sein, sich nach Ablauf dieser Zeit scheiden zu lassen. Um das Jahr 2000 werden solche Gedanken nicht mehr lächerlich sein.«
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Ein wahrer Prophet! Zurück in die Gegenwart 2011: Von der LeserInnenschaft kommt die Aufforderung, eine Meinung zu »Wetten, dass?« heute und Monica Lierhaus letzte Woche im ZDF zu formulieren. Fällt mir schwer, denn in der Gottschalk-Sendung hatten mich die Risiko-Wetten, bei denen schon früher noch Schlimmeres hätte passieren können, noch nie interessiert, und bei Monica Lierhaus maße ich mir keine kritische Wertung ihres alle bewegenden Auftritts an, den sie wohl mit aller Energie gewollt hat, der aber anderen nur zu gut ins Kalkül passte.
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Die Zurückhaltung hat einen Grund, und der heißt Socrates bzw. der nennt ihn: »Hast du deine Meinung schon durch die drei Siebe gegossen: jenes der Wahrheit, jenes der Güte, jenes der Notwendigkeit?«
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Viele Themen und Themchen sind heute auf der Strecke geblieben (Amerell/Kemptner: igittigitt; Ballack: leider vorbei; Ägypten: Randnotiz im gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«; dort auch Basketballerisches). Nicht unter den Stammtisch fallen darf aber dieser wunderbare Dialog zwischen dem Schriftsteller Arno Geiger und seinem dementen Vater, der ihn mit einem verschmitzten Aufblitzen früheren Verstandes verblüffte. »Weißt du überhaupt, wer ich bin?«, fragte er den Vater die Frage aller Demenz-Fragen, und dieser antwortete, auch für uns zu guter Letzt: »Als ob das so interessant wäre.«  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle