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Montagsthemen

»De-de-dere …« Endlich ist sie weg, die Melodie, die einen Tag lang im Kopf nervte. Dank der ersten am frühen Sonntag bei den Nachrichtenagenturen gesichteten Meldung. Da nicht ferngesehen, wird schnell mit »Lierhaus« und »youtube« gegoogelt …
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So. Wieder gefasst, hin und hergerissen zwischen aufwallendem Gefühl und medienkühlem Zynismus, verstecke ich mich hinter frühen »Anstoß«-Worten, geschrieben im Jahr 2003: »Wer ist besser, Delling oder Beckmann? Natürlich Delling. Aber Monica Lierhaus ist die Allerbeste. Nicht weil sie eine Frau, sondern weil sie besser als alle Männer ist.«
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Zurück aus dem Keller (wohin Männer gehen, um Emotionen zu zeigen), lese ich in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in soo großen Lettern: »Bewegende Momente.« Nicht als Schlagzeile zum Lierhaus-Auftritt bei der Goldenen Kamera des Springer-Verlags, sondern als Werbung für den neuen BMW.
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Tief durchgeatmet und weiter: Die Münchner in Köln, beginnend wie die Champions-League-Sieger, endend wie die Deppen, versprechen weiterhin beste Unterhaltung im Bayern-Stadl. Sportlich bietet der trotz des unglaublichen BVB immer noch mit Abstand bestbesetzte deutsche Fußballklub ein Spiegelbild seiner inneren Zerrissenheit.
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Scheinbar paradox, dass Dortmund zwei Punkte verliert und seinen Riesenvorsprung ausbaut. Wegen Manuel Neuer. Klar. Er ist der aktuell beste Torhüter der Welt. Andererseits hat Jürgen Klopp recht, wenn er sagt: »Die meisten der Bälle muss man als Nationaltorhüter halten.«
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»De-de-dere …« Da ist sie wieder, die Begleitmusik zum großen Schlag gegen die Doping-Mafia. Wobei Doping das falsche Wort ist, denn für den millionenstarken Kundenstamm der Dealer an Freizeit-Bodybuildern gelten keine Dopingregeln der Sportverbände, sondern nur die Gesetze des Staates. Aber verlieren wir uns nicht in den Verzwicktheiten dieser leidigen Thematik, die in den »Montagsthemen« nur wegen des »De-de-dere …« auftaucht, des Beginns des alten Hits von Peter Gabriel: »Sledgehammer« (Vorschlaghammer), viele Jahre lang die Lieblingsmusik der Bodybuilder bei ihrem albernen Posing-Gehampel. Dass die Fahnder sich auskennen und Humor haben, zeigt der Deckname für ihre Aktion: »Operation Sledgehammer.«
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Ein echter Sledgehammer auch, dass Boris Becker nur noch für Russland spielen will. Neueste Volte in der Doku-Soap über das Nach-Tennisleben des ewiglich siebzehnjährigsten Leimeners? Oder macht er uns den Schröder, wirbt nur noch für Gazprom? Aufatmen: Boris Becker, deutscher Juniorennationalspieler des 1. FC Kaiserslautern, in Tambow geboren, will russischer Nationalspieler werden. Ach so. Na ja.
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Carolyn Nytra läuft 60-m-Hürden-Weltjahresbestzeit. Respekt. Aber wenn man Anfang Februar von Weltjahresbestzeiten liest, taucht vor dem geistigen Sportauge unwillkürlich der Beitrag auf, mit dem unser früherer Kollege Jörg Dahlmann seinen Absprung zum ZDF einleitete: Er ließ für das »Sport-Studio« beleibte Mainzer Freizeitsportler Weltjahresbestleistungen im Dutzend aufstellen. An einem 1. Januar.
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Huch, was lese ich da?! »Harnik sagt Länderspiel ab.« Hab mich doch schon so auf das Spiel gegen Italien am Mittwoch gefreut! Aufatmen: Harnik ist ja Österreicher, es geht nur um die Partie gegen Holland. Er sagt auch nicht das Spiel ab, sondern seine Teilnahme.
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Dies war ein Beitrag aus der Rubrik »penetrante Besserwisserei«. Der nächste: In der »Zeit« finde ich in der Kolumne des Herausgebers Josef Joffe ein hübsches neues Exponat für meine »Anstoß«-Sammlung der erstaunlichsten Subjekt-Objekt-Vertauschungen. Joffe in einer Ägypten-Rückblende auf den August 1952: »Die Herrschaft reißt die Offizierskaste an sich.«
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Und dann wäre da noch der Prozess, der in dieser Woche beginnt und die ganze eklige Angelegenheit wieder zum öffentlichen Thema macht. Nicht in dieser Kolumne, denn es geht im Kern darum, ob sich ein älterer Mann bei Jünglingen schmierige Küsse und schleimige Berührungen mit guten Bewertungen erkauft hat. Igittigittigitt.
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Nein, mit so einem fiesen Nachgeschmack wollen wir nicht in die Woche gehen. Daher zu guter Letzt ein schönes Wort von Lewis Hamilton bei der Vorstellung seines neuen McLaren-Rennwagens: »Ich versuche, mein Auto so zu behandeln wie eine Frau.« Wenn alle deutschen Männer ihre Frauen wie ihr Auto behandelten, hätten wir das Beziehungs-Paradies auf Erden.
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Ausnahmen bestätigen die Regel, denn für mich sollte sie besser nicht gelten, sonst müsste ich wegen Vernachlässigung, Verwahrlosung, Missbrauch und Gewalt in der Ehe für immer weggesperrt werden. Aber das ist ein ganz anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle