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Montagsthemen

Wenn der BVB auch noch das anstehende Spiel gegen Schalke besteht, steht fest, dass der Meister 2011 feststeht. Und obwohl van Gaal als Charakter fest steht, steht fest, dass er bei Bayern als Trainer nicht feststeht – feststehende Feststellung, also Fazit eines Spieltages.
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Wer solche Wortspielerei als Hobby reitet, pflegt ein Steckenpferd, das die Aufmerksamkeit für Sinn und galoppierenden Unsinn schärft. Zum Beispiel bei Jürgen Klopp, ohne jeden Zweifel der erfolgreichste Trainer der Bundesliga und der beliebteste in urbi (Dortmund) et orbi (Globaldeutschland). Schon bevor feststand, dass Götze vielleicht sogar der bessere Kagawa ist, stellte Klopp auf die Frage fest, wie sehr er Kagawa vermisse: »Jemanden zu vermissen, der nicht da ist, macht nicht viel Sinn.«
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So? Nur jemanden zu vermissen, der nicht da ist, macht Sinn, denn jemanden, der da ist, kann man nicht vermissen, da er ja nicht nicht da, sondern da ist. Da ist nicht da oder nicht da die Frage, sondern Dada die Antwort, jene Kunst- und Denkströmung, die vor hundert Jahren aufkam und dem totalen Zweifel an allem einen Namen gab: Dada. Ein Jahrhundert später erweitert Klopp den Begriff zu Dadanichtda.
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»Bevor Dada da war, war Dada da«, sagte der Maler Hans Arp, ein Dadaist der ersten Stunde. Und Dada war da, weil Dada, so die Dada-Legende, ge- und erfunden wurde, indem der Schriftsteller Hugo Ball wahllos in ein Wörterbuch tippte und »dada« traf, das französische Wort für … Steckenpferd. Und, siehe da, da schließt sich der Wortspiel-Kreis im Galopp.
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Julian Draxler wird vom Dadaismus noch nicht allzu viel gehört haben, denn ihm fehlten noch zweieinhalb Jahre zum Abitur, und Dadaismus taucht, wenn überhaupt noch, erst in der Oberstufe auf. Aber Draxler pfeift auf das Abi, wie übrigens auch Mats Hummel (nicht aber Draxlers Mannschaftskamerad Joel Matip). Den von Felix Magath geförderten Verzicht pfeifen Matthias Sammer und Günter Netzer antidadaistisch aus, also populistisch, das heißt mit vereinfachten generellen Feststellungen, deren sarrazynischer Logik jeder zustimmt, die aber dem Einzelfall nicht gerecht werden.
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Klar, Abi zu haben ist besser als Abi nicht zu haben, das wissen auch Sammer und Netzer, die Abi nicht haben. Allerdings sind sie nicht als Maschinen- und Anlagenmonteur (Sammer) oder Kneipier (Netzer) reich und berühmt und (hoffentlich!) lebenserfüllt geworden, sondern als Fußballer. Wollen Sie Draxler vor ihrem Schicksal bewahren?
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Da es genügend Pro-Argumente gibt, hier ein kleines Kontra: Julian Draxler hat die einmalige Chance (und wohl das einmalige Talent), zwanzig Jahre lang ein Traumleben zu führen, mit innerer und äußerer Erfüllung, mehr als genug Geld für fünfzig Jahre Restleben zu verdienen und dabei und danach in all der Freizeit, die Fußball-Profis nun einmal haben, fürs ganze Leben lernen zu können. Oder das Abitur nachzumachen. Dennoch: Ob falsch oder richtig, wer weiß das schon. Weder Sammer noch Netzer noch ich.
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Und da wäre noch der hübsche Dialog, den ich in der Süddeutschen Zeitung lese. Ein SZ-Kollege fährt mit dem Rad in die Redaktion, auf der Straße, und wird von einer Autofahrerin aufgefordert, den Radweg zu benutzen. Er ruft: »Der Radweg ist vereist.« Sie ruft zurück: »Das stimmt nicht!«
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Wenn nur der Radfahrer weiß, ob da Eis da oder nicht da ist, aber die Autofahrerin sagt, dass da Eis nicht da ist, dann ist das modernes Dada im Sinne von Klopp: Dadanichtda. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle