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Sport-Stammtisch

Über den großen Fußball-Mäzen Dietmar Hopp und den großen Fußball-Verantwortungsethiker Heribert Bruchhagen gab es hier bisher nur uneingeschränkt Lobendes zu lesen. Das ändert sich heute.
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Anfang Januar pries ich Hopp, dass er meine alte These »Die Ware Sport ist nicht der wahre Sport« widerlege beziehungsweise an der Symbiose arbeite, indem er mit wahrem Sport (Ausbildungszentrum Hoffenheim) eine Sportware schaffe (Eduardo, Gustavo), diese mit Mehrwert verkaufe und den Profit wieder in den wahren Sport stecke, so dass sich Hoffenheim bald selbst tragen könne, sogar ohne Hopp.
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Danach tat sich dort aber einiges, was mich an meiner Hommage leise zweifeln ließ (drei Namen zur Auswahl: Alaba, Braafheid, Babel). Und ein alter Kollege meldete sich. Er hatte einiges zu sagen, was die leisen Zweifel lauter werden ließ. Für unsere Leser schreibt er eine Kurzfassung: »Es ist schon bemerkenswert, wie unterschiedlich das Engagement von Dietmar Hopp bewertet wird. Wer jedoch vermutet, dass er in seiner Rolle als Mäzen von 1899 Hoffenheim als Geschäftsmann agiert, der auf Rendite setzt, der liegt daneben. Dietmar Hopp geht es nicht ums Geld oder darum, Gewinne zu erzielen. Er ist Milliardär, hat cirka vier Milliarden Euro Privatvermögen. Er liebt den Fußball, den Sport und er steht komplett hinter seinem Verein. Dort, in Hoffenheim, ist er geboren, dort ist er aufgewachsen. Sein Herz hängt daran. Aber der Verkauf von Luiz Gustavo hat nach meinen persönlichen Erfahrungen nichts mit einem finanziellen Gewinn oder einer kaufmännischen Überlegung zu tun. Dietmar Hopp hat nur auf seine Art klar gemacht, wer in Hoffenheim das Sagen hat. Er ist der Verein, er bestimmt den Weg und er gibt die Marschroute vor. Rangnick, ein sicherlich hervorragender Trainer, ist wie Dietmar Hopp ein Alpha-Tier. Einer, der seine Meinung vertritt und keine Angst vor einer Konsequenz hat. Daher war es schon erstaunlich, dass diese beiden viereinhalb Jahre miteinander ausgekommen sind. Dass Dietmar Hopp den Erfolg unbedingt will und dafür auch weiterhin Geld in die Hand nimmt, haben die letzten Tage bewiesen.«
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Unser geschätzter Ex-Kollege weiß, was er schreibt: Er heißt Dag Heydecker, ist beim FSV Mainz 05 Geschäftsführer, arbeitete in dieser Funktion von 2000 bis 2005 auch bei der TSG Hoffenheim und war insgesamt zehn Jahre lang im »Unternehmen Hopp« tätig. Apropos Mainz: Das, wofür ich Hopps Hoffenheim pries, gibt es dort ja schon – sogar ohne einen wie Hopp.
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Ohne einen wie Caio hatte die Frankfurter Eintracht spielen wollen. Der liebe Jung ist wieder da, ohne richtig weggewesen zu sein. Eigentlich müsste sich Heribert Bruchhagen ein Loch in den Bauch freuen, denn er hatte Caio auf dessen vermeintlichem Weg nach Moskau hinterher geweint: »Sein Weggang ist für uns ein klarer Verlust.« Diesen Satz las ich am selben Tag, an dem ich (DFL-»Spieldaten« und sonstige Heucheleien gaben den Anstoß) geschrieben hatte: »Wer die Öffentlichkeit in sein taktisches Kalkül einbezieht, will sie oft nur für dumm verkaufen.« Einen wie Bruchhagen hatte ich nicht auf der Heuchel-Liste. Aber wetten, dass er sich kein Loch in den Bauch freut, sondern sich vor Wut am liebsten in einen hinteren Körperteil beißen würde!?
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Caios Bleiben ist ein klarer Verlust, finanzbilanzmäßig. Wie gerne wäre die Eintracht den Mädchenfußballer los geworden! Wie gerne hätten wir Caio in diesen drei traumverlorenen Jahren als Symbiose von Okocha und Yeboah erlebt – vor allem ich als deren ausgewiesener Oberfan! Und wie gerne würde ich mich immer noch in dem Mädchenfußballer täuschen, dem der liebe Gott alle seine Gaben in den Fuß gesteckt, aber dafür an anderen Körperteilen arg geknausert hat. Am liebsten wäre mir aber, Caio würde mich dumm aussehen lassen, indem er morgen mit einem männerhammermäßigen Traumtor das Spiel entscheidet.
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Wie bitte? Dumm aussehen könne ich sehr gut auch ohne Caio-Traumtor? Danke. Und damit zu einem ganz anderen Thema, in der Hoffnung, dass die liebste Zielgruppe wegen der bisherigen Fußballmonokultur in dieser Kolumne nicht schon gelangweilt weggedämmert ist: Gucken Sie Dschungelcamp, Castingshows oder sogar den Nachmittags-Müll? Nein? Wenigstens ab und zu »Wetten, dass«? Ja? Das ZDF trägt keine Schuld an dem schweren Unfall in der letzten Sendung, heißt es jetzt in einem Untersuchungsbericht. Technisch und juristisch sicher zu Recht. Aber warum gab es solch riskante Wetten überhaupt, von denen einige zuvor sogar deutlich gefährlicher waren als die schrecklich endende? Und warum schauen so viele zu, wenn sich Namenlose im Fernsehen produzieren, ob beim honorigen Gottschalk oder im Unterschichten-Trash? Warum stürzen sie sich ins Unglück, der eine buchstäblich, andere, indem sie sich zum Gespött machen?
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Einer gibt preis, was ihn und seinesgleichen antreibt: »Dem Ehrgeiz könnt ich alles, alles aufopfern. Schon der Gedanke, dass ich irgendwo glänzen, vor anderen mich auszeichnen könnte, beflügelt alle meine Geister so stark, dass ich wie in einem Meer von Empfindungen schwimme. Donnerwetter, ich muss einmal ein Kerl werden, drob die Welt erstaunen soll. Feuer hab ich die Erd auszubrennen. Fluch jeder Stunde, wo ich nicht ein Originalkerl war.«
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Mathieu Carriere im Dschungelcamp belauscht? Nein, Wilhelm Waiblinger vertraute es am 21. Juni 1822 seinem Tagebuch an. Waiblinger, der Hölderlins Freund wurde, als dieser schon wahnsinnig war. Ein ganz alter junger Wilder der deutschen Kultur. Seneca, ein ganz alter Meister der Weltkultur, hält dagegen: »Vermeide die Menge, vermeide ihre Schauspiele, zumal die blutigen. Trachte nicht nach dem Beifall der vielen.« Und erst dann bist du ein echter Originalkerl. Oder -kerlin.
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Ach ja: Feuer hatte Waiblinger wirklich genug. Zwar brannte er damit nicht die Erde ab, fackelte aber das Haus des Onkels seiner älteren Geliebten ab, weil der gegen diese damals skandalöse Verbindung war. Aber das ist nun wirklich ein ganz anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle