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Sport-Stammtisch

Als Nerlinger van Gaal rüffelte (was sein hierarchisches Recht ist, aber bei der physisch wie psychisch unterschiedlichen Statur der beiden auch sehr mutig), fügte er einen verräterischen Satz hinzu, der in ähnlichen Zusammenhängen oft zu hören oder zu lesen ist: Wenn einem etwas nicht gefalle, solle man dies intern ansprechen und nicht in der Öffentlichkeit. Verräterisch, weil derjenige, der scheinbar treuherzig auf Vertraulichkeit pocht, diese ebenfalls nicht intern, sondern in der Öffentlichkeit fordert und gleichzeitig Dinge, die ihm nicht gefallen, selbst öffentlich anspricht (hier: Rüffel).
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In internen Auseinandersetzungen bleibt die taktische Einbeziehung der Öffentlichkeit nun mal die schärfste Waffe der Streitenden. Solche scharfen Waffen sind aber bekanntlich zweischneidig, denn wer die Öffentlichkeit in sein taktisches Kalkül einbezieht, will sie oft nur für dumm verkaufen, steht aber schnell selbst dumm da, wenn er durchschaut wird.
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Zum Beispiel die Krokodilstränen der Bundesliga-Klubs, wenn Stars wie Gustavo, Ba oder van Nistelrooy »frech Verträge brechen« wollen. Da wird in der Öffentlichkeit auf die »Gier-Profis« geschimpft und über schwindende Identifikation mit dem Verein geklagt, angeprangert wird die »Söldner-Mentalität« der »Millionäre in kurzen Hosen« und was es sonst noch an heuchlerischen Binsen gibt, die öffentlich immer gut ankommen, weil mit ihnen so schön sublimiert werden kann.
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Sublimierung: Selbstgerechte Überhöhung. Oder frei nach Freud: Übertragung biologischer Triebregungen (Häme, Neid) in geistig bestimmte Verhaltensweisen (scheinbar intellektuell und moralisch begründete Negativ-Kritik). Umgangssprachlich: Andere runterziehen, um sich selbst hochzuziehen. Hier: Van Nistelrooy, der freche Gier-Profi. Aber wer würde nicht, wäre er in van Nistelrooys Lage, zu Real wollen, Vertrag hin, Vertrag her? Zumal es fast nur noch Verträge gibt, die gebrochen werden. In der Regel durch die Klubs. Denn seit 1995, seit dem Bosman-Urteil des Europäischen Gerichtshofes, dass Fußball-Profis nach Ablauf ihres Vertrags ablösefrei wechseln können, schließen die Klubs in verständlicher Notwehr Verträge mit wichtigen Spielern beinahe ausschließlich in Hinblick auf gewollten Vertragsbruch ab, denn nur dann fließen Ablösesummen in die Kassen der Vereine.
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Ähnliches Thema, bei dem die Öffentlichkeit ebenfalls für dumm verkauft werden soll: Die 36 deutschen Profiklubs haben, so die DFL, im vergangenen Geschäftsjahr trotz Rekordumsatzes rote Zahlen geschrieben. Nun könnte man durchaus auch am Beispiel Bundesliga einmal über den Fetisch »Umsatzsteigerung« nachdenken. Dass die DFL das nicht macht, ist nachvollziehbar – denn wer tut das schon? Sie denkt lieber, ebenfalls wie fast alle, über weitere Umsatzsteigerungen nach: Der Spieldaten-Verkauf für die Saison 2011/2012 sei auf große Resonanz gestoßen, heißt es, 24 Unternehmen hätten sich schon registrieren lassen.
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Spieldaten? Wichtigstes Ziel sei die »Vereinheitlichung und Steigerung der Qualität hochwertiger, einheitlicher und teilweise bisher nicht erfasster Spieldaten«, das soll die »Grundlage für innovative Medienprodukte« schaffen. Vor allem auch soll »Sportwettanbietern die Nutzung offiziell verifizierter Spieldaten ermöglicht werden«. Aha! Das ist es also! Spieldaten-Verkauf für exzessives Zocken: Wie viele Eckbälle gibt es in der ersten Viertelstunde, wann den ersten Freistoß, wie viele rothaarige Spieler stehen in der Anfangself – ein weites Feld für Zocker, Wettanbieter. Und für gewisse Fußballer.
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Noch mal zu den Verträgen. Sammers Vertrag mit dem DFB läuft weiter, aber auch die (vorläufige) Einhaltung von Verträgen muss nicht frei von Heuchel-Faktoren sein. Warum geht Sammer nicht zum HSV, sondern bleibt beim DFB (wer grinst da? Ah, Uli Hoeneß!)? Sammers öffentliches Bekenntnis: »Ich war vielleicht einer anderen Konstellation erlegen. Ich war vielleicht bereit für eine neue Liebe.« Aber dann die zu Herzen gehende Erkenntnis: »Ich habe neben meiner privaten großen Liebe zu meiner Frau auch jetzt eine Liebe: der Deutsche Fußball-Bund.« – Dr. Erika Fuchs, die geniale Übersetzerin der Donald-Duck-Comics und deutsche Sprachschöpferin, würde jetzt, lebte sie noch, einige ihrer lautmalerischen Kreationen in die Comic-Blase schreiben: »Würg, Keuch, Spotz.«
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Was würde Matthias Beltz zu Sammer sagen? Wohl das, was er schon einmal gesagt hat, hier bei uns, in einer der unvergessenen Jahresendzeitkolumnen mit Matthias Altenburg (»Jan Seghers«). Aber machen wir’s mal wie »Tagesschau« und »heute-journal«: Mehr zu diesem Thema finden Sie auf unserer Internet-Seite unter www.anstoss-gw.de. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle