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Montagsthemen

Die sieben Zwerge, sieben Weltwunder, Erschaffung der Welt in sieben Tagen: Die Sieben ist eine symbolische, eine magische Zahl. Vor allem auch für Zocker, wenn sie mit zwei Würfeln spielen, wie beim harmlosen Kneipen-»Mäxchen« oder beim gefährlichen Hinterzimmer-»Seven-Eleven«, die darauf beruhen, dass die Sieben statistisch häufiger kommt als andere Zahlen-Summen der beiden Würfel (z. B. sechs Mal so häufig wie die Zwei).
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Ist die Sieben auch beim Fußball magisch? Die Rückerschaffung der Fußball-Welt in sieben Bayern-Tagen: Dortmund hat 2×7 Punkte Vorsprung vor München. Spielt der BVB die nächsten sieben Spiele ebenso remis wie gegen Stuttgart und gewinnt der FC Bayern seine kommenden sieben Partien wie jetzt die gegen Kaiserslautern, sind beide gleichauf, da Dortmund nur 7×1 Punkte holt und München seinen aktuellen 7×2-Rückstand durch 7×3 Punkte wettmacht. München überholt den BVB sogar, wenn die Bayern sieben Mal mit drei Toren gewinnen, denn dann weisen sie gegenüber der Borussia eine Tordifferenz von +7 auf.
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Mhmm. Wer dieser Siebener-Symbolik vertraut, ist ein Simpel, mathematisch ein mindestens siebenfacher, denn die letzte Sieben hätte zwar schön in die Magie gepasst, doch bei der beschriebenen Konstellation entstünden nur fünf Tore Differenz. Außerdem wäre jemand, der auf diese Zahlenspielerei setzt, zu vergleichen mit einem Zocker, der einen Einser- oder Sechser-Pasch für ebenso wahrscheinlich hält wie eine Sieben (1+6, 4+3 usw.). Also: Vom FCB zum BVB – der Meister ist tot, es lebe der Meister.
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Wer dagegen wettet, könnte sich allerdings eine goldene Nase verdienen. Die hätte er dann aber nicht seinen Rechenkünsten, sondern einer schicksalhaften Wendung mit Hilfe mutwilliger Selbstzerstörung von Dortmund zu verdanken. Ähnlich wie Tycho Brahe, der dänische Mathematiker, der sich im 16. Jahrhundert seine goldene Nase nicht mit Rechnen, sondern mit Fechten »verdiente«: Im Duell wurde ihm ein Stück Nase abgeschlagen, danach trug er 30 Jahre lang eine Prothese aus Gold (mit Wachs-Haftmittel), die er jeden Morgen als zweite Nase aufsetzte wie andere ihre dritten Zähne einsetzen.
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Wasch scholl dasch blosch in einer Schportglosche? Nischtsch! Rein mit dem Ding und zurück zum Sport. Sonst bekomme ich wegen all der Siebener-Simpelei noch die Diagnose »Teilleistungsstörung«. Das ist ein sowohl neurologisch als auch euphemistisch sehr hübsches Fachwort für Dummheit, sagt der Hirnforscher Hans-Peter Thier in einem Zeit-Interview, in dem er auch behauptet, im Gehirn eines Fußballers passiere mehr als im Kopf eines Schachspielers. Kevin Großkreutz und Lukas Podolski können es bestätigen.
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Und im Gehirn eines Kolumnenspielers kreist und kreist es. Die Sieben, der Fußball, die Mathematik. Ist der Fußball berechenbar, oder regiert der Zufall? Tycho oder Tyche? Der Mathematiker oder die griechische Göttin des Schicksals, der Fügung, des Zufalls? Im Zweifelsfall Tyche, denn ihr Symbol ist nicht die Sieben, sondern der … Ball! Der Ball, von dem nur die Götter wissen, wohin er rollt. Und nicht mal die wissen es. Zumindest nicht die, von denen es hieß, sie seien Fußball-Götter, denn all diesen Kohlers rollte der Ball unberechenbarer vom Fuß als den Podolskis.
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Der Ball, das unbekannte Wesen. Schon Nikolaus von Kues, Kardinal und Philosoph, wunderte sich, dass der Ball zwar das Symbol der göttlichen und der mathematischen Vollkommenheit ist und trotzdem nach dem Zufallsprinzip rollt. Er verkörpere die Ordnung des Raumes, schaffe aber durch sein Rollen Unordnung. Noch dunkler raunte Heidegger: »Das Ereignis ereignet. Damit sagen wir vom Selben her auf das Selbe zu das Selbe.« Da finden wir Nicht-Fußball-Götter neurologisch nur Halt beim größten aller Sportphilosophen, bei Sepp Herberger: »Der Ball ist rund.« Womit vom Selben her auf das Selbe zu das Selbe gesagt wird. Ab sofort auch im Online-Blog mit begleitenden Anmerkungen zu den »Anstoß«-Kolumnen. Klicken Sie mal rein. Aber bleiben Sie bitte dem Druck treu, denn der steht unter Druck. Aber das ist … na ja, Sie wissen schon. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle