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Sport-Stammtisch

Und täglich grüßt das Murmeltier. In der »Mausefalle«. Dort dreht es das Hamsterrad des aufgeregten Lamentos … halt, halt … will ich etwa Stilblüten-König von Kitzbühel werden? Streichen wir das Thema lieber ganz. Die »Streif« lebt von der Todesgefahr, von den krokodilstränenbetroffenen Kommentaren nach jedem schweren Sturz und davon, dass dennoch alles bleibt, wie es ist.
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Im Handball bleibt nichts, wie es war. Afrikaner mischen mit, sogar Gauchos erreichen die Hauptrunde, Deutschland auch, allerdings mit programmiertem Ausscheiden und einer Mannschaft, die der Weltklasse ausgerechnet in einem gemeinhin als urdeutsch vermuteten Bereich unterlegen ist, der körperlichen Wucht.
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Aber gerade das weniger körperbetonte Kombinationsspiel ist eine urdeutsche Handball-Tradition. Frankreich, Spanien, Island, Ägypten oder jetzt Argentinien, sie alle stiegen traditionsunbelastet erst in den knallharten Hallenhandball-Sport ein, nachdem dieser in den frühen 60er Jahren den körperlich gemächlicheren, aber durchaus spielwitzigeren Feldhandball erst ergänzt und dann komplett abgelöst hatte.
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Feldhandball? »In der 50-Jahre-Sportschau-Jubiläumssendung wurde berichtet, dass beim Feldhandball früher Zuschauer im fünfstelligen Bereich zugeschaut haben – das hat mich schwer beeindruckt und gewundert. Wird das heute eigentlich noch gespielt?«, fragt Leser Ralf Protzel aus Bonn. Ich glaube nicht, jedenfalls dürfte es wesentlich mehr Rhönradturner als Feldhandballer geben. Aber in der Tat, das war mal anders: So gewann 1959 die Ostzone (nur unter KGB-Rekrutierten damals als DDR bekannt) einen »innerdeutschen Vergleich« gegen die Bundesrepublik und wurde nach diesem Triumph des Kommunismus in der SBZ zur, nun ja, DDR-Mannschaft des Jahres gewählt.
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Feldhandball wurde auf in drei Spielzonen unterteilten Fußballplätzen gespielt, auf Fußballtore, mit entsprechend größerem Kreis und Strafwurfmarke (14 Meter). Im Unterschied zum Hallenhandball konnte der Ball beim Dribbeln zwischen dem Prellen gefangen werden, und: Die beiden Torraum-Drittel durften nur mit höchstens sechs Feldspielern betreten werden. So verbrachten manche behäbigeren Feldhandballer ihr gesamtes aktives Sportlerleben im Abwehrdrittel, andere liefen absichtlich nach einem Angriff so langsam zurück, dass sie im Mitteldrittel stoppen mussten, weil das eigene Abwehrdrittel schon komplett von sechs eifrigen Mitspielern besetzt war. Ich weiß es, aus erster (Wurf-)Hand und aus eigenem faulen Lauffuß.
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Anderes Thema. Dass Sportvereine ein ideales Biotop für Päderasten sein können, war ein heißes 2010-Eisen. In 2011 sind es NPD- und andere extrem national Gesinnte. Aber: Rechtslastige Gesinnung ist zwar ebenfalls eklig, aber nicht strafbar. Man sollte nicht klagen, dass Jugendliche von den Neonazis im Verein zu deren rechten »Werten« verführt werden, sondern die eigenen Werte dagegen setzen. Wenn man sie denn hat. Nur jammernd Verbote fordern, das ist kein Wert, der Jugendlichen imponiert.
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Netteres Thema: Letzte Woche zitierte ich, im Anschluss an die beiden »Fit für die Vorsätze«-Kolumnen, Richard Burtons Tagebuch-Eintrag zur Gymnastik mit Ehefrau Elizabeth Taylor. Nach deren Nackt-auf-der-Stelle-Laufen folgt heute eine Übung mit etwas weniger erotischem Ambiente, aber körperlich ebenso beeindruckend, vorgeführt von Schriftsteller Walter Kempowski: »8. Februar 1989, Nartum: In fünf Jahren täglichen Trainings habe ich es nun so weit gebracht, dass ich mit den Fußzehen alles vom Boden aufheben kann. Wäsche ohne weiteres, schwieriger schon Zeitungen oder meinen Kamm. Den Kamm schiebe ich dann bis an den Rand der Treppe, lasse ihn halb überstehen und greife sodann mit den Zehen zu. Hierbei ist die große Zehe absolut unentbehrlich. Stelle mir vor, ich träte in einer Fernsehshow auf. Wetten dass, oder so.«
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Quälen Sie sich immer noch mit ihren Fitness-Vorsätzen ab? Wollen immer noch unbedingt abnehmen? Bernd Hontschik, ein psychosomatisch (= leibseelisch) denkender Chirurg aus Frankfurt, sagte vor einem halben Jahr im SZ-Interview: »Kampagnen zur gesunden Ernährung und Bewegung sind sehr in Mode. Sie langweilen mich. Gesund ist, wenn ein Mensch mit sich und der Welt im Gleichgewicht lebt und seine eigene Passung gefunden hat. Das kann auch jemand sein, der massives Übergewicht hat und der mehr trinkt, als wir beide gut finden.« – Find ich gut.
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Wer dennoch abnehmen will, sollte es vielleicht mit der schnellsten Methode überhaupt probieren: Am Äquator auf einen Berg steigen und auf der Höhe nach Osten gehen. Der Abnahmeeffekt hat nichts mit Hungern oder Fitnessübungen zu tun, sondern mit … Schwerkraft? Erdanziehung? Fliehkraft? … was weiß ich, jedenfalls etwas mit Naturgesetzen. Die psychosomatischen Gesetze verstehe ich besser, also: Lassen wir’s uns schmecken! Prost! Hauptsache, wir finden unsere eigene Passung. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle