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Anstoß (Das eingebaute Stoppschild)

Profis eines Bundesligisten stehen am Gepäckband des Flughafens und warten. Die Fußballer langweilen sich. Da sammelt ein Nationalspieler bei seinen Kollegen jeweils 500 Euro ein, und schon wird’s spannend: Im Topf sind über 5000 Euro, und die gewinnt, wessen Koffer zuerst auftaucht. Oder: Ein Nationaltorhüter mischt ein Geldbündel großer Scheine. Ein anderer Fußballer hebt ab. Und nun wird gewettet, ob die Seriennummer des jeweils nächsten Scheines mit einer geraden oder ungeraden Zahl endet. – Zwei der bekanntesten von vielen Geschichten rund um den Bochumer Wettbetrugs-Prozess, in dem jetzt immer prominentere Namen auftauchen, Geschichten, die scheinbar den direkten Weg vom Zocken zum Betrug beweisen.
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Das Zocken der Sportler ist kein modernes Menetekel, sondern der Hut, in dem die Gepäckband-Wetteinsätze landeten, ist ein ganz alter. Denn Sportler, die vor, nach und zwischen den Trainingseinheiten viel Zeit totschlagen müssen (bei Fußball-Profis also sehr, sehr viel Zeit), vertreiben sich die Langeweile gerne, indem sie miteinander zocken.
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Rückblende: Trainingslager, zwei Leichtathleten, Freunde und Konkurrenten, ruhen sich zwischen zwei beinharten Trainingseinheiten auf ihrem Zimmer aus. Vom Bett aus werfen sie ihre Zimmerschlüssel gegen die Wand. Wessen Schlüssel auf dem Boden am nächsten zur Wand liegt, der gewinnt ein »Pfund«, damals in der Szene das Synonym für einen Zwanzig-Mark-Schein. Nach einer halben Stunde gibt einer der beiden auf, viele »Pfund« leichter. Später, gleich nach dem Training, wird die Wette modifiziert: Jeder wirft eine Fünf-Kilo-Hantelscheibe über eine Turnermatte. Gewinner ist, wessen Scheibe hinter der Matte dieser am nächsten zu liegen kommt. Die Wetteinsätze steigen, im letzten Spiel kann der vorherige Verlierer alles »wett«machen, er jubelt, denn seine Scheibe bleibt direkt hinter und an der Matte liegen. Ein perfekter Wurf. Doch der Partner protestiert: Wegen Berührung ungültig. Der Bundestrainer (!) soll entscheiden. Der aber hält sich raus. Die beiden Sportler werden tagelang kein Wort miteinander reden, der Fall bleibt zeitlebens ungelöst.
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Gerne schmücken sich mehr oder weniger Prominente aus halb- und ballonseidenem Milieu mit »ihren« Sportlern. Einer der beiden zerstrittenen Freunde gab einmal schriftlich Einblick (ausführlich nachzulesen im Online-Anstoß unter dem Link »Sport-Leben«): »In der Szene sind wir Sportler gern gesehene Gäste. Die kleinen und großen Gangster lieben uns. Wir gehen in den Spielklub vom Roten Paul. So ähnlich heißen hier alle. Der Rote Paul ist ein Freund von Kutte Bauch, Kutte ist ein Freund von Jan, Jan heißt hier Jan die Gießkanne, weil er beim Seven-Eleven den Würfelbecher wie eine Gießkanne handhabt, und an der Tür hält Pistolen-Manne eiserne Wacht. (…) Nichts los beim Roten Paul. Auf in den nächsten Klub. Immer die gleiche Szenerie: unauffälliges Geschäftshaus, nächtliche Fahrstuhlfahrten in einsam-hallende obere Stockwerke, Klingeln an einer Tür ohne Namensschild, irgendein Pistolen-Manne öffnet« usw. usw.
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Andere Geschichte: Ein australischer Millionär riskiert eine scheinbar riskante Turf-Doppelwette: Er setzt für den Caufield Cup auf Amounis und für den Melbourne-Cup auf Phar Lap, den klar besten Galopper des Landes. Nachdem die Quote für Amounis in astronomische Höhen gestiegen ist, wird Phar Lap vom Caufield Cup zurückgezogen, da angeblich krank. Amounis gewinnt, die Buchmacher geraten in Panik, einige bedrohen den Besitzer von Phar Lap, andere das Pferd selbst, auf das sogar geschossen wird, um seinen absehbaren Sieg beim Melbourne Cup zu verhindern. Der Besitzer versteckt Phar Lap bis zum Renntag, das Pferd gewinnt, und der wettende Millionär ist 200 000 Pfund reicher, auch für ihn eine gewaltige Summe, denn wir schreiben das Jahr 1930. Fehlt noch der Clou des Ganzen: Der wettende Millionär ist auch der Besitzer von Phar Lap. Und paradox, aber amtlich: Nicht der Betrüger macht sich strafbar, sondern die Betrogenen.
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Und hier rammen wir, auf dem nur scheinbar direkten Weg vom Zocken zum kriminellen Betrug, ein Stoppschild ein: So bedenklich die Anekdötchen aus »Pfund«-Zeiten oder die irrwitzigen heutigen Gepäckband-Storys klingen mögen, mit den aktuell verhandelten kriminellen Wettbetrügereien haben sie nichts zu tun. Im Gegenteil. Die beiden zockenden Sportler von früher (und hoffentlich auch die von heute) hätten nie und nimmer, für kein Geld der Welt, auch nur einen Zentimeter an sportlicher Leistung preisgegeben. Diese Einstellung ist für echte Sportler alternativlos, ein in diesem Sinne sehr schönes und alles andere als ein Unwort.
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Der australische Millionär: ein krimineller Betrüger. Fußballer, die für Geld Spiele verlieren: kriminelle Betrüger. Zockende echte Sportler: Gefährdete, die ihr eingebautes Stoppschild vor Schlimmerem bewahrt. Problematisch: Es gibt immer weniger Stoppschilder, aber immer mehr Umleitungen, vom E-Poker bis zur »Gier«, diesem wahren Unwort des Jahres, oft sogar nur ein Synonym für versuchten Betrug. Trainiert dafür wird beim Poker, dem angesagten und von Höchstprominenten propagierten Fernseh- und Internet-»Sport«, bei dem gewinnt, wer seine ihm gegebene Leistung am besten manipuliert, wer andere blufft, man könnte auch sagen: Wer am geschicktesten betrügt. Und das wiederum ist nun doch kein alter Hut, sondern ein modernes Menetekel. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle