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Montagsthemen

Gut, besser, am supermegabesten? Was Dortmund in dieser Saison leistet, ist nicht nur grammatisch kaum zu steigern, zumal heutzutage mit Superlativen noch inflationärer umgegangen wird als (befürchten Pessimisten) künftig mit unserem Geld. Man sollte es daher einfach nur grammatisch »Positiv« sehen, also in der Grundform: Der BVB ist gut.
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Das Außergewöhnliche verliert an Wert, wenn Gewöhnliches zum Außergewöhnlichen hochgejubelt wird. So vergeht in diesen Wochen kaum eine Tagesschau oder ein heute-journal, an deren Ende nicht ausführlichst über Wintersport-Supermegaevents wie Schlittenfahren in der Doppelpresswurstvariante berichtet wird. In diesen öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen, die über das allgemein Wichtigste aus aller Welt informieren sollten, wird nichts ausgelassen, was Skier oder Kufen an den Füßen oder unterm Hintern hat. So auch am Samstag, als in all die WC-Wettbewerbe gleich- und daher unterbewertet auch der sehr, sehr außergewöhnliche Skisprung-Sieg von Severin Freund hineingewurstet wurde.
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Aber wir wollen nicht abschweifen. Zurück zu Borussia Dortmund. Nähern wir uns dem Außergewöhnlichen nicht mit euphorischen Worten, sondern in nüchternen Punkten: Wenn Bayern München die nächsten fünf Spiele gewinnt und der BVB die nächsten fünf Spiele verliert … hat Dortmund immer noch einen Punkt Vorsprung vor den Bayern. Das ist … außergewöhnlich.
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Scheinbar absurd: Fast alle gratulieren Dortmund schon zur Meisterschaft, und dennoch trauen fast alle dem FC Bayern insgeheim immer noch zu, dies verhindern zu können. Aber das ist eben nur scheinbar absurd, weil empirisch mehrfach belegt, mithin leidige oder lustvolle Erfahrung, je nach Fanfarbe.
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Der Torwarttausch spielt dabei keine Rolle. Ob der talentierte Kraft oder der tüchtige Butt im Tor steht, beeinflusst nicht diese Saison, sondern die nächste. In der laufenden Spielzeit kommt es, neben den üblichen Wäg- und Unwägbarkeiten, darauf an, in wie vielen Partien die Bayern mit Robben und Ribery antreten können und nicht nur mit einem von beiden oder aber gar keinem.
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Und damit zum Tagebuch-Rätsel vom Samstag: Das Ziel liegt vor uns, zum Greifen nahe!« (14. Januar). – »Wir müssen hinkommen, koste es, was es wolle!« (15. Januar). – »Das Furchtbare ist eingetreten – das Schlimmste, was uns widerfahren konnte!« (16. Januar). Unter diesem gestrigen Datum, allerdings vor 99 Jahren, steht weiter: »Die Norweger sind uns zuvorgekommen – Amundsen ist der erste am Pol! (…) Mir graut vor dem Rückweg!«
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Damit ist die Lösung klar. Die statt materieller Dinge ausgelobte ehrenvolle Erwähnung für die erste eingegangene Lösung gebührt Thomas A. Michel aus Fernwald: »Ich wünsche Ihnen zum Neuen Jahr, dass Ihnen so fürchterliche Desaster wie Robert Falcon Scott, beim Versuch als erster Mensch den Südpol zu erreichen, erspart bleiben.« – Ein Dankeschön dem Sieger und anderen Teilnehmern für weitere sehr freundliche Worte zu dieser Kolumne und ihrem Schreiber.
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Fast gleichzeitig tauchte die Lösung von Karl Heinz Schleiter (Florstadt) in der Mailbox auf. Unser Leser ergänzt den von mir, um das Rätsel schwieriger zu machen, gekürzt zitierten Tagebucheintrag, denn Scott schrieb auch: »Ein wunderbarer Gedanke, dass nur noch zwei Märsche uns an den Pol bringen werden. Nur noch lumpige 50 Kilometer. Wir müssen hinkommen, koste es was es wolle! Jetzt schreckt mich nur noch die eine furchtbare Möglichkeit, dass die norwegische Flagge vor der unsern dort flattern könnte.« Die Assoziation zum Fußball, derent- und des Datums wegen ich Scott zitierte, hatte auch Karl Heinz Schleiter: »Oder übertragen auf den Fußball? ›Ein wunderbarer Gedanke, nur noch 22 Punkte die uns zur Meisterschaft bringen werden. Nur noch lumpige sieben Siege und ein Unentschieden. Wir müssen hinkommen, koste es was es wolle! Jetzt schreckt mich nur noch die furchtbare Möglichkeit, dass die FC Bayern-Flagge vor der unseren dort flattern könnte.‹ Wie das am Südpol ausging, wissen wir wohl, Aber ich persönlich hoffe, in diesem Falle nicht.«
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Und so ging es aus: »Mein rechter Fuß ist erfroren, beinahe alle Zehen – noch vor zwei Tagen war ich der stolze Besitzer bester Füße. So brechen wir allmählich zusammen.« (18. März) – 29. März (letzter Eintrag): »Um Gottes Willen – sorgt für unsere Hinterbliebenen!« – Womit kein Raum mehr bleibt für weitere Assoziationen, denn so wie 1912 am Südpol wird es 2011 in der Bundesliga gewiss nicht enden.
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Mich selbst und die Zeitungsleser ausgetrickst habe ich, indem ich die Samstags-Kolumne schon am Freitag in den Online-Anstoß gestellt hatte, sodass die ersten Lösungen bereits eintrafen, bevor die Kolumne in Druck ging. Am Samstag waren dann Paul-Gerhard Schmidt (Mücke) und Andreas Hamel die ersten Einsender. Von denen, die folgten, wussten einige schon, wie Dr. Sylvia Börgens aus Wölfersheim: »Ich bin wahrscheinlich zu spät dran.« – Ein herzliches Dankeschön Ihnen allen! Und bleiben Sie bitte, liebe Leser, ob Fußballer oder nicht, allesamt stolze Besitzer bester Füße. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle