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Sport-Stammtisch

»Wir müssen hinkommen, koste es, was es wolle!« Tagebuchnotiz vom 15. Januar. Von wem? Wo will er hin? Zum Titel? In die Champions League? Auflösung folgt.
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Also Fußball. Zunächst zwei Leser-Nachträge. Zum Spucken eine interessante Hypothese von Jochen Pellatz: »Vielleicht gibt es zusätzlich zu den populärpsychologischen Erklärungen auch einfache biologische oder medizinische. Bei sportlicher Betätigung an der frischen Luft läuft auch mir schon mal der Rotz in den Rachenraum, der dann auch mal auf unschöne Weise entsorgt wird (Alternative wäre runterschlucken oder ins Taschentuch spucken). Allerdings: Wenn meine Frau dabei ist, wähle ich doch lieber die Alternative, damit mir ein vorwurfsvoller Blick erspart bleibt. Vielleicht sind Frauen diesbezüglich anatomisch anders gebaut.«
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Könnte sein. Auch dazu später mehr. Zum Torhüter-Tausch bei den Bayern schreibt Raimo Biere aus Bad Vilbel: »Ich finde die Idee von van Gaal genial. Wenn es funktioniert, was ich glaube, ist er wieder der Größte und hat 15 Mio gespart. Zudem ist Neuer nicht gerade beliebt. Man feiert nach einem normalen Bundesligasieg nicht in Oliver-Kahn-Manier in der Allianz-Arena mit der Eckfahne. Da hat er viel Kredit bei den Fans verspielt. Dies darf nur der Titan!«
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Selbst der darf nicht alles. ARD und ZDF schon. Werfen Millionen für lachhaftes Kirmesboxen aus dem Fenster, von den Fantastillionen gar nicht zu sprechen, mit denen sie den Profifußball in seiner finanziell grotesk überdimensionierten Form alimentieren, aber bei der Leichtathletik drehen sie plötzlich den Groschen zweimal um und stecken ihn dann lieber ein (beziehungsweise wieder in den Fußball). WM 2011 ohne Liveübertragungen, das ist ein echter Skandal. Skandal im Skandal: Außer ein paar Rest-Leichtathleten juckt’s niemanden.
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Genug geärgert. Zu Angenehmerem: Sind Sie »Fit für die Vorsätze«? Die aktualisierte Neuauflage der alten »Anstoß«-Serie hat neue Freunde und Freundinnen gefunden. Eine Übung habe ich nicht erwähnt: das Auf-der-Stelle-Laufen. Auch als partnerschaftliche Fitnessübung. Obwohl Frauen diesbezüglich anders gebaut sind. Dazu ein Tagebucheintrag aus dem Jahr 1973 von Richard Burton, dem großen Schauspieler und Ehemann von Liz Taylor: »Elizabeth und ich haben gestern unsere Gymnastik vor dem Schlafengehen gemeinsam gemacht. Es ist schwer, ein ernstes Gesicht beizubehalten, wenn sie ihre Übungen macht, weil sie mit einer derart ernsthaften, wilden Entschlossenheit zu Werke geht, die einfach zum Kringeln ist. Es ist besonders komisch, wenn wir beide auf der Stelle laufen, weil sie dabei ihre Brüste festhalten muss – eine in jeder Hand – , denn trotz ihrer Festigkeit, eher wie bei einer Dreißigjährigen als bei einer Frau von beinahe 40, sind sie ziemlich groß, und das Gewackel wäre lästig und außerdem nicht gut für Elizabeth. Es ist ein äußerst verlockender Anblick, und wenn es eine öffentliche Vorstellung wäre, würde sie eine Menge von Zuschauern anlocken. Etwa zehn Millionen.«
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Mindestens. Es ist schwer, nun ein ernstes Gesicht beizubehalten, daher verzichte ich auf Vertiefung, lasse auch Anna Kurnikowas Werbespot für einen Sport-BH (»Only the ball should bounce«) außer Acht und komme mit einer krachenden Kehrtwendung zur Auflösung der zu Beginn gestellten Tagebuch-Frage. Sein Koste-es-was-es-wolle-Ziel beschrieb kein van Gaal oder Klopp, sondern … Sie möchten vor der Auflösung noch einen Tipp? Na gut, hier die Notiz am Tag vor und am Tag nach dem 15. Januar: »Das Ziel liegt vor uns, zum Greifen nahe!« Aber dann: »Das Furchtbare ist eingetreten – das Schlimmste, was uns widerfahren konnte!«
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Das ganze Leben ist ein Quiz (nein, nicht Hape Kerkeling war’s, der sang das nur), daher mache ich auch aus der Frage ein Quiz. Wer weiß es? Wer als erster den richtigen Namen mailt, wird ehrenvoll erwähnt (Geld gibt’s bei mir nicht, ich bin nicht die ARD und Sie kein Kirmesboxer).
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Geburtstag der Woche: Joan Baez wurde 70. Unfassbar. Die Heilige Johanna des Folk- und Protestsongs hat die Zeiten überdauert und jüngst sogar den Sturz aus ihrem Baumhaus fast unbeschadet überstanden. Aus dem Baumhaus! Sieben Meter hoch! In dem sie schläft, meditiert und Gitarre spielt, lese ich in der Süddeutschen Zeitung und nicht im Satiremagazin Pardon, scheint also wahr zu sein. Ganz sicher wahr ist jedenfalls, was sie über Bob Dylan sagt, ihr männliches Pendant: »Ich glaubte, man könnte die Welt verändern, er nicht.«
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Dylan das männliche Pendant der Baez? Da protestieren empört die Fans der einen wie der anderen Ikone. Ich könnte beide Fan-Gruppen sogar vor Wut auf den Baum und ins Baumhaus treiben, wenn ich behaupten würde, dass sie so markundbeinzersägend schrill klagt wie er nuschelnölt, aber da ich es mir weder mit meiner liebsten Zielgruppe noch mit meiner eigenen Generation verderben möchte, behaupte ich das erst gar nicht, sondern, zusammen mit meinem Lieblingskolumnisten Kurt Kister (SZ), dass Bob Dylan wie kaum sonst jemand zu singen weiß, warum das Leben nicht zu meistern ist. Versuchen wir’s trotzdem! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle