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Sport-Stammtisch

Als Wort des Jahres wird 2011 der »Wutbauer« den »Wutbürger« ablösen, lese ich. Kommt dann 2012 endlich der Mutbürger?
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Wutbauer: wegen Olympia 2018. Ob die Garmischer Wutbauern die Winterspiele verhindern? Aus dem Brief eines Wütenden, der den »Sportunfug der Olympiade« nicht mit seinen Steuergeldern unterstützen will: »… erhebe ich dagegen Einspruch und ersuche, da ich keinerlei Sportanlagen, Bobbahn, Skisprunghügel etc. benütze, mich von der Steuer zu befreien und diejenigen damit zu belasten, die ein Interesse an Olympiaden und derartigem Schwindel haben. Mein Portemonnaie ist genügend belastet durch Staatssteuern für Faulenzerunterstützungen, soziale Fürsorge genannt, und durch den in Garmisch besonders grassierenden Hausbettel.«
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Welcher Wutbauer schreibt da? Hat Sarrazin einen Zweitwohnsitz in Garmisch? Nein. Datum des Briefes: 1. Februar 1933. Verfasser: Kein Wutbauer, sondern ein Wutkomponist: Richard Strauss (1864 – 1949), der »Rosenkavalier«. Kleiner Trost für Bach, Witt und Co.: Auch Wütende sind wetterwendisch. Strauss, der große Hitler-Verehrer, komponierte nach seinem Brief die Olympische Hymne 1936.
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Wetterwendisch. Schönes deutsches Wort. Gibt es noch gar nicht so lange. Seit Luther. Der hat’s erfunden, für seine Bibelübersetzung. Ebenfalls original Luther: »Geizhals«, »Denkzettel«, »Lückenbüßer« oder »Spitzbube«. Auch das »zweischneidige Schwert« stammt von ihm und passt zu manchem »Anstoß«-Thema.
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Luther, ein toller Wort-Erfinder. Nebenbei: Würde er heute zum Katholizismus übertreten? Hübscher Diskussionsstoff. Aber nicht für uns. Weil: Sport-Kolumne. Also: Hoffenheim hat einen neuen Trainer. Am Namen übe ich noch, weiß aber schon: mittendrin »aiou«, vier unterschiedliche Vokale hintereinander. Wort-Weltrekord? Welch wunderbare Wörter hätte Luther erst erfunden, wenn er Italiener gewesen wäre?
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Zum Hopp-/Hoffenheim- »Anstoß« schreibt unser Stamm-Leser Rolf Beißner so lapidar, wie ich’s gerade versucht habe: »Wieder mal vollkommen d’accord. Ebenso bei den schnöselbürschlingsglatten neoliberalen Flachseelen.«
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Lapidar kommt von »lapis«, der Stein, weil Texte in Stein gemeißelt wurden und deshalb kurz sein mussten. Wenn ich den »Sport-Stammtisch« in Stein meißeln müsste, wäre er ein Winzigtischlein in der Puppenküche von Zwergenmägdelein.
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Walther Roeber, ebenfalls seit vielen Jahren dabei: »Das war zum Jahresbeginn wieder eine wunderbare Mischung aus Ernsthaftigkeit und Kokolores! Ach ja, und Skispringen: Bei aller ›Breite‹ der deutschen Springer, verhungert sehen sie ja alle aus, da hilft offenbar Milka auch nicht.«
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Wenn die Mageren in der Breite dick da sind, sich vorne aber komplett verdünnisieren, ist das ziemlich »knettergek«. Mit diesem hübschen holländischen Wort für »verrückt« endete die letzte Kolumne des Jahres 2010. Douglas Herbert aus Bad Nauheim, ebenfalls ein »alter« Leser (hoch in den Achzigern) und holländischer Muttersprachler, schenkt uns weitere »verrückte« Wörter: »Hier sind noch einige Synonyme: stapelgek, hardstikke gek, meshogge.«
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Wolfgang Brück aus Rosbach-Rodheim schreibt sehr Schmeichelhaftes (Dankeschön) allgemein zur Kolumne und fährt fort: »Jetzt liegt mir im wahrsten Sinne etwas auf ›der Zunge‹, was Sie neulich einmal kurz streiften. Ich wundere und ärgere mich über die Spuckerei auf das Fußball- und Eishockeyfeld. Hand-, Basket- und Volleyballer machen das doch auch nicht. Haben Sie eine Erklärung für dieses ekelhafte Verhalten?«
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Ja, hab ich! Das heißt – nicht ich, andere. Aber ich habe sie hier schon einmal zitiert, denn das Spucken und seine soziologischen, psychologischen und evolutionären Hintergründe haben uns schon öfter beschäftigt. Aus »Fußballfrei in 11 Spieltagen« von Bernd Müllender: »Das Fußballmatch scheint letzter Hort freien anarchischen Ausspünzens in einer ansonsten durchzivilisierten Gesellschaft unterdrückter Spuckgelüste.« Dr. Heinz-Georg Rupp, Ex-Mentaltrainer von Ex-Bundesligist Bayer Uerdingen: »Mit dem Rausrotzen soll eine Botschaft vermittelt werden, eine Selbstermutigung: Ich bin nicht blockiert! Ich mach mir den Weg frei!«
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Na ja. Noch’n Erklärungsversuch, Spuck-Expertin Dr. Gitta Mühlen-Achs: »Die psychologische Ursache ist eine Form von Männlichkeitswahn. Wer öffentlich ausspuckt, verstößt gegen die gängige Vorstellung von gutem Benehmen. Damit demonstriert man Überlegenheit. Darum spucken Männer auch fast nur in der Gruppe.« Man könnte es auch Rüdenrudelrotzen nennen.
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Schützenfischrüden rotzen aber nicht im Rudel, sondern jeder nur für sich alleine: Weil sie im Wasser nicht genügend Nahrung finden, bespucken sie mit gezieltem Strahl Insekten in der Luft und halten sich so über Wasser. Hatten wir kürzlich noch einmal erwähnt, darauf bezog sich Leser Brück. Nun finde ich bei leseintensiven Recherchen ein neues tierisches Vorbild für den homo insapiens pinolarijkaardiensis: den Bombardierkäfer.
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Gibt’s wirklich! Er bespritzt Angreifer mit einer ätzenden Flüssigkeit. Die ist, im Unterschied zum homo insapiens pinolarijkaardiensis, 100 Grad heiß, und auch die Spuckfrequenz bleibt zum Glück selbst für Fußballer unmenschlich: Der Bombardierkäfer kann zwanzigmal kurz hintereinander »feuern«, mit einer Reichweite der vierfachen Körperlänge. Und bei jeder Salve hört man sogar den Explosionsknall!
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Igitt. Ich weiß. Ein Leser hat sich schon einmal beschwert, die detaillierte Beschreibung des Rotzens habe ihm das Frühstück verleidet. Ich sollte solche Ekel-Themen meiden. Klar. Aber: »Der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach« (auch von Luther). Außerdem: Sind wir nicht alle ein bisschen hardstikke gek? (gw)

Baumhausbeichte - Novelle