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Anstoß (So macht man das!)

Ja, es stimmt, dem gestrigen »Anstoß« über »Hopp, die Symbiose und das Perpetuum mobile« mangelte es am (auch Sprach-) Spielerischen, das sonst diese Kolumne, wie sehr freundliche Leser meinen, »auszeichnet« und jedenfalls kennzeichnet. Aber der Text sollte, da echtes Anliegen, nicht durch Albernheiten relativiert werden. Zum Ausgleich, und weil’s einfach juckt, gibt’s heute ein echtes Kontrastprogramm.
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Und das geht so: Ein Buch lag unter dem Weihnachtsbaum. Ein lebensveränderndes: »Das ultimative Anleitungsbuch«, mit »Tipps & Tricks« für alle Lebenslagen. Titel: »So macht man das« (Moewig-Verlag).
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Nun sollte dieser Ratgeber vor allem die leider sehr überschaubaren handwerklichen Talente des Beschenkten fördern, doch die didaktisch mit Comic-Strips versehenen Anleitungen – »Gebrochene Schindeln reparieren«, »Eine Regenrinne ausbessern«, »Nahtlos tapezieren« oder »Eine Trockenmauer reparieren« – könnten selbst in der Bilderschrift des Landes, in dem das deutsche Buch gedruckt wurde (»Printed in China«), dem handwerklich Talentlosen, der eher diesen Bandwurmsatz grammatisch korrekt zu Ende führen könnte als die Anleitung »Eine Schwalbenschwanz-Verbindung herstellen« zu verstehen, nicht unverständlicher … ähh … ??? … sehen Sie, selbst mit dem schreibhandwerklichen Abschluss des Satzungetüms klappt’s nicht.
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Glücklicherweise gibt es in diesem Büchlein auch Anleitungen für sportliche Großtaten, denkt der doppelt händig Gescheiterte. Das ist doch was für den alten Sportler! Womit beginnen? »Stilvoll mit dem Fallschirm springen«? Vielleicht für den Anfang etwas überambitioniert.
»Einen Gokart aufmotzen«? Bin ich Schumi? – »Eine Anakonda besiegen«? Eher was für einen wie Putin. – »Über eine Klippe abseilen«? Keinem Seil der Welt wäre zu trauen, solch ein Gewicht zu halten, solange dieses nicht durch Verwirklichung guter Neujahrs-Vorsätze entscheidend verringert ist (Apropos: Anleitung dazu gibt’s nächste Woche, nicht per Buch, sondern per »Anstoß«).
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Aber hier: »Mit der Hand Fische fangen«, das würde man doch zu gerne können. Anleitung, mit vier Bildchen erleichtert: 1. »Auf einen Fels legen, einen Arm ins Wasser halten.« Kein Problem. 2. »Finger bewegen.« Dito. 3. Ein Bild ohne Worte, auf dem der Fisch schon in der Hand liegt – wie kommt er da bloß rein? 4. »Fisch ans Ufer werfen.« Wär kein Problem, vorausgesetzt, man hat den Fisch.
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Letzter Versuch. »Im Güterwaggon reisen« – genau das Richtige für einen, der einst quer durch Europa trampte und dabei leitmotivisch fürs spätere Leben »There but for fortune go you and I« brummte, die alte Hobo-Hymne von Phil Ochs. Die »So macht man das«-Anleitung beginnt allerdings mit einer Art Ab-Leitung: »Trainhopping überlässt man am besten Landstreichern und Obdachlosen.« Landstreicher? Klingt ja sehr unkorrekt. Fehlt nur noch der Zusatz: … und sonstigen Negern.
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Stattdessen: »Falls Sie es dennoch versuchen wollen, vergewissern Sie sich, dass Sie den richtigen Wagen für eine gefahrlose Reise aussuchen. Springen Sie nie auf einen rollenden Waggon. Halten Sie Ausschau nach Hinweisen von anderen Reisenden!«
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Andere Reisende? Im Güterwaggon? Fahrkarte bereithalten, wenn der Schaffner kommt? Resigniert legt der hoffnungslos »Was-Männer-können-müssen«-Untalentierte das Buch zur Seite. Von allen Tipps und Tricks hat nur einer halbwegs funktioniert, das »Hupen mit dem Strohhalm«: »Trinkhalm in der Mitte durchschneiden, Ende zuspitzen, Papier in einem Kegel um den Trinkhalm kleben, Papier auf den Trinkhalm kleben, Ende fest zusammendrücken (30sec), Hupen.«
Tuuut-tuuut. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle