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Anstoß (Hopp, die Symbiose und das Perpetuum mobile)

Natürlich gibt es Vorbehalte gegen Dietmar Hopp. Steckt 150 Millionen in seinen Dorfverein, pusht ihn an ehemals großen und ehrbaren Zweitligisten vorbei in die Eliteliga und spielt dort mit seinem Privatklub sogar eine bessere Rolle als mancher vom Untergang bedrohte Traditions-Supertanker – das geht nicht ab ohne Verletzungen, seien sie zugefügt oder nur gefühlt.
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Seit dem Verkauf von Luiz Gustavo an die Bayern eskaliert die Kritik an Hoffenheims Mäzen, erstaunlich einstimmig in den Medien und nun sogar aufgegriffen von der Deutschen Fußball Liga (DFL), die prüfen will, ob Hopp beim Transfer selbstherrlich nicht nur seinen Trainer Ralf Rangnick übergangen, sondern auch die »50+1-Regel« verletzt hat.
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Die »50+1-Regel« soll uns an dieser Stelle nicht interessieren, auch nicht, ob sich Hopp und Hoffenheim »Umgehungstatbestände« zuschulden kommen ließen (ein schönes Wort des in Sachen »50+1« einschlägig vorbekannten Hannover-Präsidenten Martin Kind). Denn eine ganz andere Art von »Umgehungstatbestand« scheint bei den Hopp-Kritikern vorzuliegen: Irgend einen speziellen Paragraphen werden wir schon finden, um unser allgemeines Missfallen am Modell »Hoppenheim« unter dem Deckmantel scheinbar objektiver Sportrechtlichkeit verbergen zu können.
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Der Ärger über Hopps Millionen für Hoffenheim ist dort, wo kein Mäzen Millionen spendiert, um so größer, je mehr Millionen, die man gar nicht hat, durch Größenwahn und wirtschaftliche Windigkeit verbrannt werden. Ebenfalls fast eine Gesetzmäßigkeit: Wer die Münchner Bayern hasst, hasst auch Hopps Hoffenheim, während Hopp und die Bayern bestens miteinander auskommen.
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Wird dies hier etwa ein Plädoyer für den Kapitalismus, eine unterwürfige Verbeugung vor dem Milliardär Hopp, vor den superreichen Festgeld-Bayern? Nein, denn Hopp setzt eine fast antikapitalistische These in die Tat um: Die optimale Größe eines Fußball-Klubs/einer Firma ist endlich. Unendliches Wachstum, dieser Fetisch von schnöselbürschlingsglatten Flachseelen des Neo-Liberalismus, funktioniert nur zu Beginn von Schneeball-Systemen, denen früher oder später arglos-gierige Einsteiger zum Opfer fallen.
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Nein, dies wird ebenfalls kein Kommentar zu Finanz- und Wirtschaftskrisen. Denn auch der Profifußball, diese Speerspitze der Gier-Bewegung, stößt an ihre Grenzen, formuliert in einem schlichten Naturgesetz: Exponentielles Wachstum im endlichen Raum ist nicht möglich.
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Hopp scheint dies erkannt zu haben. Rangnick und seine Sympathisanten nicht. Ginge es nach ihnen, müsste Hopp gerade das tun, was ihm vorgeworfen wird: Nicht Aufwand und Ertrag in vernünftigen Einklang bringen, nicht Eduardo, nicht Gustavo teuer verkaufen, sondern teuer behalten und immer mehr Eduardos und Gustavos teuer kaufen, bis … bis diese Schneebälle selbst einen Hopp überrollen, Hoffenheim sowieso, das dann wieder dort landen würde, wo es viele offenbar sehen wollen: Im badischen Nirgendwo.
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Was Hopp in Hoffenheim macht, unabhängig von vielleicht in der Tat Kritikwürdigem, ist der ehrenwerte Versuch, eine alte These dieser Kolumne zu widerlegen: Die Ware Sport ist nicht der wahre Sport. Hopp arbeitet an der Symbiose: Mit wahrem Sport (Ausbildungszentrum Hoffenheim) eine Sportware schaffen (Eduardo, Gustavo), diese mit Mehrwert verkaufen und den Profit wieder in den wahren Sport stecken.
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Klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Ein Perpetuum mobile, das nur der Anschubfinanzierung Hopps bedurfte? Ein Dorfklub, der sich in der Bundesliga selbst trägt, schon bald auch ohne Hopp? In dieser Woche kommt ein Film in die Kinos: »Das Leben ist kein Heimspiel.« Keine »Propaganda«, wie sogar der kritische »Spiegel« meint, »für einen dreckigen Retortenklub«, sondern »überraschend unterhaltsam«, sogar »ein bisschen sympathisch«. Egal, wie man zum Modell »Hoppenheim« steht: Diesen Film sollte man sich ansehen. Natürlich auch sehr kritisch. Denn bei aller Hopp-nung auf Symbiose von wahrem Sport und Ware Sport bleibt ein weiteres Naturgesetz gültig: Das Perpetuum mobile gibt’s nicht. (gw)脀

Baumhausbeichte - Novelle