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Neujahrsthemen

Jetzt wird sogar schon das neue Jahr alt. Bereits der dritte Tag. Und das dritte Springen. Heute in Innsbruck.
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Mehr noch als in anderen Sportarten bleibt beim Skispringen das Erfolgsgeheimnis . . . ein Geheimnis. Niemand kann es lüften, allenfalls dran zupfen. So darf man beim Skispringen, ebenfalls mehr noch als in anderen Sportarten, nicht denken müssen, auch wenn man denken können muss.
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Garmisch-Sieger Simon Ammann denkt, er könne es sagen: »Ich habe eine innere Kraft, die leuchtet.« Wenn Wittgenstein Skispringer statt Philosoph gewesen wäre, hätte er dennoch behauptet: »Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen«?
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Moderne Zeiten: Vorgestern hat sich Hanni auf Nanni gereimt. Wer gestern noch ratlos gefragt hat, was der Hanni-Hype ist, weil er nicht wusste, was »Hype« bedeutet, der weiß es heute, fragt sich aber nicht erst morgen: Hanni? Was’n das?
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Moderne Zeiten sind knettergeke Zeiten. »Bij Bayern zijn ze knettergek«, behauptet Arjen Robbens »Wunderheiler«. Knettergek – welch ein hübsches holländisches Wort für »verrückt«. Synonyme: »geschift« und »gestoord«. Muss man ebenfalls nicht übersetzen. Holländisch sollte man lernen. Alleine schon, um van Gaal wenigstens ansatzweise zu verstehen.
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Zum Beispiel sein Motto: »Tod oder Gladiolen.« Wer will schon Gladiolen? Obwohl – hier hilft vielleicht das Deutsche weiter: Gladiolen sind Schwertblumen und hören in ihrem natürlichen mitteleuropäischen Vorkommen auf beziehungsreiche Namen wie Sumpf-Siegwurz oder Wiesen-Siegwurz. Wollen wir nicht alle, das blumige Schwert schwingend, ein bisschen Siegwurz sein?
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Auch Freddy Frinton war eine Siegwurz. Aber statt Tod oder Gladiolen gab’s für ihn May Warden. Denn die Frage aller Fragen beim »Dinner für one« ist beantwortet, seit ein Kameramann erst vor ein paar Jahren petzte (neudeutsch: wikileakste), dass die beiden wirklich was miteinander hatten. Bei den Proben zu dem Sketch hörte er, als Freddy Frinton seine Partnerin an der Hüfte berührte, May Warden kichern: »Hör auf! Das gefällt mir!« Männer sagen, das ist weibliche Logik, Frauen sagen, das ist Männer-Phantasie von weiblicher Logik.
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Noch ein Sprach-Problem: Wie lautet der Komparativ von »Männer-Phantasie«? Kachelmänner-Phantasie?
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Apropos: Was ist Wahrheit? Darüber dachte ich am 1. Januar nach, als ich mich an früheste Neujahrstage erinnerte. Im Gießener Waldstadion spielten dann Bäcker gegen Schornsteinfeger Fußball, in Berufskleidung, die Bäcker also blütenweiß, die Schornsteinfeger kohlrabenschwarz. In meiner Erinnerung schneite es immerzu, der Platz war weiß, und im Laufe des Spiels wurde die Spielkleidung der einen immer schneefleckiger, die der anderen schmutzdunkler, so dass kaum noch zu unterscheiden war, ob hier zwei Fußballmannschaften gegeneinander spielten oder 22 zweibeinige Dalmatiner miteinander.
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Oder bilde ich mir das alles nur ein? Im Jahrzehnte zurückreichenden gw-Archiv nachgeschaut: Noch nie habe ich davon geschrieben. Gab’s die zweibeinigen Dalmatiner wirklich?
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Überhaupt: Was ist wahr? Meistens das, worauf man sich als Wahrheit einigt. Und wird, wenn der Betrug zur Wahrheit erklärt wird, aus Wahrheit Betrug? 1912 fand ein britischer Paläontologe bei Piltdown den Schädelknochen eines Frühmenschen. Der Mann wurde geehrt und starb als hoch gerühmter Forscher. Ein Kollege, der 1924 ebenfalls den Schädel eines frühen Hominiden fand, wurde dagegen verfemt und starb geächtet, weil er als plumper Betrüger galt, denn sein Fund passte nicht zum Piltdown-Schädel. Erst vor einem halben Jahrhundert stellte sich der Piltdown-Fund als Fälschung heraus und die scheinbare Fälschung als echt, als Höhepunkt der paläontologischen Forschung, heute bekannt als Australopithecus africanus.
Knettergek! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle