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Lehrstück mit Stil und Pfiff (Mark Twain: “Knallkopf Wilson”)

Die Sklavin Roxy, ziemlich hellhäutig, vertauscht ihren Sohn Chambers als Säugling mit dem gleichaltrigen Tom, für den sie als Ziehmutter arbeitet – Rache an ihrer weißen Herrschaft, und außerdem soll Chambers es einmal besser haben als sie.
Niemand kommt Roxy auf die Schliche, und sie selbst verrät nichts, auch Chambers nicht, obwohl der sich zum Kotzbrocken entwickelt und die Sklavin lustvoll drangsaliert. Tom hingegen, obwohl von Geburt privilegiert, muss statt Chambers das ärmliche, harte Leben eines Geschundenen führen.
Ein Lehrstück über Rassen- und Genetik-über-alles-Wahn, und dass Mark Twain es schon vor über hundert Jahren geschrieben hat, macht die ganze Chose noch deprimierender: Lehrstücke können hundert Jahre lang lehren und füllen dennoch keinen leeren Kopf und kein gefühlloses Herz.
Der Knallkopf des Titels jedoch ist ein ganz anderer: Der Jurist David Wilson, dessen schräger Humor und überhaupt seine für die Alteingesessenen in Dawson’s Landing schrullig wirkende Art ihm gleich nach seiner Ankunft im Städtchen einen Spitznamen einbringt, den er nicht mehr loswird – Vorurteile werden eben schnell gefällt und leben lange.
Twain serviert das alles, Mord inbegriffen, nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern mit Lachfältchen im zwinkernden Auge. Und so modern die Thematik, so unangestaubt frisch und elegant auch der Stil, gegen den mancher junge deutsche Roman-Wilde ganz schön alt aussieht.
Ein gegenüber Mark Twains Allzeit-Bestsellern um Tom, Huck oder den Yankee an König Artus Hof fast vergessenes kleines Werk (auch im Format klein: 15×9 cm), dem durch Manesses Bibliothek der Weltliteratur ein für den Verlag sehr lobenswertes und für uns ausgesprochen lesenswertes Comeback gelingt. (gw/4.12.10)

Baumhausbeichte - Novelle