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Klappentext vom 4. 12. 2010

Welche großen Romane des 20. Jahrhunderts habe ich noch nicht gelesen? Wer sich diese Frage stellt, wird bei ehrlicher Antwort auf erstaunlich und vielleicht sogar bedrückend viele Titel kommen. Aber was noch nicht war, kann ja noch werden. Kurzprotokoll des ersten Versuchs vor zwei, drei Jahren: »Das Narrenschiff« steht oben auf der Liste der Ungelesenen. Um das zu ändern, ins Amazon-Angebot geklickt, und siehe da: Vorrätig! Nur noch ein Exemplar! 20 Euro! Bestellt, bezahlt, bekommen. Ein zerfleddertes, verflecktes, vergilbtes Taschenbuch. Versucht, mit spitzen Fingern zu lesen. Nach drei Seiten angeekelt aufgegeben.
Und nun kam in diesem Jahr die Neuausgabe heraus, in leserfreundlichem Gewand. Die lange Reise von Veracruz nach Bremerhaven begann, und obwohl nicht nur empfindliche Gemüter bei der Lektüre seelenseekrank werden können, stellt der als Leser mitgereiste Passagier fest: Die Reise hat sich gelohnt. Trotz Risiken und Nebenwirkungen.
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Den Roman, den Roman der alten Bundesrepublik zu schreiben, die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts literarisch in den Griff zu bekommen, mit dem gebührenden Tiefgang, aber dennoch spannend und unterhaltsam – das haben sich schon viele vorgenommen. Die meisten sind gescheitert.
Was den Amerikanern mühelos gelingt, obwohl für sie diese Zeitspanne nicht Anfang und Ende einer Epoche umfasst: Unsere deutschen Autoren schaffen es einfach nicht. Oder sie scheuen sich davor.
Gut, über die DDR soll es ja solch einen Roman geben, einen wunderbaren, hochgelobten, anspruchsvollen, dazu ein Bestseller: Tellkamps »Turm«. Leider kann ich es nicht beurteilen, denn nach dem wiederholt misslungenen Versuch, nicht spätestens nach 50 Seiten wegzudämmern, habe ich beschämt aufgegeben.
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Bei Schimmangs »Das Beste, das wir hatten« gibt es kein Wegdämmern. Vor allem »angekommene« 68er werden sich in diesem Roman wiederfinden. Klaus Modick (seit »Der kretische Gast« ein Markenzeichen) geht in »Vierundzwanzig Türen« (Eichborn – 17,95 Euro – ISBN 9-783821-861333) noch eine Generation weiter zurück, verwebt eine Nachkriegs-Weihnachtsgeschichte mit der Gegenwart, allerdings der von 2000, denn Eichborn hat das damals erschienene Buch rechtzeitig für die Adventszeit neu aufgelegt. Die aktuellen Passagen wirken daher schon leicht verstaubt, doch das Herzstück sind sowieso die 24 Türen der bittersüßen alten Weihnachtsgeschichte. Spätestens bis dahin zu lesen!
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Ich aber wünsche mir zu Weihnachten ein Lieblingsbuch aus eigener Kindheit: »Wuff, der Keiler, das Waldgespenst.« Leider ebenfalls nur im Internet gebraucht zu haben. Ob es »Wuff« bald als Neuauflage gibt? In etwa so wahrscheinlich, wie dass es das Christkind …. ach, vielleicht gibt’s ja beide! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle