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Eine Irin in New York (Colm Toibin: “Brooklyn”)

Ellis, eine junge Frau aus Brooklyn, soll den Traum von Rose verwirklichen, ihrer geliebten großen Schwester, und aus dem ärmlichen Irland entkommen, um ihr Glück in Amerika finden, im immerhin ziemlich irischen Brooklyn der 50-er Jahre.
Was sie dort erlebt, wie sich sich »integriert«, Arbeit findet, in einen jungen Italiener verliebt (eine heikle Sache für beide Minderheiten), für eine Beerdigung zurück nach Irland muss (da hatte jemand gewusst, warum er verzichtete …), zwischen dem Heimatland und den USA ebenso hin- und hergerissen wird wie zwischen ihrem italienischen Ehemann (den sie kurz zuvor standesamtlich geheiratet hat) und ihrem irischen Jugendfreund, das breitet Colm Toibin in einem ruhigen, unaufgeregten Erzählstrom aus, jedoch nicht mäandernd, sondern geradeaus und zielgerichtet, und ohne spektakuläres Ende, sondern mit einem unaufdringlichen, dem Leser das weitere Schicksal von Ellis anvertrauenden.
Toibin (1955 im irischen Enniscorthy geboren) weiß, wovon er schreibt, widmet sich seiner stillen, standhaften, auf den ersten Blick unscheinbaren Auswandererin mit viel Liebe zu ihr und dem Detail, aber ohne sie zu entblößen, sehr dezent und fast schon keusch. »Brooklyn« ist »ein Buch von stiller Majestät« (New York Review of Books), das Schwergewichtiges leicht erzählt und dessen Fortsetzung man allzu gerne lesen würde. (gw/4.12.10)

Baumhausbeichte - Novelle