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Ein schwer zu ertragendes Meisterwerk (Katherine Anne Porter: “Das Geisterschiff”

Zwanzig Jahre lang schrieb sie an an dem Roman, der ihr einziger bleiben sollte. Als er 1962 erschien, wurde er weltweit als Sensation, als großer literarischer Wurf gefeiert, der überdauern werde.
Nur in Deutschland nicht. Aber überdauert hat »Das Narrenschiff« von Katherine Anne Porter dennoch. Auch bei uns, denn hier kam einer der eindrucksvollsten Romane des 20. Jahrhunderts soeben in einer äußerlich ansprechenden und angenehm in der Hand liegenden (siehe »Klappentext«) Neuauflage auf den Buchmarkt
Als deutsche Rezensenten 1963 »Das Narrenschiff« als Rowohlt-Roman in der Hand hielten, zeterten sie wegen vermeintlich deutschfeindlicher Tendenzen: »Ein Dokument des Hasses« (»Welt«). Selbst der »Spiegel« reagierte deutschbeleidigt vergrätzt: »Tatsächlich verdeutlicht der Roman recht drastisch die Antipathie der Autorin gegen teutonische Mentalität.«
Heute erscheint nicht nachvollziehbar, wie »Das Narrenschiff« in germanozentrischer Nabelschau derart fatal verengt fehlinterpretiert werden konnte. Zwar sind viele der handelnden Personen Deutsche, keiner von ihnen verdient ungeteilte Sympathie und fast jeder nur das Gegenteil – aber das gilt für alle Figuren, und wer das Buch deutschfeindlich nennt, müsste es auch als spanier-, mexikaner-, US-amerikaner- und (sogar sehr) judenfeindlich bezeichnen. Denn in der Tat ist »Das Narrenschiff« eine nur schwer zu ertragende Lektüre, aber nicht wegen feindlicher Tendenzen gegenüber irgendeiner Nation, Rasse oder Religion, sondern wegen Porters kaltem, illusionslosen Blick auf alle menschliche Existenz. So rabenschwarz ist dieser Blick, dass man Lesern, denen das Wissen um das Elend des Menschseins das eigene Leben depressiv gefährdet, von der Lektüre dieses Meisterwerks abraten sollte.
Ausgangslage bzw. Ausfahrtshafen: Veracruz im August 1931. Eine Reisegruppe unterschiedlichster Menschen schifft sich ein, um nach Bremerhaven zu fahren. Kleines Kaleidoskop der Charaktere: Freytag, alleinreisend, wird vom Kapitänstisch verwiesen, als bekannt wird, dass er mit einer Jüdin verheiratet ist, und zum jüdischen Fabrikanten Löwenthal an einen separaten Tisch gesetzt. Allerdings ist Freytag kein »guter Deutscher«, kein Anti-Antisemit, und Löwenthal ist kein »guter Jude«, sondern ein unangenehmer Mensch, der alles Nichtjüdische zutiefst verachtet.
Die jungen amerikanischen Maler David und Jenny hasslieben und quälen sich, sezieren ihre Beziehungsprobleme mit sadomasochistischer Lust und machen sich das Leben gegenseitig zu einer kaum tragbaren Last.
Zu einer spanischen Truppe von Sängern und Tänzern, unpolitisch anarchistisch der kleinkriminellen Art, gehören zwei sadistische Kinder, die den Hund eines Passagiers über Bord werfen, aus reiner Freude am Bösen. Ein Mann aus dem Zwischendeck, mit 800 anderen aus Kuba ausgewiesenen spanischen Arbeitern zusammengepfercht wie Vieh, springt über Bord, rettet den Hund, ertrinkt aber dabei, was die Passagiere oben interessiert, aber unbewegt beobachten und achselzuckend zur Kenntnis nehmen.
Die Amerikanerin Mary Treadwell – im Roman nur eine beobachtende Randfigur, wohl auch ein alter ego von Porter – hat als einzige ungebrochene Sympathiewerte, obwohl oder weil ihr die Autorin am Ende erlaubt, im Vollsuff einen der unangenehmen Typen auf dem Schiff mit dem hohen Metallabsatz ihres Schuhs das Gesicht zu zerhacken.
Die Liste ließe sich fast beliebig fortsetzen, denn der Roman hat 704 Seiten, und Porter stellt mindestens einen Passagier pro Seite gnadenlos bloß. Am Schluss eskaliert die Lage in einem Maskenball, bei dem auch die letzten Masken fallen.
»Das menschliche Leben selbst ist ein einziges Chaos. Mangel an Verständnis und Isolierung sind die natürlichen Lebensbedingungen des Menschen. Wir sind alle Passagiere auf diesem Schiff, doch wenn es ankommt, ist jeder allein« (Katherine Anne Porter in einem frühen Interview). Im Sommer 1932 hatte sie Sebastian Brants 1494 geschriebenes »Narrenschiff« (»Stultifera Navis«) gelesen und von ihm den Titel und das Bild der isolierten Schiffs-/Lebensreise übernommen, die auch auf einer eigenen Schiffsreise ähnlicher Art basiert und trostlos inspiriert sein dürfte von ihrer persönlichen Lebensreise: Katherine Anne war viertes von fünf Kindern des Ehepaares Porter, ihre Mutter starb bei der Geburt des fünften Kindes, ihr Vater, ein Versager, sorgte nicht für die Kinder, sie lebten bei der Oma, die aber starb, als Katherine Anne erst zwölf war. Sie heiratete schon mit 16 einen Alkoholiker, der sie misshandelte, erlitt diverse Fehlgeburten, erkrankte an Gonorrhoe … aber genug des Elends: Katherine Anne Porter entkam schließlich diesem Strudel des Entsetzens, machte sich einen Namen als Journalistin und schrieb »Das Narrenschiff«, das man nach dieser Beschreibung vielleicht lieber nicht lesen möchte, aber einfach gelesen haben muss.
Außerdem ist Horror »in« und beherrscht die Bestsellerlisten. Aber Vorsicht: Die gängigen Romane dieses Genres wirken gegenüber dem »Narrenschiff« wie fromme Legenden für Kinder.
Ebenfalls eine Legende, aber eine aus dem prallen Internet-Leben, gelesen in einer Terminvorschau bei »Literra – die Welt der Literatur«: »Hamburg, Termin: 21. November 2010. Katherine Anne Porter liest aus dem Buch ›Das Narrenschiff‹.«
Reife Leistung für eine vor 30 Jahren im Alter von 90 Jahren Entschlafene. (gw/4.12.10)

Baumhausbeichte - Novelle