Archiv für November 2010

Nach-Lese vom 20.11.10 (Das Tageboombuch)

»Schreckte heute früh aus dem Schlaf hoch und stieß dabei meiner Frau den Ellbogen so unglücklich ins Gesicht, dass sie vor Schmerz aufschrie. Danach wieder eingeschlafen.«
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Was soll das, in diese Kolumne, die doch recht viele mir Fremde lesen, mit solch einem belanglosen und sehr privaten Tagebuch-Eintrag zu starten? Nur weil Tagebücher der Renner der Saison sind, muss ja nun nicht jeder Hinz und Kunz und »gw« seine alltäglichen Befindlichkeiten öffentlich ausbreiten – wir sind hier nicht im Unterschichten-Fernsehen!
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Tja. Eigentlich wollte ich mir den bescheidenen Gag für den Schluss der Kolumne aufheben, doch die Vorstellung, der Leser könnte so lange die mir äußerst peinliche Vermutung hegen, ich würde ihn mit ebenso intimen wie unerheblichen Auszügen aus dem eigenen Tagebuch belästigen, ist mir dann doch zu unangenehm. Also: Der Ellbogen-Mann heißt Samuel Pepys, er schrieb diese Zeilen am 1. Januar 1662 in London, und damit beginnt auch Das Buch der Tagebücher (Piper), in dem der Herausgeber Rainer Wieland über tausend Tagebucheinträge aus mehreren Jahrhunderten gesammelt und chronologisch Tag für Tag von Silvester bis Neujahr geordnet hat. Zwar lässt sich über das Konzept streiten: Auf Pepys’ folgen 1.-Januar-Notizen u. a. von Hans Christian Andersen (1834), Robert F. Scott (1912), Victor Klemperer (1931) und Ernst Jünger (1968), was vom Leser im Minutentakt Konzentrationswechsel auf andere Zeiten und Verhältnisse verlangt, eine Art Hirn-»Zappen«, doch wer sich daran gewöhnt, hat seine helle Freude an dieser Sammlung, die auch eine der Weltliteratur ist und nicht zuletzt Entscheidungshilfe geben kann, wessen Tagebuch in voller Länge zu lesen lohnt.
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Etwa das von Pepys? Der adlige Beamte hat zehn Jahre lang Tagebuch geführt, das Mammutwerk liegt seit diesem Jahr erstmals komplett auf Deutsch vor, zum allerdings sehr stolzen Preis (Die Tagebücher 1660 – 1669, nur bei 2001, 169,90 Euro für die neun Paperback-Bände). Noch scheue ich vor dem Preis zurück. Mal Weihnachten abwarten.
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Bei Ernst Jünger scheue ich nicht vor dem Preis zurück, sondern vor Ernst Jünger. Erst kürzlich sind seine Kriegstagebücher erschienen, sie mag lesen, wer will, ich will nicht. Wenn Jünger im Krieg neben dem Klo eine skelettierte Hand findet, die er zu einer Zigarrenspitze umarbeiten lassen würde, wenn ihn nicht »noch grünlich weißes verwestes Fleisch zwischen den Gelenken« davon abhielte, mag das Plastinations-Fans faszinieren, die ihren Leichen-Fetischismus aber bekanntlich von einem anderen als Jünger kitzeln lassen. Und Jüngers »Haltung«, die hoch gerühmte, ist nicht einmal eine Sekundär-Tugend, sondern gar keine, wenn nicht mit menschlichen Primär-Tugenden verbunden.
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In der Geisterbahn scheut man nicht vor dem Preis zurück, denn das Online-Tagebuch des Krimi-Autors Jan Seghers kostet nichts. Blogs boomen, oft sind es nur geschwätzig-beliebig-eitle Digital-Tagebücher. Das Tagebloggbuch von Jan Seghers aber ist eines der lesenswertesten überhaupt, auch wenn er in ihm bekennt: »Das öffentlich geführte Tagebuch ist eine Lüge. Es ködert die Leser mit der Erwartung, Intimes, wenigstens Privates zu erfahren. Aber jeder niedergeschriebene Satz ist eine Verstellung.«
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Jan Seghers ist das Pseudonym von Matthias Altenburg, einst einer der jungen Wilden der deutschen Literatur. Solche Titulierungen haben aber keinen lebensunterhaltspraktischen Nährwert, für den sorgt nun Jan, was seinem Matthias nicht nur die reine Freude zu bereiten scheint: »Zerstört nach diesem Abend. (…) Wer aber auch so alles an einen ranredet. Dumpfes, selbstzufriedenes Geplapper. Haltlosigkeiten allerorten. ›Wie cool ist das denn?‹ Nach einem solchen Auswurf: Beschimpfungs-, Zertrümmerungsgelüste. Stattdessen lächle ich. Und bekomme die gerechte Strafe: ›Ich darf Sie doch duzen, oder?‹ Schließlich: ›Ich geb dir Mal mein Kärtchen, vielleicht …‹ Vielleicht bringe ich dich um, du …« – Tags darauf ein Anflug von Reue: »Der Eintrag gestern war von Hass diktiert. Er liest sich nicht einmal gut, er holpert und stolpert. Trotzdem stimmt er und bleibt so stehen. Stil ist nicht alles, Haltung auch nicht.« Und dann das Tiefblickenlassende: »Frage mich, ob es auch bei mir (…) etwas gibt, das ich eigentlich gerne schreiben würde? Nein, mir fällt nichts ein als das hier: Die Geisterbahn ist das Eigentliche. Der Kriminalroman ist die Wagenburg.«
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Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten – für Victor Klemperer war das Tagebuch ebenfalls eine Art Schutz, vor allem aber ein Überlebensanreiz. Für den Leser vor gut einem Jahrzehnt eine Offenbarung: Eine jüdische bürgerliche Biographie in Nazizeiten. Fast atemlos verschlungen. Gebannt, bewegt, verstört. Tief beeindruckt von den Erinnerungen eines deutschen Bildungsbürgers. Literatur, die nachwirkt, die noch lange nach der Lektüre nicht loslässt. Ein erschütterndes Dokument, unter die Haut gehend auch, weil der Tagebuchschreiber ein durchaus widersprüchlicher Charakter und kein unumstrittener Sympathieträger ist. In Klemperers Tagebüchern schimmert durch, dass der ehrgeizige Romanist sein Judentum eher als zufällige Last empfand, die ihm die akademische Karriere vermasselte. Das schien ihn zunächst fast schlimmer zu treffen als die später offene, widerwärtigste Drangsalierung und die permanente Lebensgefahr, in der er vom ehrpusseligen, eitlen, selbstbezogenen, konservativen Karriere-Akademiker der ersten Tagebuch-Jahre zu menschlicher, fast übermenschlicher Größe wächst. Not macht Helden.
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Zu den Tagebüchern, die abseits des aktuellen Booms zeitlos und unbedingt zu lesen sind, gehören auch Alkor, Somnia und Sirius von Walter Kempowski. Der kauzig-geniale Chronist deutscher Verhältnisse erhielt erst kurz vor seinem Tod (2007) die literarische Anerkennung, die ihm jahrzehntelang – zu seiner großen Verbitterung – versagt worden war. Der Tadellöser & Wolff-Bestsellerautor und spätere geniale Collagist deutscher Chroniken (Echolot) galt zuvor in den kulturtonangebenden deutschen Linksschickeria-Kreisen als zu »flach«, zumal Kempowski, der in der damaligen SBZ aus politischen Gründen zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden war (und acht Jahre in Bautzen absaß, zum Teil in Einzelhaft), aus seiner Abneigung, ja Hass auf den Kommunismus und die DDR keinen Hehl machte.
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Auch bei Kollegen zeigte sich der durchaus schratige Kempowski nicht als Freund versöhnlerischer Töne. In seinen Tagebüchern schlug er lustvoll zu: »1. März 1989: Spiegel-Lyrik von Herrn Matussek. Bedauerlich, dass mich das ankotzt, sonst würde ich den Artikel zu Ende lesen. ›Wie kommt es eigentlich, Herr Matussek, dass Sie einen so brillanten Stil haben?‹ wird er im Fernsehen gefragt. Wie kommt es eigentlich, liebe Freunde, dass ihr allesamt den Arsch offen habt?«
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Herrliche Fundstellen gibt es bei diesem gelegentlich Unausstehlichen, oft aber auch unwiderstehlich Schrulligen. Und für uns, die wir nicht Pepys, Jünger oder Kempowski heißen, sondern Hinz, Kunz oder »gw«, die wir aber alle ebenfalls Tagebuch schreiben oder irgendwann einmal schrieben, ohne jemals Material für eine Nach-Lese liefern zu können, hält Kempowski sogar Trost bereit:
»Wenn man weiß, dass man ein Durchschnittsmensch ist, dann ist man schon nicht mehr ganz so durchschnittlich.« (gw)

Veröffentlicht von gw am 19. November 2010 .
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