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Nach-Lese vom 2. 10. 10 (Die Freiheit, sich das Leben zu versauen)

Da hat man nun letzte Woche versprochen, Freiheit von Jonathan Frantzen in einem Zug zu lesen, um heute sein unmaßgebliches Urteil zu verkünden, aber immer wieder kommt was dazwischen. Anderer Lesestoff, kürzerer, willkommene Abwechslung, wenn sich wieder ein Mitglied der Berglund-Familie hundert Seiten lang ins Unglück stürzt. Außerdem: 731 Seiten in einem Zug zu lesen, das schafft man allenfalls in der Transsibirischen Eisenbahn.
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Aua. Der Kalauer tut richtig weh. Immerhin bringt er uns zur Bahn und ihrem Denglisch, einem Thema der Nach-Lese vom 5. Juni. Mark Spörrle bedauert nun in der Zeit, dass »Bahnchef Rüdiger Grube die legendären englischen Durchsagen weitgehend abschaffen« will. Spörrles Bedauern ist verständlich, denn er ist Co-Autor des Bestsellers Senk ju vor träwelling, und »wann immer ein Zugchef sein ›Senk ju vor träwelling‹ in die Bordsprechanlage radebrach – er machte unentgeltlich Werbung für den Titel«. Die Abschaffung der legendären »Senk ju«-Durchsagen sei sogar ein Marketing-Fehler, meint Spörrle, denn »der Bahnchef beraubt sich eines Instruments zur Besänftigung unzufriedener Kunden«. Eine Ansprache wie »›We ärreive … Augs…, äh … Nürn …, äh Erfurt. It wos ä pläschure. Senk ju for (Pause) träwelling wizz Deutsche Bahn! And Gut! (Knacken, Pause) Beiii!‹, und schon hellen sich die verbitterten Mienen der gebeutelten Reisenden auf.«
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Mittlerweile schreibt Patty, unsere besonders verzweifelte desperate housewife, einen autobiographischen Bericht, der einen großen Teil der Freiheit beansprucht, was aber gar nicht so sehr auffällt, denn sie schreibt nicht in der Ich-Form, aber stilistisch haargenau wie Frantzen. Langsam kommt auch der sexuelle Zug in Fahrt, die »Stellen« häufen sich, für mein zartes Gemüt tropft etwas zu viel Sperma aus den Seiten, da ziehe ich mich scheu in mein Bahn-Abteil zurück.
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Und erlebe einen herrlichen Wutausbruch. Ein Ex-Eisenbahner behauptet in der Süddeutschen Zeitung, nicht Stuttgart 21 oder Denglisch sei das Problem, sondern: »Alle sind überfordert! Die Bediensteten hinter dem Schalter, weil sie immer nur freundlich sein sollen – auch zu den komischsten Vögeln. Die Reisenden sind überfordert, weil sie das ganze Tarifsystem nicht mehr verstehen. Früher war die Fahrkarte ein kleiner Papierschnipsel mit eindeutigem Aufdruck, und wenn man ihn sich am Schalter besorgte, musste man auch nicht für die Beratung einen Aufpreis bezahlen. Aber diese Jungdynamiker in den Vorstandsetagen haben von der Eisenbahn keine Ahnung mehr.«
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Herrlich. Darüber lachen sogar die Affen. Die können das! Sie lachten sogar als allererste auf der Welt und vielleicht sogar schon über die Welt. In der Welt am Sonntag werden die neuesten Forschungsergebnisse in Sachen Lachen beim Affen referiert, wobei für mich aber noch viel interessanter der Selbstversuch des US-amerikanischen Psychologen-Ehepaars Winthrop ist: »In den 1930er-Jahren schenkten sie deshalb nicht nur ihrem damals knapp einjährigen Sohn Donald ihre Aufmerksamkeit, sondern auch dem zwei Monate jüngeren Schimpansenmädchen Gua. Beide wurden gleich behandelt. (…) Das große Ziel war herauszufinden, worin sich Menschen- und Affenkinder in ihrer Entwicklung unterscheiden.« Das Experiment wurde ohne Angaben von Gründen abgebrochen, aber dass Gua lachte, ist dokumentiert. Ob abgebrochen wurde, weil Donald ständig weinte?
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Joey, Pattys Sohn, hat in der Familie Berglund auch nicht viel zu lachen, steckt’s aber als äußerlicher Stoiker scheinbar gut weg. Das kluge Kerlchen dringt sogar zum existenziellen Urgrund zwischengeschlechtlichen Seins vor: »Er sah ein, dass postkoitale Entscheidungen weit realistischer waren als präkoitale.« Eine echt postkoitale Erkenntnis.
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Schon wieder zu albern. Ich. Nicht der KulturSpiegel, der das große Ganze der Freiheit sieht und zusammenfasst: »Dieses Buch rührt an der großen Frage, wie wir diese 70, 80 Jahre Leben, die wir zu verbringen haben, wenn nicht sinnvoll, so wenigstens ohne Depressionen über die Runden bringen.« Und Frantzen »stellt, glänzend erzählt, die großen Gegensätze unserer Zeit gegenüber: Begehren gegen Berechnung, Prinzipien gegen Freiheit, Mensch gegen Natur, linksliberales Gutmenschentum gegen scharfsinnigen neokonservativen Zynismus.«
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Scharfsinniger Zynimus – Auftritt: Georg Baselitz. Der Welt am Sonntag gibt der Künstler ein Interview wie Donnerhall. Über zwei deutsche Großschriftsteller: »Wir hatten ja nur Deppen da (…) Es war eine totale Leere, die wir vorfanden. Das muss man wissen, um zu verstehen, warum Günter Grass und Martin Walser überhaupt berühmte Schriftsteller werden konnten.« Rumms. Über die Einheit, im Westen: »Da war die Freude ja ziemlich groß, außer bei unserem Nationaldichter und ein paar anderen, denen nun die Felle wegschwammen.« Rumms. Im Osten: »Ich hätte mir ja nur die Parteimitgliederzahlen der SED angucken müssen, um zu wissen: Da werden sich bestimmt nicht alle so freuen wie ich.« Rumms. Über Andreas Baader: »Ja, das war so ein Bübchen, der viel von zu Hause hatte. Eine ziemlich blöde Person, eitel, ein Idiot.« Rumms. Über Rudi Dutschke: »Diesen Entertainer auf der ›MS Europa‹? Ich fand ihn schrecklich. Ich dachte, Goebbels wäre wieder da.« Rumms. Über Kultur und Subvention: »Erwähnte ich, dass wir Maler eben nicht von dieser Subventionswirtschaft abhängig sind, die all die anderen Kultursparten so hat verkommen lassen? Wir sind eben nicht Teil dieses morbiden Haufens, Teil der zu Tode geförderten offiziellen Kultur.« Rumms. Starke Worte. Auch richtige? Ansichtssache.
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Wie die Freiheit. Ich biege in die Zielgerade ein und stimme dem KulturSpiegel zu. Das Buch zieht mich immer mehr in seinen Bann. Frantzen ist ein Großer. Obwohl es zu solch einem Urteil keine objektiven Kriterien gibt. Freiheit ist immer auch die Freiheit des Anderslesenden.
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»Man mag arm sein, aber das eine, das einem keiner nehmen kann, ist die Freiheit, sich das eigene Leben zu versauen, wie man will.« Worte von pater familias Walter Berglund, der geradezu exzessiven Gebrauch von dieser Freiheit macht, aber eine fulminante, furiose Schlussrunde hinlegt, die man gelesen haben muss.
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Erwähnte ich, dass Frantzen auch ein Großmeister des satirischen En-passant-Witzes ist? Allerdings wird nicht jeder darüber lachen können, es gehört schon ein wenig Selbstironie dazu (also die Bereitschaft, sich als virtuelles Mitglied der schrecklich-schaurig-schönen Familie Berglund zu erkennen), um sich zwischen den Zeilen kringeln zu können.
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Darauf einen (zugegeben: alten, erst kürzlich im Sport-Anstoß zu lesenden) Witz, über den alle lachen können, ob Mensch oder Affe. Denn der Lach-Forscher Professor William Fry (nicht lachen! Den gibt’s wirklich!) glaubt, den ultimativen Witz gefunden zu haben, über den jeder lacht, egal, welcher Humorfakultät er angehört. Und der geht so: Zwei Männer unterhalten sich. Sagt der eine: »Manchmal frage ich mich, was schlimmer ist: Ignoranz oder Apathie.« Sagt der andere: »Das weiß ich nicht, und es interessiert mich auch nicht.« (gw)

Baumhausbeichte - Novelle