Archiv für September 2010

Nach-Lese vom 25. 9. 2010 (Das angedotzte Ei)

Das Buch, über das alle redeten, bevor es erschienen war, vor allem der Autor selbst in unzähligen Interviews, es ist endlich da. Nun lese ich es also. Aber schon auf den ersten Seiten beschleicht mich leises Unbehagen. Kleine Schlampereien, stilistische Holperer und Geschwätzigkeiten erstaunen mich. Aber ich gebe nicht auf. Noch will ich mir kein Urteil erlauben.
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Ich bin schließlich nicht die Kanzlerin, die in der FAZ bekennt, das Sarrazin-Buch nicht gelesen zu haben: »Die Vorabpublikationen sind vollkommen ausreichend«, sagt sie, und da hakt Frank Schirrmacher in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung fassungslos nach: Es handele sich »um einen Skandal und um ein Paradebeispiel dafür, dass Politik die Ebene von Macht und Meinung immer weniger auseinanderhalten kann. Gerade wenn die Bundeskanzlerin der Meinung ist, Sarrazins Buch sei so gefährlich, dass er als Person nicht mehr tragbar ist: Müsste sie dann nicht wissen wollen, was Millionen Menschen in Deutschland diskutieren?«
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Dass Sarrazin »sozial stigmatisiert wurde und die politische Klasse ihn als Gesprächspartner ausschloss«, führt Schirrmacher zu der rhetorischen Frage: »Kann man, in einer Welt, in der man um des lieben Friedens willen bereit ist, mit aufgeklärten Taliban zu reden, allen Ernstes glauben, dass diese Form des Diskurses glaubwürdig ist?«
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»Aufgeklärte Taliban«? Ist das nicht eine contradictio in adiecto, ein rundes Quadrat? Aber was interessiert mich das Sarrazin-Buch, alles ist gesagt und durchgenudelt, da werde ich die Leser doch nicht mit der x-ten Senfbeigabe langweilen! Zumal das Kind längst in den Brunnen gefallen ist – die Lage ist nicht ernst, aber hoffnungslos. Gunnar Heinsohn, emeritierter Professor für Sozialpädagogik, weist in einem Gastbeitrag für die Welt darauf hin, dass laut Gesetzeslage »jeder legal in Deutschland Lebende ohne Einkommen bis ans Ende seiner Tage von den Mitbürgern für eine menschenwürdige Existenz bezahlt werden muss. Das Problem kann sich mithin niemals auswachsen. Die 25 Prozent unserer 15-Jährigen, die bereits 2009 von der Bundesregierung als nicht ausbildungsreif bezeichnet wurden und ganz überwiegend selbst schon vom Sozialgeld leben, wechseln bald in die Langzeitarbeitslosigkeit über und haben dann alle Zeit der Welt für eigenen Kindersegen.« Für muslimischen, christlichen oder atheistischen Kindersegen – Hauptsache, er bleibt in der kulturfernen Unterschicht. By the way: In den USA gehören die türkischen Einwanderer überwiegend zur Oberschicht.
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Von dort kommt auch das Buch, das ich gerade lese. Der geneigte Leser ahnt: Es ist die Freiheit von Jonathan Frantzen, Nachfolger seines Mega-Erfolges Die Korrekturen. Noch hat der Autor fast 700 Seiten, um mich von meinem leisen Unbehagen zu befreien. All diese hymnischen Vorabbesprechungen! Als würde Frantzen den Roman neu erfinden, hyperventilierte es in den deutschen Feuilletons. Eine Art umgekehrter Sarrazin-Effekt? Haben das Buch noch nicht gelesen, kennen wie die Kanzlerin nur Vorabpublikationen, überschütten es aber in stillschweigender Übereinkunft deutscher Kultur-Nomenklatura mit dröhnendem Lob?
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Ich lese weiter: »Heut nachmittag fand ich in der Nähe der Latrine von der Festung Altenburg zwei noch zusammenhängende Finger- und Mittelhandknochen. Ich hob sie auf und hatte den geschmackvollen Plan, sie zu einer Zigarrenspitze umarbeiten zu lassen. Jedoch es klebte, genau wie an der Leiche im Stacheldrahtverhau bei Combres noch grünlich weißes verwestes Fleisch zwischen den Gelenken, deshalb stand ich von meinem Vorhaben ab.«
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Igitt, was ist denn DAS! Da hab ich versehentlich das soeben erschienene Kriegstagebuch 1914-1918 von Ernst Jünger erwischt. Das lehrt mich zweierlei: Ich bin kein Multitasker, und Jünger kann mir gestohlen bleiben.
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Ich konzentriere mich auf die Freiheit, ohne anderweitige Lese-Ablenkung, komme gut voran, und trotz des anfänglichen Unbehagens beginnt mich der Roman in seinen Bann zu ziehen. Auch der Titel stört mich nicht mehr. Auch das Titelbild nicht: ein angedotztes Ei, als freundliche Sinnsuchehilfe, will sagen: Freiheit ist ein geknicktes Ei, von Bush dem Jüngeren (»Operation Freedom«) bis Marius dem Älteren (»Freiheit, Freiheit / ist die Einzige, die fehlt«), alles ist Freiheit, ich zünde mir ein Räucherkerzlein an und vertiefe mich in die Geschichte von Patty, einer besonders verzweifelten desperate housewife, um deren Familie herum Frantzen seinen Roman mäandern lässt.
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Und? Wie gefällt’s? Sag ich noch nicht, ich bin doch nicht die Kanzlerin. Erst lese ich zu Ende, dann melde ich mich wieder. Nächste Woche an dieser Stelle, gelle? (gw)

Veröffentlicht von gw am 24. September 2010 .
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