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Risiken und Nebenwirkungen (Richard Yates: Ruhestörung)

Im Spätsommer 1960 begann für Janice Wilder alles schiefzugehen. Und das Schlimmste daran war, sagte sie später immer wieder, das Schreckliche daran war, dass es aus heiterem Himmel zu geschehen schien.
Das Werk des bereits 1992 gestorbenen US-Autors Richard Yates (Jahrgang 1926) wird seit der Jahrtausendwende peu à peu auch in Deutschland veröffentlicht, nachdem es zu Yates’ Lebzeiten selbst in seinem Heimatland fast unbekannt gewesen war. Erst nach seinem Tod fand Yates in den USA die Wertschätzung, die ihm zuvor schon durch Größen wie Richard Ford und Raymond Carver zuteil wurde, denen er Vorbild und Inspiration war.
Die nun in Deutschland erschienene »Ruhestörung« stammt aus dem Jahr 1975, ist aber (leider) keineswegs veraltet und liest sich »wie neu«.
John Wilder, ein »Normalo« des leicht gehobenen Mittelstands, hat eine liebende Frau, einen zehnjährigen Sohn, Erfolg im Beruf und den Alkohol.
Eines Abends ruft er seine Frau Janice an – von einer Telefonzelle in einem Hotel, ganz in der Nähe. Er könne nicht nach Hause kommen.
»Bist du betrunken?«
»Lässt du mich bitte ausreden? Nein, ich bin nicht betrunken. Ich habe etwas getrunken, aber ich bin nicht betrunken.«
In dem Dialog mit seiner insistierenden Frau, die natürlich unbedingt wissen will, warum er nicht nach Hause kommen könne, schiebt Wilder Gründe vor, die nicht erfunden, aber nicht die wahren sind.
»Okay, hier ist noch ein Grund. Da war eine Frau in Chicago (…) Ich habe sie im Palmer House fünfmal gevögelt. Wie findest du das?«
Es stimmt zwar, aber sie glaubt ihm nicht. Auch die nächste Ausrede zieht nicht: Er könne »in einen großen silbernen Vogel steigen und zum Beispiel nach Rio fliegen«. Dann sagt er die Wahrheit.
»Willst du es wirklich wissen, Schatz? Weil ich Angst habe, dass ich euch umbringen werde, deswegen. Euch beide.«
Wir sind erst auf Seite 9 und schon mittendrin in der menschlichen Katastrophe. Janice alarmiert einen Freund ihres Mannes, der fährt zum Hotel, findet Wilder an der Hotel-Bar, volltrunken und/oder mit Nervenzusammenbruch, er bringt den Kollabierten in die Psychiatrie, es ist Wochenende, Thanksgiving, kein Arzt da, tagelang nicht, Wilder verbringt fünf Tage und Nächte in der geschlossenen Abteilung (die Szenen erinnern an »Einer flog über das Kuckucksnest«, nur noch härter), und als Wilder die Psychiatrie endlich verlassen kann, bedeutet dies nicht das Ende, sondern erst den Anfang eines zerstörerischen Alkoholexzesses.
Der Leser weiß von Beginn an, wie böse das alles enden muss, das Ende ist unweigerlich, aber nicht nahe, denn Wilders Höllenfahrt dauert und dauert. Fast wie im richtigen Leben eben, denn Yates weiß, wovon er schreibt, der Sohn einer Alkoholikerin trank ein Leben lang und starb am Alkohol, und die Psychiatrie, in die Wilder eingeliefert wird, konnte er aus eigenem Erleben beschreiben, denn dort, im auch real existierenden »Bellevue«, hat er viel Zeit als Patient verbracht.
Das alles ist kaum auszuhalten, selbst wenn man es nur liest. Yates hat einen grandiosen Roman geschrieben, stilistisch klar und kalt, eindringlich und beängstigend.
Aber: Wer liest so etwas freiwillig? Nur gefestigte Menschen sollten es tun, denn wer zu Depressionen neigt, bekommt durch die Lektüre ganz sicher welche.
»Ruhestörung« ist das Hohelied auf den ätzenden Nihilismus, ein bitter-sarkastischer Abgesang auf Sinnhaftigkeit und Selbstbestimmung. Egal, was man tut, alles ist nichtig, ist eitel. Vanitas, Vanitas!
Mag ja sein. Aber wer sich dieses Leid lesend antut, der sehnt sich nach einem leichten, amüsanten, lebensbejahenden Buch oder Film mit wunderbar kitschigem Happy End.
Oder er braucht dringend einen Schnaps. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle