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Klappentext vom 21. August 2010

Drei sehr unterschiedliche Bücher werden heute vorgestellt, die aber eine für den Leser entscheidende Gemeinsamkeit haben: Sie bieten dichte, intensive Lektüre, mit der man sich noch lange auseinandersetzt, nachdem man sie beendet hat. Ob Meiers strittige, aber empirisch belegte Studie über das Vergeben und Vergessen von Gräueltaten, Kleebergs hoch ambitionierter, schmaler und dennoch (zu?) vielschichtiger neuer Roman oder der in Deutschland neu zu Ehren kommende »alte« Richard Yates mit seiner Höllenfahrt eines Alkoholikers – jeweils keine leichte Entspannungslektüre, sondern Widerhaken im Kopf des Lesers.
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Zu den beklemmenden Szenen in Kleebergs (real existierendem) Amerikanischen Hospital in Paris gehört auch die eindringliche Beschreibung, wie »der sterbende Marcello Mastroianni durch unseren Gesichtskreis schlurfte«. – »Zu verfremdet war bereits das Gesicht, zu unwürdig der Bademantel, zu abstoßend die schuppigen wunden Schienbeine und die geschwollenen Füße in den Adiletten, zu erschütternd der schlurfende, unsichere Gang des kranken, alten Mannes.« – »Ganz und gar unglaublich und empörend, dass dieser Unsterbliche am Sterben war, dass die Krankheit ihn bereits so weit abgehobelt hatte, dass er leicht und schmal genug war für die Holzkiste, die am Ende des Korridors auf ihn wartete.«
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Zwei weitere, wiederum ganz anders geartete, aber ähnlich intensive und die Auseinandersetzung mit dem Leser suchende Romane seien hier kurz und vorläufig empfohlen (vorläufig, weil beim Parallel-Lesen erst im jeweiligen Schlussdrittel angelangt): »Roman unserer Kindheit« (Rowohlt/ 22,95 Euro) von Georg Klein (Jahrgang 1953) und Theodor Buhls »Winnetou August« (Eichborn/19,95), beide geschrieben aus der Kinderperspektive. Kleins Roman, phantastisch und (zu?) verrätselt, strebt einem (sich allerdings abzeichnenden) Clou zu, packt den Leser früh und verstört ihn bald. Buhl (Jahrgang 1936) lässt seinen kleinen Protagonisten Kriegsende und Vertreibung aus Schlesien scheinbar kindlich unbekümmert er- und überleben, aber mit drastisch geschilderten Entsetzlichkeiten, die in ihm ein Leben lang nachhallen werden. – Egal, was die letzten Seiten noch bringen mögen, die Widerhaken sind von Klein und Buhl auch hier schon im Kopf des Lesers angelegt. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle