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Nach-Lese (Schwein gehabt?/21. 8. 2010)

Ein Buch trifft den Nerv. »Tiere essen«, die deutsche Version von Jonathan Safran Foers US-Bestseller »Eating Animals«, provozierte schon vor seinem Erstverkaufstag eine Rekordzahl an engagierten Rezensionen und Kommentaren – und den meisten genügt die im Grunde kompromissbereite Haltung Foers nicht einmal. Vegetarismus ist »in«, von Welt bis Spiegel kann kein deutsches Medium darauf verzichten. Als Thema. Auch in der eigenen Ernährung der Rezensenten? Papier ist geduldig wie Schlachtvieh.
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Unter der Überschrift »Das große Weggucken« bringt die Welt das Buch am treffendsten auf den Punkt: »Foer hat ein Sachbuch über das Leid der Stalltiere geschrieben. Es ist intelligenter und argumentiert klüger als die üblichen Vegetarismus-Appelle. Jedem mitfühlenden und mitdenkenden Menschen, der Foers Buch zu Ende liest, wird der Appetit verdorben sein.«
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Das Thema ist traditionell hoch emotional besetzt. Anonymes Bekennerschreiben nach dem Brandanschlag auf den Neubau eines Maststalls für 36 000 Hähnchen in Sprötze (Niedersachsen): »Wir möchten dazu ermutigen, für die Befreiung aller Individuen von jeglicher Form der Herrschaft auf seine/ihre Weise zu kämpfen. Für die Freiheit aller Tiere!« Daraufhin befürwortete Landwirtschaftsministerin Astrid Grotelüschen demonstrativ den Bau von derartigen Mastställen, verständlich, denn ihr Mann ist Deutschlands zweitgrößter Putenbrüter. Also, nicht persönlich, sondern als Putenbrütereibesitzer – ein Wort, das seinen ganz besonderen deutschen Sprachcharme erst erhält, wenn man es laut, deutlich betont und in dem flotten Tempo ausspricht, in dem in modernen Schlachtfabriken drei Hähnchen vom Leben zum Tode gebracht werden: eine (wirklich: eine!) Sekunde.
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Der Putenbrüterei-, Maststall- und Hähnchenschlachtbranche geht es trotz der Proteste saturierter, also im Wortsinn gesättigter westlicher Bürger blendend, und weil keine Religion außer der veganischen den Verzehr von Hühnern verbietet, weiß die Süddeutsche Zeitung: »Trotz des ganzen Ärgers also ein Wachstumssegment, ein Geschäft mit Zukunft. ›Da stehen einige Ampeln auf Grün‹, sagt Rothkötter (Anm.: Besitzer von Europas größter Hähnchen-Schlachtfabrik). Er will demnächst ein neues Produkt einführen: ›Tulips‹ – Hühnerflügel angeordnet in Tulpenform.« Auf solch kreative Ideen muss man erst einmal kommen. Tulpen! Sollen damit Vegetarier verführt werden?
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Warum essen wir überhaupt Fleisch? Der Spiegel ahnt nach der Lektüre von Foers Buch: »Im Tierreich ist, wer am Ende des Kampfes das Fleisch vertilgt, der Stärkere. Und wenigen Menschen läuft das Wasser im Mund zusammen, wenn sie einen Teller mit gekochten Mohrrüben sehen.«
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Igitt. In einer Welt, in der man, wenn man Tiere essen möchte, sie eigenhändig schlachten müsste, als Alternative aber nur ein Teller mit gekochten Mohrrüben bereit stünde, wäre ich schon längst verhungert.
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Schwein gehabt! Apropos Schwein und selbst schlachten: Clemens Tönnies, nebenberuflich Chef von Fußball-Bundesligist Schalke 04, besitzt eines der größten deutschen Fleischwerke. Er schlachtet dort zehn Millionen Schweine im Jahr, einige in der Tat eigenhändig, denn er ist deutscher Zerlegemeister, hat in dieser Sportart sechs Schweineschultern in weltrekordreifen 65 Sekunden ausgebeint. Ein echter Profi.
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Auch bei ihrer eigenen PR-Arbeit schlachtet die Fleischlobby. Sich selbst. Schweinerner Höhepunkt deutschen lyrischen Werbe-Schaffens: »Frikadellen sind der Hit / Bist du nicht unser Brät-Pitt?«
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»Das verfressene Schwein nimmt bei guter Futterlage schnell zu.« Zwar gefunden in einer wissenschaftlichen Schweinefleischbetrachtung, doch könnte der Satz auch in einer partnerschaftlichen Analyse stehen.
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Gesehen und gelesen in einem Cartoon, zum Totlachen traurig: Zwei Ferkelchen, dicht aneinandergedrängt, sich umarmend, stehen vor dem Metzger und bitten ihn: »Wir möchten gerne zusammen in eine Wurst.«
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Iris Radisch hält in der Zeit »Ein Plädoyer für den Vegetarismus« und kritisiert sogar leise Foers Kompromissbereitschaft (»So viel Versöhnlichkeit mag die Argumentation dieses eindrücklichen Buches schwächen«). Denn Foer fordert nicht den totalen Fleisch-Boykott, nicht das generelle Verbot, Tiere zu töten, um sie zu essen, sondern ihm geht es »nur« um das tierquälerische System von Aufzucht, Haltung und Schlachtung in der Massentierhaltung.
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Im Interview mit Foer insistiert die Zeit dennoch: »Aber wir reden hier übers Töten. Möglicherweise über Mord.« Foer: »Ja, aber im Sudan oder im Kongo geht es auch um Leben und Tod. Trotzdem kündigen die allerwenigsten ihren Job und fliegen hin, um zu helfen. (…) Beim Fleischessen geht es auch nicht hauptsächlich um Leben und Tod, sondern um Quälen und Nichtquälen. (…) Wenn Sie mich also fragen, ob ich das Töten von Tieren falsch oder richtig finde, wüsste ich nicht mal genau, was antworten. Was ich aber genau weiß, ist, dass es falsch ist, was wir derzeit machen (…) Dazu braucht man kein Experte zu sein, kein Tierarzt oder Philosoph oder Theologe. Man zeige einem Bürger einen dieser modernen Ställe, und er erkennt sofort: So können wir nicht weitermachen.«
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Kontra-Vegetarismus-Rechtfertigung des Zeit-Autors Michael Allmaier: Warum er nicht auf Fleisch verzichten könne? »Es schmeckt einfach zu gut.«
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Doch die Zeichen der Zeit sprechen gegen das Fleischessen. Foer: »Heute behaupten schon mehr Leute von sich, Vegetarier zu sein, als es tatsächlich sind. Es gilt als cool und attraktiv, nicht mehr als schräg und sonderlich. Es wird bald als ein bisschen sonderbar gelten, viel Fleisch zu essen.«
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Dass wir töten müssen, um leben zu können, gehört zur Seinsproblematik, mit der jeder für sich zurechtkommen und aus der jeder seine eigenen Konsequenzen ziehen muss. So oder so.
(gw)

Baumhausbeichte - Novelle