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Die Ibisse des Gebeutelten (Michael Kleeberg: Das Amerikanische Hospital)

Ich saß oben auf meinem Bradley und sah zu, in die Sonne hinein, wie die sieben Ibisse die Hälse reckten und die Schnäbel nach oben hielten, und wie die Schnäbel sich öffneten, als bettelten sie die Sonne an. Ich habe zweien meiner Männer befohlen, sie abzuschießen.
So endet eine der eindrucksvollsten Szene in Michael Kleebergs neuem Roman, der nicht minder beeindruckend und dramatisch beginnt: Der US-Soldat David Cote bricht im amerikanischen Hospital von Paris vor den Augen der Französin Hélène zusammen. Sie ist dorthin gekommen, weil sie hofft, mit Hilfe der modernen Reproduktionsmedizin ein Kind bekommen zu können, er leidet nach der »Operation Desert Storm« an einem schweren Kriegstrauma.
Die beiden aus unterschiedlichen Gründen seelisch Versehrten begegnen sich wieder, lernen sich kennen und mögen, erzählen einander von ihren Lebensschmerzen und den Strategien, diese aushalten zu können.
Die Ibisse. Warum wurden sie erschossen? Schon als der erste die Oberfläche des Sees erreichte, konnte man sehen, dass etwas nicht stimmte. Aber da war es bereits zu spät. Eigentlich hätte es eine Gischtwolke geben müssen, tausend in der Sonne funkelnde Tröpfchen. Aber als der Körper aufkam, ging da nur eine schwarze, teerige Welle hoch, die die Vögel bespritzte, und sie wurden ruckartig gebremst, als seien sie in schlierigen Klebstoff getaucht. Es war kein See, Es war ein Ölteich.
Flüchtende Iraker hatten Ölquellen geöffnet, die glatte, glänzende Oberfläche des tödlichen Sees verlockte die Ibisse zu einer unverhofften Rast.
Natürlich versuchten die Ibisse sofort wieder hochzufliegen. Aber das ging nicht. Die Schwungfedern waren schon verklebt. Dann begannen sie die Hälse zu drehen und versuchten sich das Gefieder zu putzen. Und nun hatten sie das Öl auch am Schnabel, am Kopf.
Es gibt noch einige andere ähnlich dichte, beklemmende Szenen in dem schmalen 200-Seiten-Roman, der sich viel vorgenommen und aufgeladen hat: Krieg, auch der Krieg der modernen Medizin, der amerikanische »Glauben an die Lösung aller Probleme durch technischen Fortschritt, an die Überwindung von Natur und Schicksal durch den Menschen« (Kleeberg im Interview), auch moderne US-Lyrik spielt eine wichtige Rolle, wie auch die Stadt Paris und nicht zuletzt ein mysteriöser Dritter, der Ich-Erzähler im Roman. Fast tollkühn, dieses Zusammenbringen scheinbar unzusammenhängender Thematiken. Von der Konstruktion her ein Trapezakt, verzichtet Kleeberg klugerweise auf stilistische Artistik, denn »es war schnell klar, dass diese Geschichte nicht erlaubt«, zusätzlich auch noch »ein Feuerwerk schriftstellerischer Virtuosität« (Kleeberg) abzubrennen.
Dann konnten wir sie hören. Ibisse geben normalerweise keine Geräusche von sich. Aber jetzt reckten sie die Hälse weit nach oben und die gebogenen Schnäbel zum Himmel empor wie Versinkende und krächzten. Sie begannen langsam zu ersticken.
Ein erstickendes Gefühl auch, dies lesen zu müssen, zu dürfen.
Kleeberg hat vielleicht zu viel gewollt, aber er hat auch viel erreicht.
Ein bemerkenswerter, ein intensiver, ein außergewöhnlicher Roman. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle