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Die Erinnerung einfach vergessen? (Christian Meier: Das Gebot des Vergessens und die Unabweisbarkeit des Erinnerns)

Von den alten Römern und Griechen bis zu den Amerikanern und Russen zieht sich ein merkwürdiger Automatismus durch die Weltgeschichte, fast ein darwinistischer, denn er sichert das Miteinander- und Weiterleben von Tätern und Opfern (so sie noch am Leben sind): Die schlimmsten Schand- und Gräueltaten in Kriegen und Genoziden werden hinterher, nach einer kurzen Schamfrist, vergeben und vergessen, man versöhnt sich, Friede, Freude, Eierkuchen.
So jedenfalls sieht es Christian Meier (81), ein hochgeehrter deutscher Historiker, der in seinem anregenden und irritierenden Essay das allgemeine Gebot des Vergessens in der Weltgeschichte referiert, aber gleichzeitig die spezielle Unabweisbarkeit des Erinnerns an deutsche Nazi-Untaten beschwört.
Eine Logik, die nur überzeugt, wenn wir den Holocaust als einsamste, schändlichste Untat aller Zeiten akzeptieren und uns mahnend an ihn erinnern, quasi stellvertretend für scheinbar lässlichere Tätersünden, die wir daher getrost vergessen können. So gesehen hält Deutschland den ewigen Untaten-Weltrekord – und wie im Sport vergisst man dann schnell den Zweiten und Dritten der ewigen Weltschlechtestenliste.
Nur, was sagen die Opfer dazu, so sie denn, siehe oben, noch etwas sagen können?
Und welches Gehör finden, wenn sie denn etwas sagen, Nachkommen von Indianern in Reservaten oder Angehörige von Opfern des Stalinismus?
»Vom öffentlichen Umgang mit schlimmer Vergangenheit« (Untertitel des Meier-Essays) wissen wir aber auch, dass solche Vergleiche angesichts deutscher Einmaligkeit als unpassend und geschmacklos zurückgewiesen werden müssen.
Aber ist es nicht so, dass in der Weltgeschichte die Täter meist gewannen, was das Gebot des Vergessens erleichterte und die übrig gebliebenen Opfer noch einmal verhöhnte, deren Unbotmäßigkeit, nicht zu vergessen, in der Nach-Tat-Zeit der Sieger-Gesellschaft kein Gehör fand?
Und überhaupt: »Vergessen« und »Erinnern« können nicht geboten oder verboten werden, es sind unwillkürliche menschliche Vorgänge, die sich der Anordnung entziehen, unabhängig davon, wie die jeweilige (meist dominierende) Gesellschaftsschicht damit umgeht (und die spätere Geschichtsschreibung beeinflusst?).
Meier eiert, wenn er »Das Gebot zu vergessen und die Unabweisbarkeit des Erinnerns« unter einen logischen Hut bringen will. Das heißt, er scheint es gar nicht zu wollen. Sein Fazit, in sehr gewundener Rede: »Es ist und bleibt jedenfalls, so scheint sich mir zu ergeben, eine höchst schwierige Frage der Güterabwägung, wie man nach Kriegen, Bürgerkriegen, Revolutionen und Umstürzen mit der schlimmen Vergangenheit (oder den schlimmen Teilen der Vergangenheit) umgehen soll. Es gibt keinen abstrakten Maßstab dafür. Jeder Fall ist anders. Daher ist es keineswegs ausgemacht, dass sich seit der unabweisbaren deutschen Erinnerung an Auschwitz alles anders verhält als früher. Die uralte Erfahrung, wonach man nach solchen Ereignissen besser vergisst und verdrängt als tätige Erinnerung walten zu lassen, ist noch keineswegs überholt. Und es ist keineswegs ausgemacht, dass tätige Erinnerung Wiederholung ausschließt.«
Einerseits, andererseits. Wie denn nun?
Was soll der Leser davon halten? Was mitnehmen?
Vielleicht das: Den Essay als das zu nehmen, was er seinem Genre nach sein soll: Der Versuch, einen Sachverhalt unterhaltsam und zu eigenen Gedanken anregend auf hohem Niveau zu umkreisen, zum geistigen Nutzen des Lesers.
Das ist Christian Meyer durchaus gelungen.
Zumindest bei (gw)

Baumhausbeichte - Novelle