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Nach-Lese (Blogger, Junkies und ein Igel/7. Juli 2010)

Nachgelesen in den Untiefen des Internets: Ich sei ein Blogger. Na prima. Endlich Avantgarde. Dabei mache ich seit fast vierzig Jahren das Gleiche: Über Gott und die Welt schreiben, und seit es die technischen Möglichkeiten dazu gibt, die Glossen und Kolumnen und Kommentare zum Nachlesen online bereithalten, speziell für Leser, die auch im Urlaub, auf sonstigen Reisen oder weil sie’s beruflich in ferne Lande verschlagen hat, nicht auf ihre gewohnte mittelhessische Zeitungskolumne verzichten möchten. Wenn das nun als modern gilt, nur weil auch fremde Reingucker online kiebitzen können, was »gw« und seine Stammleser alles so treiben und schreiben, und weil sowieso alles hipp und cool und angesagt ist, was mit dem Zusatz »online« protzt, dann bin ich halt ein Blogger. Wie’s euch gefällt. Allerdings werde ich keine alberne Blogger-Ausrüstung tragen wie mein in Deutschland weltbekanntester »Kollege« Lobo (der mit dem knallroten Hahnenkamm auf der Glatze), denn Albernheit steckt bei mir nicht im Accessoire, sondern im Text. Leider, leider, muss ich manchmal zugeben, wenn ich meinem Äffchen zu viel Zucker gebe.

Letztens fragte ich »Was bleibt von Böll?« (24. Juli), als anlässlich des 25. Todestages des Literatur-Nobelpreisträgers und »guten Menschen von Köln« einiges nachzulesen war. Als fremdernannter Blogger fällt mir eine mögliche Antwort ein: Der große Böll bleibt der alte, wird aber wie meine Winzigkeit als neu entdeckt, zum Beispiel, wenn Begriffe wie »Haltung« wieder eine Rolle spielen sollten. Unser Leser Dr. Hans-Ulrich Hauschild (Gießen) zur Böll-Kolumne: »Moral und Kunst – zumal, wenn es sich um gesellschaftspolitische Moral handelt – werden – einmal wieder – gegen einander ausgespielt.« Dr. Hauschild zitiert die Zeit: »Hätte er denn die Wahl gehabt zwischen der Wirkungsmacht seiner Bücher im Hier und Heute und einem irgendwann aufglühenden Heiligenschein im Himmel der Ewigen, er hätte sich immer für Ersteres entschieden. Auch als rheinischer Katholik, der er über seinen Kirchenaustritt im Jahre 1979 hinaus blieb, war ihm jede Perspektive sub specie aeternitatis suspekt. ›Gebundenheit‹ hieß das Schlüsselwort seines poetologischen Denkens.« Dr. Hauschild: »Dem ist nichts mehr hinzufügen. Für diese Kolumne jedoch danke ich Ihnen ganz herzlich.« – Auch ich danke und hänge den ungekürzten Text unseres Lesers in der Online-Ausgabe an.

Moral, das ist eine schwierige Geschichte. Zum Beispiel journalistische Moral. Nachzulesen in diesen Tagen fast überall, on- und offline, im Fall Kachelmann. Vor einer Woche widmete der Stern dem meistgedruckten und angeklicktesten Thema eine vielseitige Reportage, im Doppelsinn vielseitig, denn neben journalistischen wurden auch hellseherische und telekinetische Gaben verschwenderisch verteilt. So scheint der Stern bei den Treffen der beiden gegensätzlich Aussagenden dabeigewesen zu sein, denn deren Gefühle und Gespräche beschreibt und protokolliert der Stern, wie es nur gedankenlesende Augen- und Ohrenzeugen können. Immerhin, der Stern nimmt nicht Partei wie die meisten anderen, die sich direkt oder subtil auf eine Seite schlagen.

Ferdinand von Schirach ist als Strafverteidiger von Berufs wegen »Partei«, aus seinen Fällen komponierte er einen Bestseller (»Verbrechen«), und weil’s so gut lief, setzt er jetzt mit »Schuld« noch einen drauf. Erfreulicherweise von schlechten Kritiken begleitet (»Willkommen in der juristischen Bäckerblume« / Welt am Sonntag), und ich werde das Buch erst gar nicht lesen, denn kürzlich erlaubte sich von Schirach im Spiegel einen Essay über die Menschenrechtsklage des Kindermörders Gäfgen, in dem er seine Strafverteidiger-Moral hoch über kleingeistiges menschliches Gerechtigkeitsempfinden stellt. Zur Erinnerung: Im September 2002 entführte Gäfgen den elfjährigen Jakob von Metzler. Er tötete den Jungen, dann erpresste er die Familie, bekam eine Million Euro, wurde tags darauf verhaftet. Weil die Polizei glaubte und hoffte, das Kind sei noch am Leben, und weil Gäfken trotzig schwieg, erlaubte der stellvertretende Polizeipräsident Wolfgang Daschner, dem Täter mit Schmerzen zu drohen, wenn er den Aufenthaltsort des Kindes nicht verrate. Von Schirach behauptet nun in seinem Spiegel-Essay, Daschner hätte mit einer »mehrjährigen Gefängnisstrafe, Entlassung aus dem Dienst, Streichung der Pension« bestraft werden müssen«, denn »wir werden verlieren, wenn wir die Daschners gewähren lassen«. Wenn wir aber von Schirach gewähren lassen, dann »darf auch der Fürchterlichste niemals angetastet werden«. Diesen Satz des Strafverteidigers und Bestsellerautors assoziiere und transponiere ich lieber nicht in die Zeit der älteren Verwandtschaft von Schirachs (Opa Baldur war Reichsjugendführer) – mir ist so schon schlecht genug.

Lieber Juxen als Ärgern, daher zu einem anderen Bestseller: »Ohne Netz« von Alex Rühle, ein Buch aus einem Genre, das bekannt, aber noch nie durch Bestseller aufgefallen ist: »Überleben in freier Natur«. Zwei davon stehen in meinem Bücherregal, man weiß im Fall der Fälle ja nie, welcher Wurm essbar ist und wie man ihn zubereitet. Doch Rühles Werk brauche ich nicht, denn für sein Extremproblem bin ich absoluter Experte, kompetenter sogar als Rüdiger Nehberg in Sachen Überlebenswurm. Klett-Cotta-Verlagswerbung für »Ohne Netz«: »Axel Rühle ist glücklich verheiratet – und süchtig. Ein Internet-Junkie. Deshalb macht Alex Rühle Ernst: Ein halbes Jahr wird digital gefastet: kein Internet, keine E-Mails. Begleiten Sie ihn auf seiner Abenteuerreise in die analoge Welt!«

Ein tollkühner, ein verrückter Hund, diese Rühle! Sofort eigneten sich auch die großen deutschen Medien dieses sensationelle Thema an, der Spiegel lobte sogar in einer Titelgeschichte (»Ich bin dann mal off«) die Wahnsinns-Idee der freiwilligen digitalen Selbstbeschränkung, diese echte Titanenaufgabe.
Alles rennet, rettet, flüchtet vor dem hassgeliebten Terror. Digital-Junkies, wie die Hasen. Und ich? Bin wie beim Bloggen der Igel.
»Ick bün al dor!« (gw)

Die zitierte Leser-Meinung in voller Länge:
In einem Zeitartikel zu Bölls 25. Todestag hieß es: „Das Urteil über Heinrich Bölls Verdienste und Grenzen war zu seinen Lebzeiten schon gesprochen, und Leser, die seinen moralischen Konflikten noch einmal mit ähnlich bebenden Herzen folgen, werden vergeblich gesucht. Bölls Bedeutung für die politische Kultur der alten Bundesrepublik lässt sich zwar kaum überschätzen. Zugleich war schon damals kaum zu übersehen, dass die literarischen Möglichkeiten dieses letzten deutschen Volksschriftstellers mit seinem dissidentischen Bürgersinn nicht Schritt zu halten vermochten.“

So etwas Ähnliches haben Sie ja auch zum Ausdruck gebracht. Scharf formuliert: Moral und Kunst – zumal, wenn es sich um gesellschaftspolitische Moral handelt – werden – einmal wieder – gegen einander ausgespielt. Der von Ihnen zitierte Reich-Ranicki hat so etwas in den 60er Jahren gleichsam mit umgekehrtem Vorzeichen schon einmal versucht. Anlässlich der dem kalten Krieg und der unstrittigen Verstrickung von Anna Seghers in die kritikwürdige DDR-Politik verdankten Diskussion um Anna Seghers hat er deren Roman „Das Siebte Kreuz“ mit einem „Todesurteil“ versehen: literarisch zeitlos wertvoll, inhaltlich braucht man darüber nicht zu diskutieren.

Noch weiter zurück. Als Thomas Mann, ein scharfer Kritiker der NS-Bewegung und publizistisch höchst präsent Anfang der 30er, einen Gesellschaftsroman über die Weimarer Republik schreiben wollte, sollte, kam der „Zauberberg“ dabei heraus, ein Stück höchst gelungener Artistik, lesenswert auch heute noch, aber kein Entwurf, man kann das von Kunst schon erwarten, zu einer gesellschaftspolitischen Utopie. „Das Soziale“ – sagte er – „das Soziale ist meine Stärke nicht“.

Böll hat es versucht. Und die späten Romane, Ende einer Dienstfahrt, Die verlorene Ehre der Katharina Blum, waren der klaren undifferenzierten Westorientierung der Bundesrepublik verdankt mit allen ihren ökonomischen und gesellschaftspolitischen Fragwürdigkeiten. Im Mittelpunkt steht nicht mehr die leidende Einzelseele, also die individuelle, sondern die politische Moral. Das scheint gestalterisch schwierig und ohne „Freund-Feind“ – oder „Schwarz-Weiß“ – nur schwer möglich.

Die Zeit schreibt dazu: „Bölls Radikalität, Bitterkeit und Schärfe waren Teil seiner demokratischen Mission, die er in späteren Jahren sogar zu einer anarchistischen erklärte. Der säuerliche Kitsch, zu dem er fähig war, die stilistischen Schlampereien, die gelegentlich allzu einfachen Figurenzeichnungen, die Schemata von Nachkriegselend, gräulich verwalteter Wirtschaftswunderwelt und Zivilisationskritik – das alles wurde bereits von den zeitgenössischen Kritikern erkannt. Es mag für ihn eine Schmach gewesen sein, dass man diese beiden Seiten immer voneinander trennte – auch wenn ihm 1972 der versöhnende Ruhm des Literaturnobelpreises zuteil wurde. Aber hätte er denn die Wahl gehabt zwischen der Wirkungsmacht seiner Bücher im Hier und Heute und einem irgendwann aufglühenden Heiligenschein im Himmel der Ewigen, er hätte sich immer für Ersteres entschieden. Auch als rheinischer Katholik, der er über seinen Kirchenaustritt im Jahre 1979 hinaus blieb, war ihm jede Perspektive sub specie aeternitatis suspekt. “Gebundenheit” hieß das Schlüsselwort seines poetologischen Denkens.“

Dem ist nichts mehr hinzufügen.

Für den literarischen Anstoß jedoch danke ich Ihnen ganz herzlich.

Herzlichst

Ihr

Hans-Ulrich Hauschild.

Baumhausbeichte - Novelle