Archiv für August 2010

Risiken und Nebenwirkungen (Richard Yates: Ruhestörung)

Im Spätsommer 1960 begann für Janice Wilder alles schiefzugehen. Und das Schlimmste daran war, sagte sie später immer wieder, das Schreckliche daran war, dass es aus heiterem Himmel zu geschehen schien.
Das Werk des bereits 1992 gestorbenen US-Autors Richard Yates (Jahrgang 1926) wird seit der Jahrtausendwende peu à peu auch in Deutschland veröffentlicht, nachdem es zu Yates’ Lebzeiten selbst in seinem Heimatland fast unbekannt gewesen war. Erst nach seinem Tod fand Yates in den USA die Wertschätzung, die ihm zuvor schon durch Größen wie Richard Ford und Raymond Carver zuteil wurde, denen er Vorbild und Inspiration war.
Die nun in Deutschland erschienene »Ruhestörung« stammt aus dem Jahr 1975, ist aber (leider) keineswegs veraltet und liest sich »wie neu«.
John Wilder, ein »Normalo« des leicht gehobenen Mittelstands, hat eine liebende Frau, einen zehnjährigen Sohn, Erfolg im Beruf und den Alkohol.
Eines Abends ruft er seine Frau Janice an – von einer Telefonzelle in einem Hotel, ganz in der Nähe. Er könne nicht nach Hause kommen.
»Bist du betrunken?«
»Lässt du mich bitte ausreden? Nein, ich bin nicht betrunken. Ich habe etwas getrunken, aber ich bin nicht betrunken.«
In dem Dialog mit seiner insistierenden Frau, die natürlich unbedingt wissen will, warum er nicht nach Hause kommen könne, schiebt Wilder Gründe vor, die nicht erfunden, aber nicht die wahren sind.
»Okay, hier ist noch ein Grund. Da war eine Frau in Chicago (…) Ich habe sie im Palmer House fünfmal gevögelt. Wie findest du das?«
Es stimmt zwar, aber sie glaubt ihm nicht. Auch die nächste Ausrede zieht nicht: Er könne »in einen großen silbernen Vogel steigen und zum Beispiel nach Rio fliegen«. Dann sagt er die Wahrheit.
»Willst du es wirklich wissen, Schatz? Weil ich Angst habe, dass ich euch umbringen werde, deswegen. Euch beide.«
Wir sind erst auf Seite 9 und schon mittendrin in der menschlichen Katastrophe. Janice alarmiert einen Freund ihres Mannes, der fährt zum Hotel, findet Wilder an der Hotel-Bar, volltrunken und/oder mit Nervenzusammenbruch, er bringt den Kollabierten in die Psychiatrie, es ist Wochenende, Thanksgiving, kein Arzt da, tagelang nicht, Wilder verbringt fünf Tage und Nächte in der geschlossenen Abteilung (die Szenen erinnern an »Einer flog über das Kuckucksnest«, nur noch härter), und als Wilder die Psychiatrie endlich verlassen kann, bedeutet dies nicht das Ende, sondern erst den Anfang eines zerstörerischen Alkoholexzesses.
Der Leser weiß von Beginn an, wie böse das alles enden muss, das Ende ist unweigerlich, aber nicht nahe, denn Wilders Höllenfahrt dauert und dauert. Fast wie im richtigen Leben eben, denn Yates weiß, wovon er schreibt, der Sohn einer Alkoholikerin trank ein Leben lang und starb am Alkohol, und die Psychiatrie, in die Wilder eingeliefert wird, konnte er aus eigenem Erleben beschreiben, denn dort, im auch real existierenden »Bellevue«, hat er viel Zeit als Patient verbracht.
Das alles ist kaum auszuhalten, selbst wenn man es nur liest. Yates hat einen grandiosen Roman geschrieben, stilistisch klar und kalt, eindringlich und beängstigend.
Aber: Wer liest so etwas freiwillig? Nur gefestigte Menschen sollten es tun, denn wer zu Depressionen neigt, bekommt durch die Lektüre ganz sicher welche.
»Ruhestörung« ist das Hohelied auf den ätzenden Nihilismus, ein bitter-sarkastischer Abgesang auf Sinnhaftigkeit und Selbstbestimmung. Egal, was man tut, alles ist nichtig, ist eitel. Vanitas, Vanitas!
Mag ja sein. Aber wer sich dieses Leid lesend antut, der sehnt sich nach einem leichten, amüsanten, lebensbejahenden Buch oder Film mit wunderbar kitschigem Happy End.
Oder er braucht dringend einen Schnaps. (gw)

Veröffentlicht von gw am 20. August 2010 .
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Die Ibisse des Gebeutelten (Michael Kleeberg: Das Amerikanische Hospital)

Ich saß oben auf meinem Bradley und sah zu, in die Sonne hinein, wie die sieben Ibisse die Hälse reckten und die Schnäbel nach oben hielten, und wie die Schnäbel sich öffneten, als bettelten sie die Sonne an. Ich habe zweien meiner Männer befohlen, sie abzuschießen.
So endet eine der eindrucksvollsten Szene in Michael Kleebergs neuem Roman, der nicht minder beeindruckend und dramatisch beginnt: Der US-Soldat David Cote bricht im amerikanischen Hospital von Paris vor den Augen der Französin Hélène zusammen. Sie ist dorthin gekommen, weil sie hofft, mit Hilfe der modernen Reproduktionsmedizin ein Kind bekommen zu können, er leidet nach der »Operation Desert Storm« an einem schweren Kriegstrauma.
Die beiden aus unterschiedlichen Gründen seelisch Versehrten begegnen sich wieder, lernen sich kennen und mögen, erzählen einander von ihren Lebensschmerzen und den Strategien, diese aushalten zu können.
Die Ibisse. Warum wurden sie erschossen? Schon als der erste die Oberfläche des Sees erreichte, konnte man sehen, dass etwas nicht stimmte. Aber da war es bereits zu spät. Eigentlich hätte es eine Gischtwolke geben müssen, tausend in der Sonne funkelnde Tröpfchen. Aber als der Körper aufkam, ging da nur eine schwarze, teerige Welle hoch, die die Vögel bespritzte, und sie wurden ruckartig gebremst, als seien sie in schlierigen Klebstoff getaucht. Es war kein See, Es war ein Ölteich.
Flüchtende Iraker hatten Ölquellen geöffnet, die glatte, glänzende Oberfläche des tödlichen Sees verlockte die Ibisse zu einer unverhofften Rast.
Natürlich versuchten die Ibisse sofort wieder hochzufliegen. Aber das ging nicht. Die Schwungfedern waren schon verklebt. Dann begannen sie die Hälse zu drehen und versuchten sich das Gefieder zu putzen. Und nun hatten sie das Öl auch am Schnabel, am Kopf.
Es gibt noch einige andere ähnlich dichte, beklemmende Szenen in dem schmalen 200-Seiten-Roman, der sich viel vorgenommen und aufgeladen hat: Krieg, auch der Krieg der modernen Medizin, der amerikanische »Glauben an die Lösung aller Probleme durch technischen Fortschritt, an die Überwindung von Natur und Schicksal durch den Menschen« (Kleeberg im Interview), auch moderne US-Lyrik spielt eine wichtige Rolle, wie auch die Stadt Paris und nicht zuletzt ein mysteriöser Dritter, der Ich-Erzähler im Roman. Fast tollkühn, dieses Zusammenbringen scheinbar unzusammenhängender Thematiken. Von der Konstruktion her ein Trapezakt, verzichtet Kleeberg klugerweise auf stilistische Artistik, denn »es war schnell klar, dass diese Geschichte nicht erlaubt«, zusätzlich auch noch »ein Feuerwerk schriftstellerischer Virtuosität« (Kleeberg) abzubrennen.
Dann konnten wir sie hören. Ibisse geben normalerweise keine Geräusche von sich. Aber jetzt reckten sie die Hälse weit nach oben und die gebogenen Schnäbel zum Himmel empor wie Versinkende und krächzten. Sie begannen langsam zu ersticken.
Ein erstickendes Gefühl auch, dies lesen zu müssen, zu dürfen.
Kleeberg hat vielleicht zu viel gewollt, aber er hat auch viel erreicht.
Ein bemerkenswerter, ein intensiver, ein außergewöhnlicher Roman. (gw)

Veröffentlicht von gw am 20. August 2010 .
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Die Erinnerung einfach vergessen? (Christian Meier: Das Gebot des Vergessens und die Unabweisbarkeit des Erinnerns)

Von den alten Römern und Griechen bis zu den Amerikanern und Russen zieht sich ein merkwürdiger Automatismus durch die Weltgeschichte, fast ein darwinistischer, denn er sichert das Miteinander- und Weiterleben von Tätern und Opfern (so sie noch am Leben sind): Die schlimmsten Schand- und Gräueltaten in Kriegen und Genoziden werden hinterher, nach einer kurzen Schamfrist, vergeben und vergessen, man versöhnt sich, Friede, Freude, Eierkuchen.
So jedenfalls sieht es Christian Meier (81), ein hochgeehrter deutscher Historiker, der in seinem anregenden und irritierenden Essay das allgemeine Gebot des Vergessens in der Weltgeschichte referiert, aber gleichzeitig die spezielle Unabweisbarkeit des Erinnerns an deutsche Nazi-Untaten beschwört.
Eine Logik, die nur überzeugt, wenn wir den Holocaust als einsamste, schändlichste Untat aller Zeiten akzeptieren und uns mahnend an ihn erinnern, quasi stellvertretend für scheinbar lässlichere Tätersünden, die wir daher getrost vergessen können. So gesehen hält Deutschland den ewigen Untaten-Weltrekord – und wie im Sport vergisst man dann schnell den Zweiten und Dritten der ewigen Weltschlechtestenliste.
Nur, was sagen die Opfer dazu, so sie denn, siehe oben, noch etwas sagen können?
Und welches Gehör finden, wenn sie denn etwas sagen, Nachkommen von Indianern in Reservaten oder Angehörige von Opfern des Stalinismus?
»Vom öffentlichen Umgang mit schlimmer Vergangenheit« (Untertitel des Meier-Essays) wissen wir aber auch, dass solche Vergleiche angesichts deutscher Einmaligkeit als unpassend und geschmacklos zurückgewiesen werden müssen.
Aber ist es nicht so, dass in der Weltgeschichte die Täter meist gewannen, was das Gebot des Vergessens erleichterte und die übrig gebliebenen Opfer noch einmal verhöhnte, deren Unbotmäßigkeit, nicht zu vergessen, in der Nach-Tat-Zeit der Sieger-Gesellschaft kein Gehör fand?
Und überhaupt: »Vergessen« und »Erinnern« können nicht geboten oder verboten werden, es sind unwillkürliche menschliche Vorgänge, die sich der Anordnung entziehen, unabhängig davon, wie die jeweilige (meist dominierende) Gesellschaftsschicht damit umgeht (und die spätere Geschichtsschreibung beeinflusst?).
Meier eiert, wenn er »Das Gebot zu vergessen und die Unabweisbarkeit des Erinnerns« unter einen logischen Hut bringen will. Das heißt, er scheint es gar nicht zu wollen. Sein Fazit, in sehr gewundener Rede: »Es ist und bleibt jedenfalls, so scheint sich mir zu ergeben, eine höchst schwierige Frage der Güterabwägung, wie man nach Kriegen, Bürgerkriegen, Revolutionen und Umstürzen mit der schlimmen Vergangenheit (oder den schlimmen Teilen der Vergangenheit) umgehen soll. Es gibt keinen abstrakten Maßstab dafür. Jeder Fall ist anders. Daher ist es keineswegs ausgemacht, dass sich seit der unabweisbaren deutschen Erinnerung an Auschwitz alles anders verhält als früher. Die uralte Erfahrung, wonach man nach solchen Ereignissen besser vergisst und verdrängt als tätige Erinnerung walten zu lassen, ist noch keineswegs überholt. Und es ist keineswegs ausgemacht, dass tätige Erinnerung Wiederholung ausschließt.«
Einerseits, andererseits. Wie denn nun?
Was soll der Leser davon halten? Was mitnehmen?
Vielleicht das: Den Essay als das zu nehmen, was er seinem Genre nach sein soll: Der Versuch, einen Sachverhalt unterhaltsam und zu eigenen Gedanken anregend auf hohem Niveau zu umkreisen, zum geistigen Nutzen des Lesers.
Das ist Christian Meyer durchaus gelungen.
Zumindest bei (gw)

Veröffentlicht von gw am 20. August 2010 .
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Klappentext vom 21. August 2010

Drei sehr unterschiedliche Bücher werden heute vorgestellt, die aber eine für den Leser entscheidende Gemeinsamkeit haben: Sie bieten dichte, intensive Lektüre, mit der man sich noch lange auseinandersetzt, nachdem man sie beendet hat. Ob Meiers strittige, aber empirisch belegte Studie über das Vergeben und Vergessen von Gräueltaten, Kleebergs hoch ambitionierter, schmaler und dennoch (zu?) vielschichtiger neuer Roman oder der in Deutschland neu zu Ehren kommende »alte« Richard Yates mit seiner Höllenfahrt eines Alkoholikers – jeweils keine leichte Entspannungslektüre, sondern Widerhaken im Kopf des Lesers.
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Zu den beklemmenden Szenen in Kleebergs (real existierendem) Amerikanischen Hospital in Paris gehört auch die eindringliche Beschreibung, wie »der sterbende Marcello Mastroianni durch unseren Gesichtskreis schlurfte«. – »Zu verfremdet war bereits das Gesicht, zu unwürdig der Bademantel, zu abstoßend die schuppigen wunden Schienbeine und die geschwollenen Füße in den Adiletten, zu erschütternd der schlurfende, unsichere Gang des kranken, alten Mannes.« – »Ganz und gar unglaublich und empörend, dass dieser Unsterbliche am Sterben war, dass die Krankheit ihn bereits so weit abgehobelt hatte, dass er leicht und schmal genug war für die Holzkiste, die am Ende des Korridors auf ihn wartete.«
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Zwei weitere, wiederum ganz anders geartete, aber ähnlich intensive und die Auseinandersetzung mit dem Leser suchende Romane seien hier kurz und vorläufig empfohlen (vorläufig, weil beim Parallel-Lesen erst im jeweiligen Schlussdrittel angelangt): »Roman unserer Kindheit« (Rowohlt/ 22,95 Euro) von Georg Klein (Jahrgang 1953) und Theodor Buhls »Winnetou August« (Eichborn/19,95), beide geschrieben aus der Kinderperspektive. Kleins Roman, phantastisch und (zu?) verrätselt, strebt einem (sich allerdings abzeichnenden) Clou zu, packt den Leser früh und verstört ihn bald. Buhl (Jahrgang 1936) lässt seinen kleinen Protagonisten Kriegsende und Vertreibung aus Schlesien scheinbar kindlich unbekümmert er- und überleben, aber mit drastisch geschilderten Entsetzlichkeiten, die in ihm ein Leben lang nachhallen werden. – Egal, was die letzten Seiten noch bringen mögen, die Widerhaken sind von Klein und Buhl auch hier schon im Kopf des Lesers angelegt. (gw)

Veröffentlicht von gw am 20. August 2010 .
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Nach-Lese (Schwein gehabt?/21. 8. 2010)

Ein Buch trifft den Nerv. »Tiere essen«, die deutsche Version von Jonathan Safran Foers US-Bestseller »Eating Animals«, provozierte schon vor seinem Erstverkaufstag eine Rekordzahl an engagierten Rezensionen und Kommentaren – und den meisten genügt die im Grunde kompromissbereite Haltung Foers nicht einmal. Vegetarismus ist »in«, von Welt bis Spiegel kann kein deutsches Medium darauf verzichten. Als Thema. Auch in der eigenen Ernährung der Rezensenten? Papier ist geduldig wie Schlachtvieh.
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Unter der Überschrift »Das große Weggucken« bringt die Welt das Buch am treffendsten auf den Punkt: »Foer hat ein Sachbuch über das Leid der Stalltiere geschrieben. Es ist intelligenter und argumentiert klüger als die üblichen Vegetarismus-Appelle. Jedem mitfühlenden und mitdenkenden Menschen, der Foers Buch zu Ende liest, wird der Appetit verdorben sein.«
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Das Thema ist traditionell hoch emotional besetzt. Anonymes Bekennerschreiben nach dem Brandanschlag auf den Neubau eines Maststalls für 36 000 Hähnchen in Sprötze (Niedersachsen): »Wir möchten dazu ermutigen, für die Befreiung aller Individuen von jeglicher Form der Herrschaft auf seine/ihre Weise zu kämpfen. Für die Freiheit aller Tiere!« Daraufhin befürwortete Landwirtschaftsministerin Astrid Grotelüschen demonstrativ den Bau von derartigen Mastställen, verständlich, denn ihr Mann ist Deutschlands zweitgrößter Putenbrüter. Also, nicht persönlich, sondern als Putenbrütereibesitzer – ein Wort, das seinen ganz besonderen deutschen Sprachcharme erst erhält, wenn man es laut, deutlich betont und in dem flotten Tempo ausspricht, in dem in modernen Schlachtfabriken drei Hähnchen vom Leben zum Tode gebracht werden: eine (wirklich: eine!) Sekunde.
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Der Putenbrüterei-, Maststall- und Hähnchenschlachtbranche geht es trotz der Proteste saturierter, also im Wortsinn gesättigter westlicher Bürger blendend, und weil keine Religion außer der veganischen den Verzehr von Hühnern verbietet, weiß die Süddeutsche Zeitung: »Trotz des ganzen Ärgers also ein Wachstumssegment, ein Geschäft mit Zukunft. ›Da stehen einige Ampeln auf Grün‹, sagt Rothkötter (Anm.: Besitzer von Europas größter Hähnchen-Schlachtfabrik). Er will demnächst ein neues Produkt einführen: ›Tulips‹ – Hühnerflügel angeordnet in Tulpenform.« Auf solch kreative Ideen muss man erst einmal kommen. Tulpen! Sollen damit Vegetarier verführt werden?
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Warum essen wir überhaupt Fleisch? Der Spiegel ahnt nach der Lektüre von Foers Buch: »Im Tierreich ist, wer am Ende des Kampfes das Fleisch vertilgt, der Stärkere. Und wenigen Menschen läuft das Wasser im Mund zusammen, wenn sie einen Teller mit gekochten Mohrrüben sehen.«
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Igitt. In einer Welt, in der man, wenn man Tiere essen möchte, sie eigenhändig schlachten müsste, als Alternative aber nur ein Teller mit gekochten Mohrrüben bereit stünde, wäre ich schon längst verhungert.
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Schwein gehabt! Apropos Schwein und selbst schlachten: Clemens Tönnies, nebenberuflich Chef von Fußball-Bundesligist Schalke 04, besitzt eines der größten deutschen Fleischwerke. Er schlachtet dort zehn Millionen Schweine im Jahr, einige in der Tat eigenhändig, denn er ist deutscher Zerlegemeister, hat in dieser Sportart sechs Schweineschultern in weltrekordreifen 65 Sekunden ausgebeint. Ein echter Profi.
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Auch bei ihrer eigenen PR-Arbeit schlachtet die Fleischlobby. Sich selbst. Schweinerner Höhepunkt deutschen lyrischen Werbe-Schaffens: »Frikadellen sind der Hit / Bist du nicht unser Brät-Pitt?«
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»Das verfressene Schwein nimmt bei guter Futterlage schnell zu.« Zwar gefunden in einer wissenschaftlichen Schweinefleischbetrachtung, doch könnte der Satz auch in einer partnerschaftlichen Analyse stehen.
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Gesehen und gelesen in einem Cartoon, zum Totlachen traurig: Zwei Ferkelchen, dicht aneinandergedrängt, sich umarmend, stehen vor dem Metzger und bitten ihn: »Wir möchten gerne zusammen in eine Wurst.«
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Iris Radisch hält in der Zeit »Ein Plädoyer für den Vegetarismus« und kritisiert sogar leise Foers Kompromissbereitschaft (»So viel Versöhnlichkeit mag die Argumentation dieses eindrücklichen Buches schwächen«). Denn Foer fordert nicht den totalen Fleisch-Boykott, nicht das generelle Verbot, Tiere zu töten, um sie zu essen, sondern ihm geht es »nur« um das tierquälerische System von Aufzucht, Haltung und Schlachtung in der Massentierhaltung.
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Im Interview mit Foer insistiert die Zeit dennoch: »Aber wir reden hier übers Töten. Möglicherweise über Mord.« Foer: »Ja, aber im Sudan oder im Kongo geht es auch um Leben und Tod. Trotzdem kündigen die allerwenigsten ihren Job und fliegen hin, um zu helfen. (…) Beim Fleischessen geht es auch nicht hauptsächlich um Leben und Tod, sondern um Quälen und Nichtquälen. (…) Wenn Sie mich also fragen, ob ich das Töten von Tieren falsch oder richtig finde, wüsste ich nicht mal genau, was antworten. Was ich aber genau weiß, ist, dass es falsch ist, was wir derzeit machen (…) Dazu braucht man kein Experte zu sein, kein Tierarzt oder Philosoph oder Theologe. Man zeige einem Bürger einen dieser modernen Ställe, und er erkennt sofort: So können wir nicht weitermachen.«
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Kontra-Vegetarismus-Rechtfertigung des Zeit-Autors Michael Allmaier: Warum er nicht auf Fleisch verzichten könne? »Es schmeckt einfach zu gut.«
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Doch die Zeichen der Zeit sprechen gegen das Fleischessen. Foer: »Heute behaupten schon mehr Leute von sich, Vegetarier zu sein, als es tatsächlich sind. Es gilt als cool und attraktiv, nicht mehr als schräg und sonderlich. Es wird bald als ein bisschen sonderbar gelten, viel Fleisch zu essen.«
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Dass wir töten müssen, um leben zu können, gehört zur Seinsproblematik, mit der jeder für sich zurechtkommen und aus der jeder seine eigenen Konsequenzen ziehen muss. So oder so.
(gw)

Veröffentlicht von gw am 20. August 2010 .
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Baumhausbeichte - Novelle