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Nach-Lese (Was bleibt von Böll?/24. Juli 2010)

»Der gute Mensch von Köln« (Süddeutsche Zeitung) begleitete zwei oder drei Generationen junger Lesender durch die frühe bis in die späte Bonner Republik, ein »Pionier des Mainstreams« (Welt am Sonntag) mit der »Wut des Gutmenschen« (Frankfurter Rundschau): Heinrich Böll, der vor 25 Jahren gestorbene Literatur-Nobelpreisträger, heiß geliebt von den einen, wütend verachtet von anderen wie Franz Josef Strauß (»Schmeißfliege«) oder Ludwig Erhard (»Pinscher«).

Wie steht es heute mit dem literarischen Werk Bölls? Da sind sich, ohne die Aufgeregtheiten der damaligen Zeit, fast alle deutschen Feuilletons einig: schlecht, sehr schlecht. »Sein literarisches Werk hat nicht überlebt«, konstatiert die Süddeutsche Zeitung: »Es kann nicht darum gehen, Heinrich Böll zu retten. Besser, man gibt gleich große Teile dessen, was er geschrieben hat, diskussionslos preis, speziell seine Romane. Die sind furchtbar.«
Selbstversuch: Nach Borchert und Remarque auch Böll? Entpuppt sich Lieblingslektüre der Jugend dem Jahrzehnte später Nachlesenden als gnadenloser Kitsch? Schon damals schien für den Böll-Fan eine Zäsur das Werk des guten Menschen von Köln zu teilen, und diese ging mitten durch das Ende einer Dienstfahrt (1966), das im geliebten Böll-Stil begann und plötzlich ins gefällig Zeitgeschmäcklerische abdrehte: Happening mit Abfackeln eines Bundeswehr-Autos, linksbürgerliche Sozialromantik mit klar umrissenen Freund- und Feindbildern. Die Romane davor, ob Wo warst du, Adam oder Ansichten eines Clowns – mit heißem Herzen verschlungen. Die Romane danach, von Die verlorene Ehre der Katharina Blum sich peinlich steigernd bis zum oberpeinlichen Letztwerk Frauen vor Flusslandschaft – Schwamm drüber. Denn immerhin bestehen Bölls frühe Romane, einige Satiren (Doktor Murkes gesammeltes Schweigen) und vor allem einige Kurzgeschichten auch heute noch vor der kritischen Nachlese.

Wie Wanderer kommst du nach Spa . . . Ein junger Soldat, schwer verwundet, ohne Arme, mit einem Bein, wird in ein Behelfslazarett gebracht. Dass es seine alte Schule ist, erkennt er an der eigenen Handschrift an der Tafel. Dort steht immer noch, was er drei Monate zuvor mit zu großen Buchstaben geschrieben hatte, so dass der Satz nicht ganz auf die Tafel passte: Wanderer, kommst du nach Spa . . .

»Wanderer kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.« Schiller führt uns mit seinem Epigramm zurück ins Jahr 480 v. Chr., als die Griechen, unter dem Kommando des Spartaners Leonidas, sich an den Thermopylen (»warme Tore«) einem persischen Invasionsheer entgegenstemmten. Sie wurden verraten, Leonidas fiel.

Einst wanderte auch ich, auf dem Weg von Olympia nach Athen, Sparta entgegen, saß mitten in Arkadien und verstand Goethe nicht. Hier soll’s so schön sein? Goethe war nie da, sonst hätte er nicht von arkadischen Landschaften geschwärmt. Flirrende Hitze, vertrocknete Pflanzen, verbrannte Bäume, und vor mir die trostlose Ebene von Megalopolis mit der noch trostloseren Stadt gleichen Namens. Endzeit-Szenerie. Hier oben hat man, erzählte mir ein Grieche, vor Jahren einen nackten toten Mann gefunden, bis zur Unkenntlichkeit verbrannt – bis auf die identifizierbaren Reste eines Taucheranzugs. Was wollte der Taucher in der Hochebene? Wer hat ihn verbrannt? Zufrieden, dass die unvermeidlichen Fragen gestellt wurden, klärte der Grieche auf: Ein Taucher schnorchelte vor der Küste, ein Löschflugzeug saugte ihn beim Wasserfassen versehentlich mit auf und entlud ihn mitsamt Wasser in den Bergen ins Feuer. Gruselig. Ich zeigte dem Erzähler mein Entsetzen, der war’s zufrieden, und ich unterließ es, ihm zu sagen, dass ich die gleiche Geschichte früher schon auf Rhodos und auf Kreta und auf Naxos gehört hatte. Sie ist ja auch viel zu schön, um nicht überall wahr sein zu dürfen.
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Und der frühe Böll ist viel zu gut, um ihn sich vom späten verderben zu lassen. Manche haben ihn schon vergessen, Jüngere nie von ihm gehört, ihnen allen seien als (Wieder-) Einstiegsleküre Bölls Kurzgeschichten empfohlen, beginnend mit dem schnell zu lesenden und lange haften bleibenden Wanderer, kommst du nach Spa …

Hübsche Anekdote, erzählt von Uwe Wittstock in Die Literarische Welt: Der damalige FAZ-Redakteur begegnete Böll bei einem Theaterfestival in Dänemark. »Zum Abschied sagte er: ›Könnten Sie Reich-Ranicki etwas ausrichten?‹ Ich nickte. ›Sagen Sie ihm, er ist ein Arschloch‹, knurrte Böll und drückte die Zigarette aus. In Frankfurt ging ich sofort begeistert in Reich-Ranickis Büro: ›Ich habe Böll in Dänemark getroffen und soll Ihnen etwas ausrichten.‹ Reich-Ranicki saß über ein Manuskript gebeugt. ›Ach ja?‹, fragte er: ›Wohl, dass ich ein Arschloch bin?‹«

Gerührt war MRR aber, so weit er sich so etwas anmerken lässt, von einer frühen Geste Bölls, von der er in der Welt am Sonntag erzählt: »Wir waren 1958 aus Polen nach Frankfurt gekommen. Wir hatten buchstäblich nichts. Als Böll kurz darauf nach Frankfurt kam, besuchte er uns und brachte meiner Frau einen Strauß Blumen mit. Meine Frau hat das bis heute nicht vergessen. Da war ein Deutscher, der zwei unbekannte polnische Juden mit Blumen in seinem Land willkommen hieß. So etwas hatten wir mit keinem anderen erlebt. Nur mit Böll.«

Dennoch bleibt Marcel Reich-Ranicki in seinem literarischen Werturteil gewohnt apodiktisch: »Er war kein Sprachkünstler, und viele seiner Geschichten und Figuren wirken sehr künstlich und mühsam konstruiert. Seine Theaterstücke und Gedichte sind nichts wert.« Selbst seine frühen Romane, befindet MRR, sind nur »passabel, aber nicht brillant«. Aber: »Einige seiner Erzählungen gehören zum Besten, was er je geschrieben hat. Sie sind auch heute noch unbedingt empfehlenswert.« Sag ich doch. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle