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Nach-Lese (Am Sattel riechende Berglöwinnen/3. Juli 2010)

Eine pointierte, satirische, polemische und/oder ironische Kolumne wird »Glosse« genannt, was vom griechischen »glossa« kommt und »Sprache« oder »Zunge« bedeutet. Glossieren bedeutete ursprünglich aber auch, Texte anderer mit Anmerkungen über oder zwischen den Absätzen zu versehen. Sie lesen nun eine Glosse. Es ist die beste Glosse Deutschlands. Wetten!?

Um die Wette zu gewinnen, darf der »Nach-Lese«-Autor nur »glossieren« und muss den Text anderen überlassen – den vier besten Kolumnisten des Landes. Den vier Besten? Subjektiver geht’s wohl nicht? Stimmt. Macht’s was? Ja. Spaß.

Harald »Schmidt« Martenstein vom Zeit-Magazin macht den Anfang. Er kommt zwar wie sein kongenialer Fernsehkollege in die Jahre, und manches, was man diesem nachsagt, könnte auch auf jenen zutreffen, also ihn treffen, aber noch zeigt Martenstein mehr Präsenz und weniger Unlust an seinem Tun als der öffentlich seine Gelangweiltheit zur Schau stellende Schmidt. Martenstein erkennt einen neuen Trend: »Frauen haben blutjunge Liebhaber.« Terminus technicus: »Berglöwinnen.« Nachteil Martenstein: »Eine neue Option für die Jungs von heute, auch wenn ich leider nicht mehr davon profitieren kann.« Von einer Kollegin erfährt er: »Die offizielle Faustregel heißt, dass die Frau zum Zeitpunkt der Einschulung ihres Lebensgefährten mindestens volljährig gewesen sein muss. Andernfalls ist sie keine echte Berglöwin, sondern ein anderes Tier. Toll, sagte ich, das ist bei den Männern immer schon so gewesen, nur dass die nicht ›Berglöwen‹ heißen, sondern ›alte Böcke‹.«

Axel Hacke, auch schon ein »Silberrücken«, machte sich früh mit dem weißen Neger Wumbaba und seinsphilosophischen Dialogen mit seinem Kühlschrank Bosch als Kolumnist unsterblich. Seine Glosse im SZ-Magazin heißt seit einiger Zeit Das Beste aus aller Welt. Zum Beispiel aus den USA: Dort geriet der Buchautor Raj Patel in »eine Endlos-Schleife des Lebens«. Patel warb in einer Talkshow für sein Buch, »wobei Details seines Lebenslaufs bekannt wurden: als Kind aus Indien nach London gekommen, dort aufgewachsen, ein kleiner Sprachfehler und eben ein kleiner Auftritt im Fernsehen«. Sein Pech: Haargenau diese Details seien es, hatte Jahre zuvor ein Sektengründer vorausgesagt, an dem man einst den Messias erkennen werde. »Und nun erscheinen Sektenmitglieder bei Patel, rufen ihn an, schicken ihm Post und verehren ihn. Dass er bestreitet, der Erlöser zu sein, nützt ihm wenig« – denn der Sektengründer hatte prophezeit: »Der Messias werde bestreiten, der Messias zu sein.« Erinnert an »Das Leben des Brian« von den Monty Pythons – aber in echt.

Kurt Kister, noch stellvertretender Chefredakteur – und demnächst redaktioneller Oberboss – der Süddeutschen Zeitung, widerlegt in seiner wochenendlichen Kolumne Deutscher Alltag eindrucksvoll das Vorurteil, dass stellvertretende Chefredakteure nur arg miese Glossenschreiber seien. In Sansepolcro beobachtet er die Durchfahrt einer MG-Cabrio-Klubfahrt, die von einer Polizeieskorte begleitet wird. »Leider war es nur die Staatspolizei, nicht die Carabinieri. Letztere gehören zur italienischen Armee, tragen die elegantesten Uniformen der Welt und sehen meisten wie eine Mischung aus Eros Ramazotti und George Clooney aus. Wenn man einem Carabiniere die Sonnenbrille wegnimmt, stirbt er innerhalb einer Dreiviertelstunde.«

Ein Carabiniere, zwei Carabinieri … auch grammatisch perfekt. Wir dagegen scheitern schon, wenn wir beim Italiener mehr als einen Cappuccino bestellen wollen – zwei Cappu…?

Zurück zu Kister und zur Klubfahrt. Das Polizeiauto vor der Oldtimer-Karawane ist ein 560 PS starker Lamborghini Gallardo, Spitze 325 km/h. »Wahnsinn. Der Staat ist halb pleite, er wird von einem testosterongesteuerten Medientycoon regiert, für zwei Liegestühle und einen Sonnenschirm zahlt man 25 Euro am Tag – aber die Polizei fährt Lamborghini.« Aber erst diese Carabinieri! »Herrlich unrasiert, aber nicht hulverscheidtisch dreitagegebartet, sondern in einer Art männlich, dass man nahezu über seine sexuelle Orientierung nachdenken könnte, hätte man denn noch eine.« »Hulverscheidtisch«? Bildungslücke. Nachgegoogelt: Hulverscheidt, so heißt ein SZ-Kollege Kisters.

Hans Zippert, mit anarchischem Humor gesegnet, schreibt seit Jahren eine tägliche Seite-1-Kurzkolumne (Zippert zappt), ausgerechnet in der kreuzbiederen Welt, und oft hart an der Grenze zum genialen Irrsinn, wie nach dem Ordnungsruf der Bundeskanzlerin im Regierungslager: »Horst Seehofer äußerte geläutert, das Wort Gurkentruppe sei völlig unangemessen gewesen. Eine Partei wie die FDP stelle eher einen Chaotenhaufen dar. FDP stünde schließlich für ›Fereinigung der Pfollpfosten‹. Die FDP nahm die Entschuldigung Seehofers an und korrigierte, in der CSU gebe es keine Wildsäue, sondern Arschkrampen, Kanaillen und Ignoranten. Ronald Pofalla stellte richtig, Guttenberg sei keinesfalls ein Rumpelstilzchen, seine Mutter würde aber kleine Jungs vom Fahrrad werfen und am Sattel riechen. Die Kanzlerin kritisierte die Äußerung und erklärte, dass Guttenbergs Mutter nach ihrer Information bei Bounty die Kokosnüsse raspeln würde.«

Als Wettgewinner (oder etwa nicht?) verabschiedet sich mit neidischer Hochachtung vor den großen Vier: (gw)

Baumhausbeichte - Novelle