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Nach-Lese vom 5. Juni 2010 (Einstellpause)

Endlich! An unseren Bahnhöfen sollen wir nicht mehr »Bahnhof« verstehen, sondern statt »Service Point«, »Call a bike« oder »Counter« wieder die altdeutschen Bezeichnungen lesen und hören, die wir fast schon vergessen haben. Meldet Bild und beruft sich auf Verkehrsminister Ramsauer. Für die Fundamentalisten vom Verein Deutsche Sprache gehören Anglizismen wie »Service Point« sogar zur »Affensprache«, denn sie kennzeichnen, so ihr Vereinsblatt Deutsche Sprachwelt, einen verhängnisvollen Trend hin zu »Gestik und Grunzen«.

Zwar macht sich, wer von »Affensprache« spricht, womöglich selbst zum Affen, aber das nur am Rande, denn wo Verdenglischungsgefahr ist, wächst das Deutschrettende auch, wusste schon Hölderlin, und ich jetzt auch, denn kaum verlasse ich den Bahnhof, empfängt mich ein wunderbares deutsches Wort: Groß prangt es an einem Bus, der Einsteigewillige warnt, dass er in absehbarer Zeit nirgendwo hinfährt, denn er und sein Fahrer haben, nun ja, Einstellpause.

Macht nichts, ich fahre Rad, und da dieses tatsächlich noch da ist und auch seine von mir verordnete Einstellpause schadlos überstanden hat, eile ich munter tretend heimwärts und freue mich auf mein neues Steckenpferd, das ich nach dem Drahtesel reiten will und auf das einstellpausenschöne Wort »Freischneider« hört. Die Zeit ist reif, das Gras steht hoch, ich schreite zur Tat.

Da ich aber unter den deutschen Männern zu den Beidlinkshändigen gehöre, was nur Echtlinkshändern zum handwerklichen Vorteil gereicht, muss ich zunächst die Gebrauchsanweisung lesen. Wir kennen doch alle diese verhunzt ins Halbdeutsche übertragenen Unverständlichkeiten, die man belächeln, aber nicht verstehen kann. Aber die Gebrauchsanweisung für meinen Stihl FC 90 ist ein echtes deutsches Schmuckstück, sie muss ein besonders überzeugter Purist vom Verein Deutsche Sprache geschrieben haben, denn ich entdecke keinen einzigen Anglizismus in dem piekfein deutsch gestanzten Text.

Und welche wunderschönen deutschen Wörter ich kennenlerne! Zu allererst muss ich den »Festsitz des Zündleitungssteckers« prüfen, herrlich! Ich weiß zwar nicht, wer, was und wo ein Zündleitungsstecker ist, lasse mich aber nicht beirren, sondern will den Freischneider gleich vorschriftsmäßig in die Hand nehmen: »Bei Ausführungen mit Rundumgriff und Rundumgriff mit Bügel (Schrittbegrenzer) linke Hand am Rundumgriff, rechte Hand am Bedienungsgriff.« Na ja, das versuche ich lieber erst später.

Was muss ich noch beachten? »Grasschneideblätter und Dickichtmesser müssen zusammen mit einem Traggurt verwendet werden. Kreissägeblätter müssen zusammen mit einem Doppelschultergurt mit Schnelllösevorrichtung verwendet werden.«

Ist doch klar. Nun müssen Griffrohr und Bedienungsgriff befestigt werden. Zuerst die Klemmschalen, was immer das sein mag: »Die Knebelschraube mit aufgesteckter Scheibe bis zum Anschlag durch beide Schalen stecken – alle Teile zusammen halten und sichern, den ganzen, gesicherten Teileverband mit der Knebelschraube in Richtung Motor weisend auf die Griffstütze setzen, die Knebelschraube bis zum Anschlag in die Griffstütze drücken und dann eindrehen – noch nicht festdrehen, das Griffrohr quer zum Schaft ausrichten, den Bedienungsgriff mit dem Gashebel in Richtung Getriebe weisend auf das Griffrohrende schieben, bis die Bohrungen fluchten.«

Bis sie fluchten? Es ist zum Fluchten, Flüchten und Fluchen, trotz reindeutscher Sprache verstehe ich nur Bahnhof. Ratlos blättere ich im hinteren Teil der Gebrauchsanweisung, dort also, wohin ich gebrauchsangewiesen nie vorstoßen werde, und da wird’s offenbar derart kompliziert, dass selbst der Freischneider-Sprachpurist nicht ohne Fremdwörter auskommt: »Ist die richtige Pendellage erreicht, die Schraube an der Tragöse festziehen.«

»Pendellage«? Wie spricht man das aus? »Pendelaasche«? Partnerstadt einer hessischen Gemeinde? Und »Tragöse« – eine tragisches Liedgut vortragende Diseuse? Ich geb’s auf. Goethe hat’s ja gewusst, weit hinten im Faust: »Und niemand hat Erwünschtes fest in Armen« (ich meinen Freischneider), »der sich nicht nach Erwünschterem törig sehnte« (endlich freischneiden zu können).

Ach ja, Goethe. Bei der Mutter aller deutschen Sprachreinheitskampagnen, im 18. Jahrhundert, mischte auch der Dichterfürst munter mit. Von ihm kam der bemerkenswerte Vorschlag, die fies fremde Nase in Gesichtserker und das ebenso lateinischstämmige Fenster in Wandaußenöffnung umzubenennen.

Oder war’s gar nicht Goethe? Ist ja auch egal. Was zwar wiederum ein Wörtchen französischen Ursprungs ist, aber wir Hessen wissen auch: Egal is’n Handkäs. Und nun hat Einstellpause: (gw)

Baumhausbeichte - Novelle