Archiv für Juni 2010

Nach-Lese (Fußball in Überammergau/12.6.10)

Der Ball rollt. Weil er rund ist. Manchmal springt er auch. Weil ein Frosch drinsteckt. Mehr müssten Nichtfußballer nicht wissen. Wollen sie aber. Immer, wenn WM ist. Und dann schlägt die Stunde der Teilzeit-Liebhaber, der echten Amateure (ital. »dilettanti«) aus den Bundesligen deutscher Hochkultur. Sie ziehen auch den Fußball nach oben, in überhöhte Räume, eben dorthin, wo sie sich am wohlsten fühlen. Avanti dilettanti!

Peter Handke, schon längst kein Theoretiker mehr am linken Flügel, sondern rechter Verteidiger der Serben, outete sich bereits mit seinem ersten literarischen Erfolg (Die Angst des Torwarts beim Elfmeter) als fundamentaler Fußball-Nichtwisser, denn nicht der Torwart hat beim Elfmeter Angst, sondern der Schütze. Handke schwingt sich hoch hinauf: »Der Fußball hat eine Seele. Er kann für eine Zeit der Schwerkraft der Erde widerstehen.« Doch da oben wird ihm die Luft knapp, und Handke fängt an zu spinnen: »Wie alles, was rund ist, ist auch der Fußball ein Sinnbild für das Ungewisse, für das Glück und die Zukunft.«

Weia! Auch das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung hebt steil ab: Fußball ist »in seinen feierlichsten Szenen ein Spiel von Passion und Erlösung, ein Überammergau. Es ist scheinbar nur ein kindliches Gekicke, doch in der Tiefe geht es dabei auch um den ewigen, metaphysischen Zweikampf zwischen Gut und Böse, Schön und Hässlich, Gott und Teufel.«

Ach, Gott, ja. Wir erlassen uns weitere Überhöhungen des im Grunde simpelsten aller Ballspiele und überlassen es dem Fußball-Fast- und Kunst-Vollprofi Tobias Rehberger, die Torpfosten gerade zu rücken. Rehberger, der am Frankfurter Städel lehrt, 2009 bei der Biennale in Venedig den Goldenen Löwen gewann und seit zehn Jahren eine Eintracht-Dauerkarte besitzt, schreibt im KulturSpiegel Erhellendes unter dem verdienstvollen Motto: »Intellektuelle nervten jahrelang mit ihrem ersatzreligiösen Blutgrätschen-Bohei um den Fußball.«

Kleine Collage aus den KulturSpiegel-Sätzen des großen Collagisten Rehberger: »Schriftsteller und Künstler, Philosophen und Soziologen entdeckten die Liebe zu einem zuvor oft missachteten Sport / Doch irgendwann mussten die jäh Entflammten feststellen, dass von ihren poetischen Schwüren und wilden Umarmungen nichts übriggeblieben war außer Kitsch und hohlen Gesten / Im Jahr 2010 ist die Liaison zwischen Intellekt und Torschusskunst in eine Beziehungskrise gerutscht / Man muss kein Therapeut sein um festzustellen: Eine Zeit der Trennung würde Geist und Fußball verdammt guttun.«

Stimmt, spätestens seit »junge Geisteswissenschaftler Ähnlichkeiten zwischen den Lehren Martin Heideggers und denen von Sepp Herberger aufzudecken« versuchten oder »Kulturwissenschaftler im Spielaufbau niederländischer Fußballteams deutliche Verweise auf die historischen Techniken der Landgewinnung an der holländischen Nordseeküste erkannten« (Rehberger).

Einige wenige versuchen ja schon, sich wehmütig vom Fußball zu lösen, wie die Macher des Reiseblatts der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: »Die Geräuschkulisse aus den Stadien wurde zum Grundrauschen unserer Existenz, das Grün des Rasens zur allgegenwärtigen Hintergrundfarbe unseres Alltags«, doch damit muss nun Schluss sein, die FAZ verspricht für ihre Reiseblatt-Seiten »fußballfreie Zonen in einer fußballverrückten Welt«. Wer umblättert, stößt jedoch gleich auf eine ziemlich fußballverrückte Kolumne (»Fußball total« im »Familienurlaub«) – süchtig werden ist nicht schwer, clean zu sein dagegen sehr.

Allen Kulturschaffenden, die sich nur schwer vom Fußball lösen können, schrieb der satirische Autor und Schriftsteller Joseph von Westphalen schon beim »Sommermärchen« 2006 ins ballgeschädigte Gewissen: »Im Laufe meiner Karriere als einsamer Fußballgegner habe ich eine Menge Argumente gegen das Volksverblödungsspiel ausgearbeitet. Ohne jedes Ergebnis. Ich war die kosmetische Gegenstimme. Die Millionengröler nehmen einen sowieso nicht zur Kenntnis, die intellektuellen Fußballfreunde überlesen die Kritik, wie man einen Furz überhört. Ich hatte ihnen vorgeworfen, sie kröchen mit ihrer Fußballbegeisterung in den vulgären Geschmack der Massen hinein, mit ihrer ewigen Suche nach dem verlorenen Proletariat seien sie noch nervtötender als randalierende Fanatiker.«

Wem selbst das nichts hilft, dem legt Joseph von Westphalen noch eine echte Tretmine vor den Fernseher und unter den Pantoffel: »Wenn ich durch die Fernsehprogramme zappe und ein Fußballspiel erscheint kurz auf meinem Bildschirm, habe ich ein ähnliches Gefühl, als wenn ich in Hundescheiße getreten wäre.«

Igitt! Das sollte wirken. Schluss mit Fußball! Endlich. Der Ball rollt, die Dilettanti sind wir los, jetzt können wir uns gehen lassen: Deutschland vor! Tor! Ooohhh wie ist das schön… (gw)

Veröffentlicht von gw am 11. Juni 2010 .
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Nach-Lese vom 5. Juni 2010 (Einstellpause)

Endlich! An unseren Bahnhöfen sollen wir nicht mehr »Bahnhof« verstehen, sondern statt »Service Point«, »Call a bike« oder »Counter« wieder die altdeutschen Bezeichnungen lesen und hören, die wir fast schon vergessen haben. Meldet Bild und beruft sich auf Verkehrsminister Ramsauer. Für die Fundamentalisten vom Verein Deutsche Sprache gehören Anglizismen wie »Service Point« sogar zur »Affensprache«, denn sie kennzeichnen, so ihr Vereinsblatt Deutsche Sprachwelt, einen verhängnisvollen Trend hin zu »Gestik und Grunzen«.

Zwar macht sich, wer von »Affensprache« spricht, womöglich selbst zum Affen, aber das nur am Rande, denn wo Verdenglischungsgefahr ist, wächst das Deutschrettende auch, wusste schon Hölderlin, und ich jetzt auch, denn kaum verlasse ich den Bahnhof, empfängt mich ein wunderbares deutsches Wort: Groß prangt es an einem Bus, der Einsteigewillige warnt, dass er in absehbarer Zeit nirgendwo hinfährt, denn er und sein Fahrer haben, nun ja, Einstellpause.

Macht nichts, ich fahre Rad, und da dieses tatsächlich noch da ist und auch seine von mir verordnete Einstellpause schadlos überstanden hat, eile ich munter tretend heimwärts und freue mich auf mein neues Steckenpferd, das ich nach dem Drahtesel reiten will und auf das einstellpausenschöne Wort »Freischneider« hört. Die Zeit ist reif, das Gras steht hoch, ich schreite zur Tat.

Da ich aber unter den deutschen Männern zu den Beidlinkshändigen gehöre, was nur Echtlinkshändern zum handwerklichen Vorteil gereicht, muss ich zunächst die Gebrauchsanweisung lesen. Wir kennen doch alle diese verhunzt ins Halbdeutsche übertragenen Unverständlichkeiten, die man belächeln, aber nicht verstehen kann. Aber die Gebrauchsanweisung für meinen Stihl FC 90 ist ein echtes deutsches Schmuckstück, sie muss ein besonders überzeugter Purist vom Verein Deutsche Sprache geschrieben haben, denn ich entdecke keinen einzigen Anglizismus in dem piekfein deutsch gestanzten Text.

Und welche wunderschönen deutschen Wörter ich kennenlerne! Zu allererst muss ich den »Festsitz des Zündleitungssteckers« prüfen, herrlich! Ich weiß zwar nicht, wer, was und wo ein Zündleitungsstecker ist, lasse mich aber nicht beirren, sondern will den Freischneider gleich vorschriftsmäßig in die Hand nehmen: »Bei Ausführungen mit Rundumgriff und Rundumgriff mit Bügel (Schrittbegrenzer) linke Hand am Rundumgriff, rechte Hand am Bedienungsgriff.« Na ja, das versuche ich lieber erst später.

Was muss ich noch beachten? »Grasschneideblätter und Dickichtmesser müssen zusammen mit einem Traggurt verwendet werden. Kreissägeblätter müssen zusammen mit einem Doppelschultergurt mit Schnelllösevorrichtung verwendet werden.«

Ist doch klar. Nun müssen Griffrohr und Bedienungsgriff befestigt werden. Zuerst die Klemmschalen, was immer das sein mag: »Die Knebelschraube mit aufgesteckter Scheibe bis zum Anschlag durch beide Schalen stecken – alle Teile zusammen halten und sichern, den ganzen, gesicherten Teileverband mit der Knebelschraube in Richtung Motor weisend auf die Griffstütze setzen, die Knebelschraube bis zum Anschlag in die Griffstütze drücken und dann eindrehen – noch nicht festdrehen, das Griffrohr quer zum Schaft ausrichten, den Bedienungsgriff mit dem Gashebel in Richtung Getriebe weisend auf das Griffrohrende schieben, bis die Bohrungen fluchten.«

Bis sie fluchten? Es ist zum Fluchten, Flüchten und Fluchen, trotz reindeutscher Sprache verstehe ich nur Bahnhof. Ratlos blättere ich im hinteren Teil der Gebrauchsanweisung, dort also, wohin ich gebrauchsangewiesen nie vorstoßen werde, und da wird’s offenbar derart kompliziert, dass selbst der Freischneider-Sprachpurist nicht ohne Fremdwörter auskommt: »Ist die richtige Pendellage erreicht, die Schraube an der Tragöse festziehen.«

»Pendellage«? Wie spricht man das aus? »Pendelaasche«? Partnerstadt einer hessischen Gemeinde? Und »Tragöse« – eine tragisches Liedgut vortragende Diseuse? Ich geb’s auf. Goethe hat’s ja gewusst, weit hinten im Faust: »Und niemand hat Erwünschtes fest in Armen« (ich meinen Freischneider), »der sich nicht nach Erwünschterem törig sehnte« (endlich freischneiden zu können).

Ach ja, Goethe. Bei der Mutter aller deutschen Sprachreinheitskampagnen, im 18. Jahrhundert, mischte auch der Dichterfürst munter mit. Von ihm kam der bemerkenswerte Vorschlag, die fies fremde Nase in Gesichtserker und das ebenso lateinischstämmige Fenster in Wandaußenöffnung umzubenennen.

Oder war’s gar nicht Goethe? Ist ja auch egal. Was zwar wiederum ein Wörtchen französischen Ursprungs ist, aber wir Hessen wissen auch: Egal is’n Handkäs. Und nun hat Einstellpause: (gw)

Veröffentlicht von gw am 4. Juni 2010 .
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Baumhausbeichte - Novelle