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Nach-Lese (Druck auf Papier/24. April 2010)

Was soll diese Überschrift? »Druck und Papier«, das kannten wir, mit »IG« davor. Heißt heute »ver.di«. Aber »Druck auf Papier«? Scheinbar viel zu simpel, zumal im gediegenen Kultur-Ressort, um eine gute Schlagzeile zu sein. Ähnlich banal wie »Butter auf Brot«. Aber gerade die Butter wollen sie uns ja vom Brot nehmen! Denn – Schlagzeilen sind immer Ellipsen (»Feuer!«), also Verkürzungen längerer Sätze (»Hier brennt ein Feuer, bitte helfen Sie!«) – in unserer Print-Branche brennt es in der Tat: Der Druck auf Papier nimmt zu, weil der Druck auf Papier abnimmt.

Dreifach schlägt die Krise zu: Nicht-Muttersprachler, Unterschichtler und junge Nur-Onliner, jeweils wachsende Teile der Gesellschaft, gehen als Zeitungsleser verloren, während die Stamm-Klientel aus der reifen bürgerlichen Mittelschicht zusammenschmilzt, teils aus wirtschaftlichen, teils aus biologischen Gründen. Der eine Trend ist, so zuversichtlich wollen wir sein, umkehrbar. Der biologische nicht.

»Die Zeitungskrise ist keine konjunkturelle, sondern eine stete; in 20 Jahren ist die hiesige Auflage um ein Drittel gefallen. Zwei bis drei Prozent pro Jahr beträgt der Verlust in der westlichen Welt«, schreibt Josef Joffe in der Zeit. Deftig, wie von ihm gewohnt, formuliert Ex-RTL-Chef Helmut Thoma in der Süddeutschen Zeitung: »Die Zeitungen sind ein absterbendes Gewerbe. Diese Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten. Sie brauchen sich doch nur die Anzeigenlage anzuschauen. Die Anzeigen gehen nicht mehr in die Zeitung, sondern ins Netz. Auf Dauer ist das ein Rückzugsgefecht.«

Das trifft ins Mark, und am schlimmsten getroffen fühlen sich die auf Papier Kulturschaffenden. Ihre zumeist langen Texte (auch dies wird ein solcher) gelten nicht nur auf Papier als antiquiert, daher tasten sich die einen mit dem Spielbein ins Netz vor und bloggen dem Pfau in sich eine inter-nette Bühne zurecht, die anderen kritisieren oder beschimpfen die digitale Unkultur. Alle aber stehen mit dem Standbein auf Papier, denn nur hier wird (noch) das Geld verdient, das viele Verlage im Netz mit vollen Händen ausgeben. Klickzahlen sind das neue Zauberwort, und daher stellt man sich auf den Internet-Marktplatz, verschenkt Zehn-Euro-Scheine und freut sich ein Loch in den Bauch und in die Kasse, wenn man mehr Abnehmer findet als die Verschenker-Konkurrenz.

Aber langsam formieren sich in den Feuilletons auch die Kritiker und Verächter, ermutigt wohl auch von einem ihrer Größeren, FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher, und dessen gedrucktem 2009-Bestseller »Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen«. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schreibt jetzt vom »Unbehagen an der digitalen Macht« und fragt: »Ist das Internet wirklich ein Medium der Emanzipation und des Umsturzes – oder ist es ein Werkzeug der Kontrolle und der Unterdrückung?«

Auch Nostalgie macht sich breit, die Sehnsucht nach der guten, alten Zeitung und ihrem kleinen dicken Bruder Buch: »Bücher passen zu unseren Händen, unseren Schößen und Tischen. Nichts verleiht einem Zimmer so viel Wärme wie ein Bücherregal«, schwärmt David Gelernter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: »Bücher müssen nie aufgeladen werden. Bücher tragen dazu bei, die abweisenden Plastikoberflächen des modernen Lebens auszugleichen.« Bemerkenswerte Sätze, immerhin eines Professors für Computerwissenschaft, zumal Gelernter einst mit »Papier« schwer verletzt wurde – durch eine … Briefbombe (!) des Terroristen Theodore Kaczynski, genannt »Una-Bomber«.

Aber Nostalgie allein hilft der Zeitung nicht auf die Papier-Beine. Auch hoffnungsvoll gesichtete Trendchen nicht: Angeblich »werden die Blogger nostalgisch und merken plötzlich, wie viel Mehrwert doch das Blättern hat«, pfeift die Süddeutsche Zeitung im Klick-Walde, nur weil das New Yorker Modemagazin I Like My Style, das bisher lediglich als Blog erschien, nun auch gedruckt wird.

Gibt es überhaupt einen Ausweg? Im London des 18. Jahrhunderts machten gesellschaftskulturelle Antimodernisten eine apokalyptische Rechnung auf, nach der die Stadt in hundert Jahren unter einer zwanzig Meter dicken Schicht begraben läge – aus Pferdemist. Wenn sich die Zahl der Pferdefuhrwerke gleichbleibend schnell vergrößere. Im London-City des 21. Jahrhunderts findet man keinen einzigen Pferdeapfel mehr, es sei denn, ein edles paradierendes Ross spürt beim Geburtstag der Queen ein pferdliches Bedürfnis und äppelt.

Apple! Wächst in der Gefahr nicht der Pferdemist, sondern das Zeitungsrettende? Nach seiner Krisen-Bestandsaufnahme juchzt Josef Josse in der Zeit: »Gott liebt die Zeitung, sonst hätte Er unserer Zunft nicht das rettende iPad geschenkt.« Vorteil: »Es verschwindet nicht der Text, sondern das Papier. Die Jobs werden nicht verschwinden, weil nur das Papier ›gefeuert‹ werden muss, um die Werbeverluste auszugleichen.«

Was ist das eigentlich, dieses Dingsda? Ein anderer Euphoriker, Ferdinand von Schirach, Rechtsanwalt und Schriftsteller, klärt in seinem Spiegel-Essay auf, »Warum das iPad die Zukunft des Lesens ist«. Und zwar deswegen: »Das iPad ist das neue Gerät des Soft- und Hardware-Herstellers Apple. Es besteht nur aus einem schwarzen Glasbildschirm, es ist etwa sechs Zentimeter kürzer und zwei Zentimeter schmaler als eine DIN-A4-Seite. Es ist dünn, sehr dünn. Es wiegt ungefähr 700 Gramm. Und, um es gleich zu sagen: Es ist die Zukunft. Punkt. Es gibt darüber keine Diskussion.«

Okay, dann diskutieren wir erst gar nicht. Ist ja auch zu verlockend: Eine digitale Zeitung, die später einmal sogar aussieht, sich anfühlt und bezahlt wird wie eine echte Zeitung. Also: »Für die Zeitungsbranche ist es vermutlich die letzte Möglichkeit, das Rad, das sie durch kostenlose Internetseiten zu weit gedreht hat, nochmals zurückzudrehen und Geld zu verdienen.« (von Schirach)

Dave Eggers, amerikanischer Bestseller-Autor, sieht das, obwohl jung, »hipp« und stilistisch alles andere als »retro«, in einem Interview etwas anders: »Es gibt jetzt all die Leute, die annehmen, dass es in fünf Jahren keine Zeitungen mehr geben wird und in zehn Jahren keine Bücher. Die der festen Überzeugung sind, dass sich das Lesen irreversibel ins Elektronische verlagern wird. Ich glaube nicht daran. Alle möglichen Medien sind schon für tot erklärt worden, wenn es ein neues gab: der Roman, das Radio, das Fernsehen, das Kino. Ich glaube, dass es immer Zeitungen und Bücher geben wird.«

Zu den E-Book-Lesern gehört Eggers, der sogar das Wagnis der Gründung einer – gedruckten – Zeitung eingegangen ist, also nicht? »Ich habe das natürlich ausprobiert. Speziell das iPad wird auf dem Markt sicher keine geringe Rolle spielen. Aber für mich ist das nichts, ich brauche beim Lesen die haptische Erfahrung. Außerdem lese ich immer in der Badewanne. All meine Bücher sind irgendwann mal nass gewesen.«

Mit Dave Eggers kommen wir zur Conclusio, als Beispiel, welche Nachteile große Verlage kostenintensiv für sich in Kauf nehmen, um das Internet für andere noch vorteilhafter und billiger zu machen. Schlagzeile: Katze beißt sich in den Schwanz. Unterzeile: Wie man erfolgreich am eigenen Ast sägt. Text: In der Vorbereitung für diese Kolumne erinnerte ich mich vage, ein Interview mit Dave Eggers gelesen zu haben, in dem der Schriftsteller das Hohelied auf die gedruckte Zeitung singt. Wo? Wann? Vergessen. Aber: Das Interview aufzuspüren – nichts leichter als das. Alles Gedruckte kommt schließlich ins Netz, Ehrensache (ja, ich weiß, natürlich auch diese Nach-Lese), da googel ich einfach »Dave Eggers« und »Zeitung« und werde schon beim ersten Treffer fündig. Schnell, einfach und kostenlos.

Bei welchem Anbieter habe ich das Interview wiedergefunden? Wohl bei faz.net. Oder doch bei welt.de, sueddeutsche.de, bild.de, zeit.de, spiegel online oder was? Weiß nicht mehr. Macht nichts, kostet nichts. Macht’s »klick«? (gw)

Baumhausbeichte - Novelle