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Klappentext (17. 4. 2010)

Wenn Schriftsteller Tagebuch schreiben, blicken wir ihnen lesend über die Schulter und glauben, in ihr Herz schauen zu können. Durch diese Illusion, denn es ist eine solche (der Autor weiß: Leser liest mit, und wenn’s erst nach meinem Tod ist), finden Tagebücher großer Literaten oft mehr Leser als manche ihrer Romane. Obwohl die Romane meist sehr viel Intimeres verraten.
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»Morgens lüge ich. Mittags sage ich die Unwahrheit. Abends erfinde ich etwas Passendes. So komme ich ganz gut durch.« (Martin Walser, Tagebücher 1951-1962).
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»Lange hat Günter Grass überlegt, wie er möglichst viele Menschen dazu bringen könnte, seine Lebenserinnerungen zu kaufen. Da fiel ihm glücklicherweise ein, dass er mal Mitglied der Waffen-SS war. Das könnte Walser nur noch übertreffen, wenn er bekennt, seinen Müll nicht zu trennen«, lästert der große Spötter Hans Zippert in der »Welt«. Solch ein fieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit würde sich Walser nun wohl doch nicht leisten, wie wir hoffen, aber er hat schon früh bekannt, nationale Triumphe mit der Hitlerjugend gefeiert zu haben – als HJ-Reichsmeister im Marine-Signalwinken. Wirklich!
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Ein dritter großer Bekenner, Walter Kempowski, hatte an einem Gespräch mit Grass oder Walser, überhaupt kein Interesse: »Ich bin Antialkoholiker, ich rauche nicht, ich hure nicht. Also, was soll ich mit den alten Herren noch reden?« – Kempowski (Jahrgang 1929) ist tot, gestorben mit 78, Grass und Walser (beide Jahrgang 1927) leben. Putzmunter.
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Nun ja, Kempowski war Nichtsportler, Grass tanzt, Walser schwimmt. Im Bodensee, täglich: »Nur kraulen. Aber das liegt daran, dass ich keinen Hals habe. Wenn ich einen hätte, dann würde ich auch brustschwimmen. Nein, wirklich wahr. Ich kraule jeden Morgen etwa vierzig Minuten« (SZ-Magazin). Und im Tagebuch notiert Walser akribisch, wie weit er täglich kommt.
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Schöne Walser Sätze: »Offenbar ist jeder Mann eine Parodie des Männlichen« (in »Meßmers Reisen«). – »Schreiben bedeutet für mich, etwas so schön zu sagen, wie es nicht ist« (im aktuellen »Spiegel«-Interview). – »Heilandzack, dieses Gießen!« (lässt er in »Seelenarbeit« den Chauffeur Xaver Zürn erstaunt ausrufen).
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Heilandzack, dieser Walser!
(gw)

Baumhausbeichte - Novelle