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Ein Mensch namens Walser (17. 4. 2010)

Die geschundene Seele klagt, wimmert, schreit – und schreibt ihre Verzweiflung ins Tagebuch, Tag für Tag, Woche für Woche. Ausgerechnet »Jenseits der Liebe«, einen der walserischsten aller Walser-Romane, verreißt der schon damals gefürchtete Marcel Reich-Ranicki auf grausamste Art.
Wer die Kritik noch einmal liest, sieht förmlich, wie sich MRR dabei hämisch-genüsslich die Lippen leckt: »Ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman. Es lohnt sich nicht, auch nur ein Kapitel, auch nur eine einzige Seite dieses Buches zu lesen.«
Kein Wunder, dass der nach bedingungsloser Zuneigung lechzende Martin Walser nicht nur am Boden, sondern auch in sich selbst zerstört ist. Er taumelt von einer hilflosen Rachephantasie in die nächste, und zum Glück hat er die Gabe, seine Mordgelüste schreibend therapieren und abreagieren zu können, wenigstens bis auf ein gerade noch erträgliches Maß.
Ohne das Tagebuch-Ventil – wer weiß, ob ein Mensch nicht auch physisch zerstört worden wäre. Nicht Reich-Ranicki, sondern ein Mensch namens Walser. Denn zur wahren Gewalttat wäre ein Walser wohl nur an sich selbst fähig.
In allen Rezensionen von »Leben und Schreiben. Tagebücher 1974 – 1978« spielt das hemmungslos verzweifelte Winden und Wüten des Autors gegen den Kritiker die Hauptrolle. Doch den dritten Band der Walser-Tagebücher auf jene spannende, kolportagehafte Aufregung zu reduzieren, würde dieser großen literarischen Spontan-Collage nicht gerecht. 74/78, das sind die beginnenden besten Jahre des Autors Walser, und das spürt und liest man auf jeder Seite dieses Auch-Tagebuchs, das viel mehr eine Sammlung von Notizen, Gedanken, Gedichten, Aphorismen ist und nicht zuletzt ein Wort-Steinbruch, in dem die Konturen in den Jahren danach geschriebener, noch zu schreibender und auch womöglich nie geschrieben werdender Romane sichtbar sind.
Ein jeder finde darin seinen eigenen Schatz. Als großer Verehrer des jungen und mittelalten Walsers, hingerissen vom »Schwanenhaus« bis zur »Brandung«, von »Ehen in Philippsburg« bis »Ein fliehendes Pferd« (der perfekten, fast zu perfekten Novelle, wahrscheinlich der besten der letzten 50 Jahre deutschen Literaturschaffens), genießt man vor allem die durchaus auch eitel um sich kreisenden Selbstbefindlichkeitsbeschreibungen, das schaurig-wohlige Suhlen im eigenen Sumpf der Unzulänglichkeiten und Undenkbarkeiten, die wir alle kennen, aber so nicht zu sagen oder schreiben wagen und es auch gar nicht könnten, nicht einmal ansatzweise, selbst wenn wir nicht zu genant dazu wären. Walser schmeckt jedes einzelne Wort genießerisch ab, vor allem das ingeniös selbst erschaffene, genießt wohlig schamhaft das scheinbar schamlose Bekennen und breitet vor dem Leser einen prachtvollen Wort-Teppich aus, auf dem wir nur niederknien können und das tun, was Walser am liebsten hat: ihn hemmungslos lieben und bewundern.
Leider stand Martin Walser in den letzten Jahren selbst für manche seiner früher begeisterten Leser (»man« bezieht sich ein) überwiegend für johannistriebartige Verbalerotik peinlicher Lustgreise. »Er war auf dem besten Weg, eine Art Dieter Bohlen für die gebildeten Stände zu werden«, der uns »in angehäuften Geschmacklosigkeiten mit seiner Greisensexualität konfrontierte«, schreibt die »Welt«. Umso größer ist die Freude, dass sich Walser, fast gleichzeitig mit der Veröffentlichung seiner 74/78-Tagebücher, mit seiner Novelle »Mein Jenseits« »in einen ernst zu nehmenden Schriftsteller zurückverwandelt« (»Welt«).
Dreißig Jahre nach 74/78 kehrt Walser in der Tat zu seinen schriftstellerischen Wurzeln zurück. »Mein Jenseits« ist dem Vernehmen nach Kostprobe und Vorbote eines neuen großen Romans des Altmeisters vom Bodensee, der dem »Jenseits«-Protagonisten Augustin Feinlein den Kernsatz von – nicht nur – dessen Lebensgeschichte in den Mund legt: »Wir glauben mehr als wir wissen« (was angesichts unseres übergroßen Nichtwissens allerdings nicht allzu viel Glauben verlangt, aber dies nur am Rande).
Natürlich kämpft auch Feinlein mit der Liebe und dem Alter, aber nicht mit greisensexuell angehäuften Geschmacklosigkeiten, sondern in guter, alter Walsermanier.
Feinlein, Chef eines psychiatrischen Krankenhauses, liebt die Frau seines Oberarztes, mit der er vor einem halben Menschenalter verlobt war und die er immer noch liebt. Und sie ihn? Sie könne ihn nicht vergessen, sagt sie beziehungsweise schreibt sie, auf gelegentlich verschickten Postkarten. Soll er ihr glauben? Eine echte Glaubensfrage, und da bevorzugt Feinlein eine Variation seines Kernsatzes: »Eine Sekunde Glauben ist mit tausend Stunden Zweifel und Verzweiflung nicht zu hoch bezahlt.«
Augustin Feinlein muss, wer nicht?, irgendwie mit dem Älterwerden fertig werden, und als flankierendes Hilfsmittel verzichtet er verdrängend auf die Gewissheit des Wissens um seine Lebensjahre, sondern hat mit 63 aufgehört, sie zu zählen.
Walser auch? Bei 63? Oder doch schon beim gefühlten wahren Alter der Feinleins und Walsers – lebenslang 14? Man ist nicht allein.
Eine bittersüße Pointe des MRR-Verrisses von »Jenseits der Liebe« bleibt ein möglicher Grund für Walsers größten Erfolg, »Das fliehende Pferd«. Eine Novelle wie aus einem Guss, klar, prägnant, perfekt angelegt und durchgeführt, bei der jeder Ton trifft und sitzt und kein überfüssiger zu hören oder lesen ist, so unwalserisch stringent, abschweifungs- und wortfindungsverliebtlos geschrieben, als hätte ein bockiger 14jähriger Schüler seinem verhassten, strengen Deutschlehrer nach einer bitterbösen, ihn vor der ganzen (gemischten natürlich!) Klasse vorgelesenen und ihn blamieren sollenden Aufsatzbewertung zeigen wollen, dass er ihm gerne und sogar mühelos eine Arbeit hinschleudern kann, die alle verlangten Kriterien des gestrengen Unmenschen erfüllt, so dass dieser nicht umhin kann, ihm ein »Sehr gut« zu bescheinigen. Was Reich-Ranicki dann auch tat. Walser blieb bockig.
Blieben wir auch.
Wie lebenslang 14. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle